Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 47 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45. Seite 47. tJii iioi-he auch den Qegner zu gespannter Aufmerksamkeit, die nuf durch den lebhaften Beifall der Zuhörer an den zahlreichen Stellen feiner und geistvoller Satire unterbrochen. Er legte die Gründe dar, aus denen bisher der Zionismus in Deutschland so schwer zu kämpfen hatte, die passiven Widerstände, die er zu überwinden hatte. Aber er zeigte auch mit aller wünschenswerten Klarheit, dass dieses erste und schwerste Stadium jetzt hinter uns liegt; die Zeiten der Verleumdung und des Rabbinerbannes sind unwiderruflich dahin, wir sind so weit, dass eine sachliche Diskussion möglich ist und das heisst, wir sind am Beginn des schnellen Siegesweges. Dieses siegreiche Bewusstsein pflanzte sich auf die Hörer fort, und die wackeren jungen Arbeiter, die mit Flugblättern und Listen durch das Publikum gingen, konnten eine schöne Anzahl neuer Glieder in die Organisation einfügen. ln der Diskussion setzte uns kein Gegner durch neue und furchtbare Einwände in Verlegenheit. Dr. Falkenstein riet zurLösung derJudcnfragedieFörderung der Wissenschaft und allgemeiner Bildung an. ״Wo sind,“ sagte er fast wörtlich, ״die Hexenprozesse und Hostienschändungen des Mittelalters? Sie sind von der Wissenschaft überholt und fortgeschafit worden.“ Nun ja, ein bischen Ritualmord gibt es noch im zwanzigsten Jahrhundert, das gab er zu, aber wir hoffen mit ihm, dass cs im dreissigsten auch damit besser sein wird. — Dem gegenüber war es herzerquickend, die frischen Worte des Herrn Rabbinatskandidaten Emil Levy zu hören, der erzählte, wie er zum Zionismus gekommen sei, und der sein künftiges Amt als ein grosses und wirksames Mittel zur Arbeit für den Zionismus ansah. — Einen anderen Ton schlug wieder Herr Ref. Arthur Levy an: Der Zionismus wird nicht mehr ernst genommen, er ist tot; zum mindesten in den letzten Zuckungen. Dass diese aber noch sehr kräftig sein können, wurde ihm unter lautem Beifall des Publikums von Dr. Heinrieh Loewe demonstriert, welcher sich die Mühe gab, an der Hand des gewaltigen Materials, das ihm zu Gebote steht, die ganze Nichtigkeit der vorgebrachten Einwände zu erweisen. Auch 2 christliche Redner traten — beides Philosemiten — iür den Zionismus ein, der eine war der bekannte Pastor Faber, der sehr herbe Worte gegen die Art fand, in der Ref. Levy den Zionismus. die Regeneration des Judentums, abtat. — Herr cand. pliil. Calvary legte seine Sympathie für diese Be- Strebungen dar, beklagte aber den Zwiespalt in seinem Innern, der es ihm unmöglich mache, hüben oder drüben mit ganzem Herzen zu stehen — ein zwar nicht in tat- .kräftigen Willen umsetzbarer, aber durchaus ehrlicher Standpunkt. — Herr Ref. Levy versuchte sich noch ein bischen zu rehabilitieren und empfahl den Zentralvcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens als Allhcilmittel. Aber er wurde auch hier von Herrn cand. med. Elias Auerbach gründlich abgeführt, der besonders nachdrücklich auf den regnerierenden Einfluss der jüdischen Turnbewegung hinwies. — Hierauf machte um 1/״l Uhr ein Schlussantrag der regen Diskussion ein Ende, die vom Referenten in würdiger Weise geschlossen wurde. EA. Breslau. Die Breslauer Zionistische Vereinigung hielt am Dienstag, dem 21. v. M. abends, im Palastrestaurant eine zahlreich besuchte öffentliche Versamm- Jung ab. Der Vorsitzende, Dr. Hugo Schachtel, sprach über ״Das Jahr 5662, ein Rückblick“. Der Redner registrierte in seinen Ausführungen insbesondere die Fortschritte des Antisemitismus in den verschiedensten europäischen und aussercuropäischen Staaten und kam dabei auch auf die Verhältnisse in Posen zu sprechen. Dort werde durch die Genossenschaftspolitik der Regierung den Juden immer mehr die Erwerbsmöglichkeit genommen. Diese sässen zwischen zwei Stühlen; sie seien in Wirklichkeit ihrer Gesinnung nach durchaus Deutsche, könnten aber weder sich