Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64. «Tiidieclie Bundaoliau. *ifeciö. Befunden, der er alles ln die Schuhe schiebt, für den Fall, dass der offizielle Zionismus sich seine unberufene Einmischung verbitten sollte. Er behauptet also flottweg, dass die demokratisch-zionistische Fraktion sich die Aufgabe gestellt habe, die jüdische Religion auszurotten. Dem gegenüber konstatieren wir, die wir. aus unserm der Fraktion und der Fraktionierung ab- .holden Standpunkt nie einen Hehl gemacht haben, dass die Fraktion mehr noch als die Zionistische Partei Wert darauf legt, dass in Partelangelegcnhcltcn kein religiöser. Standpunkt irgend welcher Art eingenommen werden soll, und die An- ,merkung zu § 3 ihres allgemeinen Programms schliesst eine . Stellungnahme in religiösen Dingen direkt aus. Die Berner Studentinnen in der ״Küche“ haben also mehr noch gegen die Grundsätze der Fraktion als gegen die des Zionismus im allgemeinen verstoßen und wenn wir auch sonst nicht für die Fraktion Partei und Wort ergreifen wollen und mögen, so müssen wir doch um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen um so entschiedener.gegen die Unterstellungen Verwahrung einlcgen, die man der Fraktion macht. Wir würden es für ' eine Entweihung unserer religiösen Ucberzeugungcu halten, sie zur öffentlichen Diskussion zu stellen, dass ieder sie mit seinen unsaubern Händen antasten kann! Wir werden uns durch solche Angriffe, wie den des Dr. Seliger, nur uni so mehr in unserer Ucbcrzeugung bestärken, dass religiöse Differenzen nicht Gegenstände öffentlicher Diskussion und Abstimmung sein sollen. Herr Dr. Seliger schliesst seinen frommen Artikel mit den Worten: ..Dass aber im Namen des Judentums wider das Judentum gewütet wird, ist leider ein Produkt des Zionismus**. Wir haben nur die eine Antwort darauf: ״Wer's glaubt, wird selig, und wer’s nicht glaubt, seliger!“ . Berlin. Am 24. d. Mts. findet in der Philharmonie eine musikalische Aufführung althebräischer Gesänge statt. Das Programm ist nach musikgeschichtlichcn Gesichtspunkten, unter dem sachverständigen Beirat des Herrn Prof. Dr. Oskar Fleischer entworfen. Die Leitung des Chors hat Herr Kapellmcister Albert Kellermann. Chordirigent der neuen Synagoge, freundlichst übernommen. Für die Solipartieen sind bewährte Kräfte gewonnen, so: Frau Sophie Heitnanii-Engcl (Sopra 0. Herr Rudolf Berger, kgl. Hofopernsänger (Baryton). Herr Werner Alberti (Tenor). Herr Heinrich Grünfcld, kgl. Hofccliist (Cello), und verspricht diese Aufführung somit eine geniissrciche, interessante Darbietung. Da überdies der Reinertrag für einen wohltätigen Zweck bestimmt ist. nämlich zum Besten des I. isr. Volkskindcrgartens und -horts, darf wohl auf zahl- 'reichen Besuch gehofft werden. Billets werden vom Vorstand versandt und sind ausserdem bei Bote und Bock zu haben. ־ Aus dem ״judenfreundlichen“ Ungarn wird geschrieben: Einem Wunsche der Agrarier kam die Regierung mit der Vorlage über das Wohnrecht von Ausländern in Ungarn und der Errichtung einer Grenzpolizei nach. Diese Vorlagen sollen Abhilfe schaffen gc^cn die Einwanderung von Juden aus Galizien und Rumänien, die Infolge der russischen und rumänischen Judenverfolgungen in den letzten Jahren zugenomnicn haben. Die HauDtbestimmung ist. dass jeder Ausländer, der in Ungarn zu Wohnen beabsichtigt, binnen 15 Tagen nicht nur nachweisen muss, dass er sich und seine Familie dauernd erhalten kann, sondern auch .seine Personenidentität und Staatsbürger-. Schaft dokumentarisch zu erhärtea hat. Da aber die Er־, fiillung,dieser Verpflichtung seitens der rumänischen Juden, die Ja vön’kcincm Staate als ihre Bürger anerkannt werden, und. von’Seiten der russischen Auswanderer, die la keinerlei Doku-; mente erhalten, ausgeschlossen ist. so ist demnach auch j’ede: Einwanderung derselben nach Ungarn unmöglich gemacht. Ueberdies können aber auf .Grundlage der neuen Vorlage auch alle ienc ziemlich zahlreichen russischen und rumänischen Juden.. die sich in den letzten Jahren hier anecsicdclt und eine Existenz gesjchäffcU .häbent aus Ungarn •.ausgewiesen werden. : Bukarest. Zu den rohen und barbarischen Unterdrüctyingcn, der Entrechtung und Vergewaltigung der Juden kommt noch hinzu, dass sich die rumänische Nation nicht damit begnügt, den Juden die Mittel zu leben zu rauben, •sondern sie sucht auf