Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1902-11-07 · Heft 45 (7.11.1902) · p. Seite 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651274-2651281--00053-2656821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 42. No. 45. JiidiKclie Hundschaii. Die zlonlstlsdje Jaljreshonfercnz ln Ollen. - , . ׳ , Bericht. Mittwoch, den 29. Oktober, wurde die Jahrcskonfe- •renz, die abwechselnd mit dem grossen Kongresse jedes zweite Jahr stattzufinden hat, eröffnet. Die Beteiligung kann als eine sehr gute bezeichnet werden. Bis zur Stunde sind 42 Herren eingetrofien. Nachfolgend die Präsenzliste: * England: Bentwich, Loewe, Levantin; Deutschland: Dr. Klee, Dr. Zlocisti, Dr. Simonsohn, D. Wolffsohn; Österreich: Dr. Kornhäuser, Karl Rezek, Dr .Herz!, Dr. Kokcscli, Dr. Kahn, Kremcnezky, Architekt Marmorek, Dr. Krenberger, Dr. I. Marmorek, Gewitscli; Ungarn: Dr. österreicher; Serbien: Dr. Alkalay; Bulgarien: Karl Herbst; Rumänien: Dr. Lippe; Schweiz: Dr. Farbstein, Dr. Weizmann; Russland: Ussischkin, Dr. Bernstein-Cohan, Professor Beikowsky, Dr. Jasinowsky, Dr. Jelsky, Dr. Bruck, Vogelsohn, Feld־, stein, Schallt, Baibasch, Dr. Katzendsohn, Urysohn, Dr. Rosenbaum, Podlischewsky, Jaroschinsky, Sokolow, Bach rach. Die Eröffnungsrede hielt der Präsident des Aktionskoniitecs, Dr. Herzl, der beiläufig Folgendes sagte: Die zionistische Bewegung hat auch in diesem Jahre eine Stärkung und Verbreitung zu verzeichnen. In zahlreichen Städten, in den entferntesten Punkten, so in Brasilien, Indien und Australien sind neue Ortsgruppen entstanden. Insofern die Bewegung eine Organisation des zionistischen Judentums vorstellt, kann nur von grossen Fortschritten gesprochen werden. Sie. hat in ernsten politischen Kreisen an Ansehen gewonnen, und die Zeit ist vorüber, in welcher man die zionistische Bewegung als einen Zusammenlauf von Schwätzern und Schwärmern aufgefasst hat. Auf die politische Lage übergehend, meint Dr. Herzl, dass das A. C. auf dem Wege, den es seit dem ersten Baseler Kongresse gehe, fortfahren müsse. Die Verhandlungen mit der türkischen Regierung sind weiter geführt worden, haben aber noch zu keinem Resultate geführt. Das Programm für die nächste Zukunft kann nur ein energisches und zielbewusstes Vorwärtsschreiten, Vermehrung der Geldmittel und Anteilnahme an allen jüdischen Angelegenheiten sein, die die moralische, körperliche und ökonomische Stärkung des Judentums betreffen. Aus den jetzigen Beratungen wird aber auch Zur Geschichte des ftldiscben Handels ן im früheren luittclaltcr. Eine historische Skizze von Heinrich Loewe. Mit dem Wunsche, dass jüngere Hände die Handelsgeschichte der Juden des Mittelalters und der Neuzeit schreiben möchten, schliesst H e r z f e 1 d seine Handelsgeschichte der Juden des Altertums.1) Obwohl aber seit dem Erscheinen jenes bedeutsamen Werkes schon dreizehn Jahre ins Land gegangen sind, so hat sich doch bisher kaum jemand gefunden, um auch nur Bausteine zu diesem Werke zusaminenzutragen, geschweige denn, dass überhaupt irgend einer an diese Arbeit gegangen wäre. Und doch ist der mittelalterliche Handel der Juden ebenso wie der in der Neuzeit von ganz anderer Bedeütting für die Kulturentwickclung der Menschheit geworden, als der des Altertums. Wollten wir den Gründen nachgehen, aus weichen man dem letzteren wissen- 1 schädliches Interesse zu Teil werden licss, den späteren Handel der Juden aber ziemlich arg vernachlässigt hat. .*) Braunschwelg 1879 8°. 