als Deutsche betätigen, noch etwa mit den Polen irgendwie Freunde sein, denn beides schädige sie. Dazu komme aber noch, dass sie trotz aller bisherigen Betätigung deutscher Gesinnung keineswegs von oben als Deutsche betrachtet sondern missachtel würden. Am krassesten sei dies bei den letzten Kaisertagen in Posen hervorgetreten. Er zeigte die traurige Lage der jüdischen Nation, die als Gesamtheit rechtlos ist. Sodann besprach er die Fortschritte des Zionismus im letzten Jahre. Allerdings weigerten sich manche Rabbiner in Deutschland noch immer, den Zionismus anzacrkenneii, und beim letzten Rabbinertage habe namentlieh der Breslauer Rabbiner Dr. Guttmann daran mitgewirkt, dass die Zionisten nicht das Wort erhalten konnten. Aber der Rabbinerstand ändert seine Stellung, da die Hörer in den Rabbinerseminaren zum grössten Teile auf zionistischer Seite seien. Die zionistische Organisation hat auch im letzten Jahre eine umfassende Tätigkeit! entfaltet. An den Vortrag knüpfte sich eine längere Dej batte, die von dem lebhaften Interesse der zahlreichen! Zuhörerschaft beredtes Zeugnis ablegtc.! Bureau Berlin. Unser Freund Dr. Zlocisti hat eine Agita- ׳ tionstourndc durch Oberschlesien begonnen, und wird voraus-! sichtlich in Ratibor, Glciwitz und Bcuthcn, weiter dann noch i in Breslau Versammlungen abhalten, aut die wir in der nächsten! Nummer ausführlicher zurückkommen werden. Dr. Klee j spricht am 9. d. Mts. in Wiirzburg, am 22. und 23. d. Mts. 1 voraussichtlich in Hamburg und Lübeck, i Bonn, ln der nächsten Versammlung unseres Vereins für j jüdische Geschichte und Littcratur wird unser Vorsitzender, j Herr Dr. med. Edelstein, über unseren unvergesslichen Alt- 1 meister Dr. Rülf sprechen. j Mainz. Die zionistische Ortsgruppe hielt am 1. November | eine von etwa 300 Personen besuchte öffentliche Versammlung | ab, welche ״Die Leiden der rumänischen J udcn! zum Gegenstände hatte. Der Referent, Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenhcimer aus Köln, schilderte in zu Herzen gehender Weise die traurige Lage unserer unglücklichen Volksgenossen, behanj delte dann sowohl die politische Seite der Frage, wie die j dringend notwendige Hilfsaktion, bei welcher sich der Zionis- ן mus nicht auf den starren Boden des Prinzips stellt, sondern sich bestrebt, alle Volksgenossen zu einmütigem gemeinsamen Vorgehen zu veranlassen. Von der soeben veröffentlichten Petition der ״Alliance“ verspricht er sich für die rumänischen Juden ebenso wenig Erfolg, wie von der amerikanischen Note an die Signatarmächte des Berliner Vertrages, nur der Zionismus kann ihnen Rettung bringen. Die Hilfsaktion, an welcher alle Juden sich zu beteiligen verpflichtet sind, muss darin bestehen, dass die Auswanderung der Unglücklichen planmässig durchgeführt und nach demjenigen Lande geleitet wird, wo die Möglichkeit einer gedeihlichen Ansicdlung und Kolonisation gegeben ist. Der Vorsitzende der Mainzer Ortsgruppe, Herr Rechtsanwalt Dr. Schauer ergänzte die Ausführungen des Referenten durch tiefbetriibende Zeitungsnachrichten aus den letzten Wochen über die unglückliche Lage unserer rumänischen Brüder. Die Versammlung schloss mit der einstimmigen Annähme folgender Resolution: ״Die von der zionistischen Ortsgruppe cinberufenc öffentliche Versammlung Mainzer Juden drückt über die Ver-! folgung und Entrechtung der rumänischen Juden ihr tiefstes | Bedauern aus und erklärt Ihr Einverständnis mit den Ausführungen der Referenten.“ Pie Versammlung hatte den sofortigen Beitritt von IS neuen Mitgliedern zur Folge. Rundkbail. Wien. Die Jüdische Volkspartei und die östcrrcichisehcn Zionisten, die leider lange genug nicht den Weg zu einander finden konnten haben nach längeren Verhandlungen einen dauernden Kompromiss geschlossen, dessen Grundsätze in nachfolgendem Protokoll ihren Ausdruck finden. Protokoll. Die Vertreter der beiden gefertigten Parteien erklären einerseits, die von der Jüdischen Volkspartci besonders be-