alle mögliche Welse noch die Juden zu kränken und zu beschimpfen. Die Juden haben sich früher in christlichen Ländern einen •Eid ..inore judaico“ aurzwingen lassen müssen, der offenbar lucus a non lucendo so hicss, weil er der Lehre des Judentums selinurstracks ins Gesicht schlägt. Es war .cfas ein bequemes Mittel, in) Rechtsstreite mit Juden Recht zu bekommen. Denn man du rite voraussetzen, dass in den meisten Fällen der Jude lieber sein Recht verior, als dass er einer Eidesform genügte, die seinem Gewissen lind seinem Ehrgefühl Hohn sprach. Seitdem revolutionäre Ideen den Boden Europas für eine neue Saat empfänglicher gemacht haben, ist in den Staaten Europas, sogar in Russland diese Eidesform für Juden aufgehoben worden. Nur das Kulturland an der Donaumündüng hat diese Form nicht gesetzlich abgeschafft. Es bleibt dem freien Ermessen jedes Richters anheimgegeben, ob er den Juden einfach auf die Bibel oder.״morc judaico“ vereidigen lassen will. In Ermangelung anderer Mittel, sich gegen den hiermit verbundenen groben Unfug zu wehren, haben verschiedene Judengemeinden ihren Rabbinern verboten, den Eidesleistungen ״more judaico“ beizuwohnen, und sich ausserdem geweigert, ihre Synagogen zur Vornahme solcher Zeremonien herzugeben, die das Judentum beschimpfen sollen, und die nach den Gesetzen anderer Länder unter die Paragraphen fallen, nach denen Gotteslästerungen bestraft werden. In Braila hat sich nun Rabbiner Marguliek geweigert, seine Beihilfe zu einem einer jüdischen Partei am'erlegten Eide ' more judaico“ durch seine Gegenwart zu leihen, und wurde infolgedessen zu 200 Franken Geldstrafe verurteilt. Die jüdische Gemeinde in Braila hat durch Annifung des Appellationsgcrichtshoics ihre Ucbcreinstimmung mit dem Vorgehen ihres Rabbiners ausgesprochen und will auf diese Weise ein obergcrichlichcs Erkenntnis hervorrufen. Und doch gibt es ein Dutzend oder mehr ״Rumänen mosaischer Konfession“. Und da wagt mau noch über jüdische Unbescheidenheit zu klagen. Jerusalem. Bezugnehmend auf meine Notiz in Nr. •11 dieses Blattes kann icli Ihnen die freudige Mitteilung machen, dass der eine von den Sch werverbrannten bcreits das Spital verlassen hat, während der andere aui dem Wege der Besserung sich befindet. Auch die beiden Kinder haben sich rasch erholt. — Dass leider die Cholera im heiligen Lande an verschiedenen Orten ausgebrochen ist, werden Sie schon von anderer Seite gehört haben. Jerusalem blieb Gott sei dank bis heute von dieser ebenso gefährliche!) wie grässlichen Krankheit verschont. AlieindieTeuerungdroht. als die nächste Folge der bösen Krankheit, indem aus Vorsicht, Jerusalem, um die Seuche nicht weiterhin zu verschleppen, von jeder Zufuhr völlig abgeschnitten worden ist, laut Ordre höheren Ortes, schon heute fiircliterliche Dimensionen anzimehmen. Ihr stetes Drängen auf Reformen in der Chalukali ist zumal durch die Konsequenzen, die aus den neuesten (und ihnen ähnlichen) Ereignissen zu ziehen sind, nur zu sehr gerechtfertigt. Möchten doch die massgebenden Kreise anfangen, einmal mit den Tatsachcu zu rechnen! . v * Odessa. Der Gouverneur von Taurien hat alle ihm unter־ stehenden Behörden auf die wiederholten Entscheidungen des Senats, welche Juden ohne Ausnahme gestatteten, sielt aus Gesundheitsrücksichten oder zu Handclszwcckcn vorübergehend auf dem platten Lande aufzuhalten, aufmerksam gemacht und aus diesem Grunde den Landgendarmen verboten. Juden, die sic ausserhalb der Städte und Flecken antreffen,, auf eigene Faust auszuweisen. Letzteres dürfe nur vom Landrat des Kreises verfügt werden. Zugleich hat der Gouverneur angeordnet, dass unseren Stammesgenossen der vorübergehende Aufenthalt in den Dörfern einfür allemal zu gestatten sei. Diese für die Juden der Halbinsel Krim so überaus günstige Wendung wurde auf Drängen der Bauern und der die Interessen der Gutsbesitzer, vertretenden Scmstwos herbeigerührt, weiche schon seit Jahren die Behörden mit' Bitten bestürmen, den Juden wenigstens zur Zeit der Ernte den freien Verkehr aui dem flachen Lande cmzuräumen. da die Bauern infolge . des Fehlens der jüdischen Einkäufer gezwangen waren, ihre Produkte den christlichen Wucheret n um jeden Preis zu überlassen. Aus demselben Gruirue situ! auch zahlreiche Dorfgemeinden und grössere Gutsbezirke um die Gewährung von Stadtrechten bc» der Regierung vor ג