Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ko. 45. Jüdische Hundsclmu. Se!1t• 43. tät eröffnet Der Qrossrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, sagte hierüber: ״Diese Institution macht denen, die sie geplant und durchgeführt haben, den Zionisten von Paris alie Ehre. Welches immer die Ansicht über den Zionismus sei, eines muss jederman ohne Ausnahme anerkennen: seine hohe moralische Bedeutung. Der Zionismus hat dem modernen Judentum neues Leben eingeflösst; er hat die Gefühle, die zu erlöschen drohten, neu angefacht, und seine Bestrebungen, die auf die intellektuelle und moralische Hebung des Judentums gerichtet sind, haben grossen Erfolg. Dem Zionismus allein verdanken wir die Rückkehr der studierenden Jugend zum Judentum, dem sie fast den Rücken gekehrt hatte.“ Die Einladung Dr. Herzl's vor die Alien-Immigration- Commission beweist die sympathische und Vorurteilslose Auffassung der zionistischen Bewegung in Eng- 1 a n d. Die Bewegung in Deutschland bewies durch die Mannheimer Konferenz ihr kräftiges Anwachsen. Der Empfang der zionistischen Deputation in Karlsruhe durch den Grossherzog von Baden ist ebenfalls ein erfreuliches Symptom für das wachsende Ansehen der Bewegung. Die österreichische Organisation demonstrierte auf dem Bielitzer Parteitage ihre Stärke. In Osteuropa ist das Resultat ein ebenso erfreuliches. Imposant war der erste Kongress d^Dussisehen Zionisten in Minsk. Hierfür spricht nichts mehr als die geradezu sensationellen Besprechungen der russisehen Presse. Hier war auch vornehmlich das Gebiet der fruchtbarsten kulturellen Tätigkeit. In fast allen Städten wurden hebräische Unterrichtskursc errichtet, Musterschuien eröffnet, Toynbeehallen ins Leben gerufen und Diskussionsabende veranstaltet In Bulgarien ist besonders die rege Anteilnahme der Sephardim an der zionistischen Agitation bemerkenswert. Hier hat überhaupt der Zionismus jeden Gegensatz zwischen Sephardim und Aschkenasim verschwinden gemacht. Aus den Reihen der Sephardim erwuchsen der Bewegung heuer die besten Agitatoren, die ihre Agitationsreisen auf Serbien, Bosnien und Griechenland erstreckten. Hier sind überall Neugründüngen zu verzeichnen. In Südafrika, Algerien, Marokko und Tunesien, in Südamerika, in Indien (an der Malabarküste), in S i - birien und Australien (Sidney, Melbourne, Brisbane) haben sich neue Gruppen konstituiert Demnach kann man von einem allgemeinen Fortschritt des Zionismus an allen Punkten sprechen. Dem Kassenbericht des Aktionskomitees, den Dr. Kokesch erstattete, entnehmen wir, dass bis zum 30. Juni 1902 Kronen 121493.29 an Schekelgeldern eingeflossen sind. Demnach rangiert das abgelaufene Verwaltungsjahr an erster Stelle. Die Schekeleingänge betrugen: Im ersten Jahr 78 222.24 Kronen, im zweiten 108129.64 Kronen, im dritten 91831.75 Kronen, im vierten 92025.10 Kronen und im fünften 121493.29 Kronen. Im Namen des Direktoriums der Jüdischen Kolonialbank referierte der Präsident desselben, Herr Woifisohn, über die abgelaufene Geschäftsperiode. Dieser Bericht wurde ergänzt durch das Referat des Herrn Dr. Kokesch namens des Aufsichtsrates. Derselbe besagt, dass die Geschäfte der Bank einen befriedigenden Verlauf nehmen, dass strenge darauf geachtet wird, den steten Kontakt zwischen Bank mid Auisichtsrat zu erhalten und dass die Bank ihre Arbeiten strenge im Rahmen der Kongressbeschlüsse durchführt. Aus der daran sich anschliessenden Debatte gingen die Anregungen hervor, die zionistischen Spar-Vereine und Vorschusskassen zu unterstützen und geschäftliche Beziehungen mit den Juden des Orients