Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651274-2651282--00062-2656831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 60. «Tiidisclie Rundschau. Moment, das von Silvagni auffälligerweise nicht berührt wird, dürfte jedoch hierbei weit mehr in Frage kommen, nämlich die grössere Sorgfalt der Juden in der Auswahl ihrer Lebensmittel. Die Speisegesetze, die gerade von den in den gedrücktesten Verhält-־ nissen lebenden Juden am genauesten befolgt werden, sind in Wahrheit eine Schutzwehr gerade gegenüber den zahlreichen von den Verdauungsorganen ausgehenden Infektionskrankheiten, wie Typhus, Cholera, Ruhr. . Auch der hygienische Wert einer strengen Innehaltung der Ruhetage, dieser grossen Wohltat, die das Judentum der Kulturmenschheit geliefert hat, dürfte hierbei eine Rolle spielen. Wenn Silvagni am Schluss seines Artikels ausführt, dass mit der zu' nehmenden Assimilierung der Juden an die übrige Bevölkerung ihre auffällige Immunität gegenüber den grossen Volksseuchen schwindet, so zeigt dies deutlieh, worin der Schutz der jüdischen Bevölkerung besteht, da«s es sich dabei nicht sowohl um eine Rasseneigentümlichkeit, als um eine Eigentümlichkeit ihrer Lebensführung handelt. Die hygienischen Gesetze skrupulöser Reinlichkeit, die für die moderne ouropäischo Bevölkerung erst in den letzten Jahrzehnten in Aufnahme gekommen sind, gelten bei den Juden seit Jahrtausenden und enthalten in ihrem Kerüo sehr viel Wahres und Beachtenswertes. Es sei in dieser Hinsicht an das Waschen der Händo vor der Mahlzeit erinnert!**) Einen Einfluss der Beschneidung auf die Empfänglichkeit für Krankheiten weist Silvagni mit Recht zurück. Der Immunität der Juden gegenüber den grossen Volksseuchen steht gegenüber ihre grössere Empfänglichkeit für andere Krankheiten. Bekannt ist ihre grosse Neigung zur Zuckerkrankheit, obwohl in den gewöhnlich hierüber gemachten Angaben viel Ueber- . triebenes enthalten ist. Die Juden sind aber auch verhältnismässig empfänglich für Gicht, Gallen- und Nierensteine, Neuralgien, chronischen Rheumatismus. Silvagni meint, dies weise darauf hin, dass der Stoff- Wechsel sich bei den Juden etwas anders abspielt, als bei der nicht-jüdischen Bevölkerung, eine Schlussfolgerung, die jedoch wohl noch sehr der eingehenden Prüfung bedarf. **) Nur darf man die schöne Lfppcrt'schc Bemerkung nie vergesssen: ,Die weitverbreitete Sitte des o'fizscllcn Händewaschens vor dem Speisen ist ein Schritt zur Reinlichkeit, aber kein Beleg derselben.* (Die Redaktion.) N0• 40. Zweifellos ist die grössere Neigung der Juden zu Krankheiten des Gehirns und der Nerven, Schon in der Bibel werden zahlreiche Fälle von üysterie, Sinnestäuschungen und Wahnsinn beschrieben. In der neueren Zeit wird allgemein berichtet, dass unter den Juden verhältnismässig viel mehr Geisteskrankheiten als unter der nicht-jüdischen Bevölkerung Vorkommen. Für das Deutsche Reich wird z. B. für 1871 angegeben, dass auf 10 000 Christen 8.6 Geisteskranke, auf 10 000 Juden* 16,1 kommen. Dagegen befallen dio Tabes und •/die progressive Paralyse die Juden verhältnismässig wenig, was augenscheinlich mit der geringen Verbreitung der Syphilis unter ihnen zusammeiihängt. Als Ursache der grossen Neigung der Juden zu Geisteskrankheiten kommen zwei umstände in Betracht, dass die Juden fast sämtlich in Städten wohnen, und dass sie