344 S. die Linie hervorgehen müssen, die wir. von nun an einzuschlagen haben. ״Ich glaube, dass wir auf unserem Wege fortfahren müssen, dass wir allerdings, wenn wir an einem Punkte vor einer Mauer angclangt zu sein scheinen, nicht entmutigt sind, sondern dass wir trachten müssen, einen anderen Weg zu finden.“ Die Ausführungen Dr. Herzls wurden mit Beifall aufgenonimen. Hierauf erstattete Dr. Leopold Kahn den Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees. Die Tätigkeit des Aktionskomitees erstreckte sich nach zwei Richtungen, die man in den Satz zusammenfassen könne: ״Wir brauchen ein Land für unser Volk und brauchen ein Volk für unser Land.“ Es hiess einerseits, die assimilierten Juden des Westens dem Judentume näher zu bringen, andererseits die grossen Massen der östlichen Juden der Segnungen der europäischen Kultur teilhaftig werden zu lassen. Zur Erreichung dieser beiden Ziele hat es nur einen Weg gegeben, und wird cs nur einen Weg geben, das ist die praktische, tatkräftige und volieinsetzende zionistische Agitation. Deswegen sind die Erfolge der zionistischen!Bewegung, die auch in diesem Jahre zu verzeichnen sind, Erfolge des ganzen Judentums. Um aber eine einheitliche Arbeit zu leisten, war es unbedingt nötig, das auf dem letzten Kongresse beschlossene Organisationsstatut in die Wirklichkeit zu übersetzen. So wurden in allen Ländern Landesverbände geschaffen, wodurch der umständliche und grosse Mittel erheischende direkte Verkehr der Wiener Zentrale mit den einzelnen Ortsgruppen durch die Auf- Stellung des Instanzenweges: Verein, Disiriktkomitee, Landeskomitee, Aktionskomitee in einc^ der wachsenden Ausdehnung der Bewegung entsprechende Bahn geleitet wurde. .; Im allgemeinen lässt sich überall eine mächtige Ausbreitung der zionistischen Idee konstatieren. In Westeuropa werden die Beweise der Sympathie und des An- Schlusses der jüdischen Intilligenz an die Bewegung immer zahlreicher. Belgien gewann neue Studentenvereine in Antwerpen und Brüssel. In Holland wurde die erste jüdische Toynbeehalle eröffnet. Die Organisation in Italien erstarkte durch den Anschluss von hervorragenden jüdischen Gelehrten und Künstlern. In der Schweiz entstanden neue autochthone Gruppen. In Frankreich wurde zur Erziehung und Ausbildung der eingewanderten Juden eine iüdisclie Volksuniversi- I so würden wir finden, dass die Ursache hiervon in letz- I ter Instanz in uns selbst zu suchen ist. Wir sind eben von aitiier gewohnt, dem biblischen und hellenistischen Judentume bis zur Zerstörung des jüdischen Staates ungleich grösseres Interesse entgegenzubringen, als den uns zeitlich näher liegenden Perioden. Und inan kann sich hierüber kaum verwundern, fühlen wir uns ja doch Männern wie Jesajah geistig ungleich näher verwandt als den gelehrten Rabbinen, die in emsiger Tätigkeit das Rituaigesetz ihres Volkes zu kodifizieren sich bemühten! Und andererseits kann man uns, die wir dem Jahrhundert der Freiheit angehören, doch nicht verargen, wenn wir ein ganz anderes Wohlgefallen an den Jahrhunderten der mächtigsten KraUcntwiekclung der hebräischen Nation finden, als an den Zeiten der Ghettos und der Blutbeschuldigung. Die Freiheit findet eben nur an der Freiheit selbst ihre Freude und volle Befriedigung. Aber das darf den Historiker nicht abhalten, in die tiefsten und dunkelsten Schachte der Menschengeschicke liinabzusteigen, um selbst aus dem finstersten Erdenschoosse den leuchtenden Edelstein der Weltgeschichte zu übermittein. Es Ist nicht der Zweck dieser Arbeit, etwa in grossen Zügen eine , solche Handelsgeschichte des jüdi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.