anzuknüpfen. Die Berichte des | Direktoriums wurden von der Versammlung genehmigend! zur Kenntnis genommen, und beiden Korporationen der Dank ausgesprochen. Ueber die Legalisierung des Nationalfonds sprach der Obmann der Nationalfond-Kommission, Kantonalrat Dr. Farbstein. Er fasste zunächst die prinzipiellen Anträge der Kommission dahin zusammen, dass nur der kommende Kongress über definitive Aenderungen des Statuts beschlossen könne, und dass der Zweck des Nationalfonds nur Landankaui in Palästina sein dürfe. Was die Legalisierung selbst betrifft, liegen drei Anträge vor: 1. den Kongress als solchen zu legalisieren, 2. den Fond als Stiftung, 3. als Genossenschaft zu inkorporieren. Mr. Bentwich meldete einen Minoritätsantrag an, der seiner Ansicht nach einen Ausweg aus der schwierigen Situation bedeute. Der Nationalfond solle als Stiftung der Jüdischen Kolonialbank einverleibt werden, die Verwaltung und Verwendung aber der Kompetenz des Kongrosses unterstehen. Alle diese Anträge werden der Kommission zur nochmaligen Beratung und Berichtsehen Mittelalters vorzuzeichnen, es kann auch nicht unser Ziel sein, Steine zum Bau zusammenzutragen, wir wollen einzig das Interesse überhaupt auf diesen Gegenstand lenken und gleichsam aus der Ferne einen Blick in diese Welt werfen. Das Grösste und Bedeutsamste, was der jüdische Stamm für die Entwickelung der menschlichen Gesell- Schaft geleistet hat, das hat er auf seinem ureignen Boden in stiller Abgeschiedenheit geschaffen. Daher ist die Bibei ganz das Bild altjüdischcn Lebens, geheiligt durch die Weihe einer uralten Nationallitteratur. Aber selbst in den trübsten und finstersten Ghettos blieb doch das Herz, blieb doch der Geist der jüdischen Nation wach und rege und ihr Auge*hell und klar. Zwar hat sie uns keine Bibel mehr geschenkt, aber als Vermittlerin hat sie auf allen Gebieten menschlichen Wissens, menschliehen Dichtens, menschlicher Kunst eine ganz hervorragende Rolle gespielt. Besonders seine Stellung als Handelsvolk machte es ihm möglich, eine solche Tätigkeit des Vcrinittelns aufzunehmen. Und nicht zum wenigsten hat der jüdische Handel und der jüdische Kaufmann auf die früheste Entwickelung gerade der deutsehen Kultur einen bedeutenden, wohltuenden Einfluss ausgeübt. Die ersten Kulturträger, die am Rhein sich dauernd sässig machen, sind Kaufleute! Denn dass die Juden nicht als Ackerbauer! sondern als Handelsleute an den Rhein gekommen sind, dürfte selbst der grösste Skeptiker nicht bezweifeln. Diese Anwesenheit von jüdischen Gruppen im westlichen Deutschland dürfte aber in die ältesten Zeiten zurückzuverlegen sein. Denn wenn wir auch die teils sagenhaften, teils eigens erdichteten Erzählungen von den Gemeindegründungen in Worms, Regensburg, Fürth, Prag u. s. w. entschieden als Fabeln zurückweisen müssen, so haben wir doch für Köln aus den! Jahre 321 ein unzweifelhaftes Zeugnis, dass daselbst eine angesehene und grosse, und daher auch schon länger ansässige, Judengemeinde bestand, die schon eine solche Bedeutung erlangt hatte, dass die römische Staatsverwaltung besondere Rücksicht auf sie nehmen musste. Der Codex Thcodosianus (XVI, 8, 3) nämlich enthält zu diesein Jahre ein amtliches Schreiben an die Stadtverwaltung von Köln über die Heranziehung der Juden zur Kurie. Zugleich aber sollen die Priester, Synagogen- Vorstände, Gemeindeältesten und sonstigen Gemcindebeamten von allen persönlichen Leistungen an den Staat frei sein. Obwohl also im urkundlichen Material vor 1012 keine Synagogen in Köln erwähnt werden, so sehen wir doch aus dieser Verfügung, dass solche schon im