grösstenteils Berufe ausüben, die eine angestrengte geistige Arbeit erfordern. Die interessanten Angaben Silvagni’s zeigen deutlieh, dass dieJuden einekeineswegs entartete Rasse bilden, und dass das Elend und die Verfolgungen, welche sie so viele Jahrhunderte hindurch erduldet haben, ihre Widerstandskraft eher erhöht als vermindert haben...BL. Rn unsere geehrten iHitarbeiter 11. Ccscr. Wir bitten wiederholt, freundlichst zu beachten, dass Redaktion u. Geschäftsstelle der ,,Jüdischen Rundschau“ auch örtlich getrennt sind. Danach sind ausnahmslos alle für die Jüdische Rundschau bestimmten Geld- Sendungen, Bestellungen und geschäftlichen Mitteilungen ausschliesslich an den ••- . ־ ״Verlag jüSisch ßuuBscta, £: §• 81. b. Berlin C22׳, Euguststrassc 49a: : zu adressieren. Dagegen wird dringend gebeten, alle auf den Inhalt der Zeitung bezüglichen Mitteilungen, also alle für die Redaktion bestimmten Sendungen an - die Adresse . : . Dr. läelnrlcl) Coetve, ׳ ■ : Berlin fi04ö, Ce&rtcrslrasse 14/15 richten zu wollen. Redaktionsschluss: Dienstag n.achmittag 5!Uhr. Zur Geschichte des iiidlscljeii Handels Im früheren Ißittelalter. Eine historische Skizze von H einr ich Loewe. (Fortsetzung.) ־ Als im Jahre 797 Karl der Grösse zu dem Khalifen Hharun ar-Raschld eine Gesandtschaft nach BagdAd schickte, gibt er, wie Einhards Jahrbücher (ad. an. 801, M. G. S. S. 1; 190) angeben, seinen Gesandten Lantfrid und Sigismund einen Juden namens Isaak als Begleiter mit. Dieser, der neben den beiden fränkischen Edetleuten selbstverständlich nur die Rolle eines Dolmetschers spielte, verstand die arabische Sprache, ein Umstand, aus dem wir schliessen dürfen, dass er schon früher w'0111 zu öfteren Malen zu Handelszwecken den Orient besucht hatte. Nur dem Umstande, dass,Lantfrid und Sigismund unterwegs verstürben, .verdankt es Isaak, dass er in die Stelle eines ordentlichen. Gesandten auf rückt, wührend er eigentlich nur infolge seiner Landes- und Sprachkenntnis der Gesandtschaft als Begleiter beigegeben wrär.- Fer~ ner wird uns aus der Zeit Karls des Grossen noch eine Anekdote erzählt, die ebenfalls auf den jüdischen, orientalischen Grosshandcl hinweist. Der Bischof Richuif, der von 787 .bis S13 das Mainzer Erzstift regierte, war beim Kaiser Karl nicht gut angeschrieben, und da dieser ihm einmal einen Streich spielen wollte, so befahl er einem jüdischen Kaufmann, der sehr oft nacli Palästina kam, um von dort kostbare und unbekannte Dinge nach dem Abendlande zu bringen, den Erzbischof Richuif gehörig zii betrügen. Der Jude kam nun zu diesem und brachte ihm ein kleines, schwarzes, fast eine Hand langes Tier, das er nach seiner Aussage aus Judäa selbst mitgebracht habe, und das in Europa noch nie gesehen worden sei. Der heilige Mann, der ausserordentlich wünschte, eine solche Seltenheit in eigenem Besitze zu haben, zahlte für das Tier eine ungeheure Summe. Aber w ie erstaunte er unwillig, als seine Bekannten, denen er das wundersame Geschöpf-zeigte,. wie aus einem,Munde ausriefen: ״Aber, lieber Richuif, das Ist Ja eine •ganz gewöhnliche Maus!“ Es ist selbstverständlich, dass wir es hier nicht mit einer wahren *Erzählung zu tun haben, sondern dass die ganze Anekdote in das Reich der Fabel gehört. Aber cs ist charakteristisch für den Gesichtskreis des Erzälilers, dass es für ihn ebenso wie für seine Leser selbst-