Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 44. «Jiidiselie Huodsehau. Seit© 85. erreichbar sei und dass sodann die Betonung des Nationalitätsprinzips nur den Antisemiten in die Hände arbeite und geeignet sei, die Lage der Juden in den Staaten, In denen sie emanzipiert sind, zu verschlechtern. Was nun zunächst den ersten Einwand betrifft, so kann allerdings niemand mit Sicherheit sagen, ob das Endziel des Zionismus erreichbar ist. Die Frage nach der Erreichbarkeit des Zieles ist aber durchaus nicht von ausschlaggebender Bedeutung und der Zionismus wäre selbst dann berechtigt, wenn sein Ziel eine Utopie wäre. Die Ziele, denen das Menschengeschlecht in vieltausendjähriger Entwicklung zustrebt, die der ganzen Kultur ihre Richtung gegeben haben und noch geben, sind gerade solche, deren Erreichbarkeit wohl in Zweitel gezogen werden darf. Auf politischem Gebiet die wahre Freiheit, auf ethischem Gebiete die Vervollkommnung zum Edclmenschcn, der seinen Nächsten liebt wie sich selbst, auf wirtschaftlichem Gebiete gerechte Beteiligung an allen Gütern, aiif geistigem Gebiet Erschliessung aller Wissensqucllcn für alle auf allen Gebieten geistiger Tätigkeit, alle diese Ziele haben den Menschen vorgeschwebt und werden ihnen in aller Zukunft vorschweben, sie wachsen mit der Vervollkommnung der Menschen •und entrücken so ganz von selbst in demselben Masse, in dem der Mensch sich ihnen zu nähern glaubt. Ja, es lässt sich vielleicht sagen, dass־ gerade die Unerreich- .barkeit aller dieser Ziele den ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts verbürgt. Aehnlich liegt es mit dem Ziele des Zionismus, wenn es selbst, was noch keineswegs feststeht, unerreichbar sein sollte. Das Streben des Zionismus verbürgt dann jedenfalls einen dauernden Fortschritt auf allen Gebieten jüdischen Lebcus, es folgt das aus den Mitteln, deren er sich bedient und bedienen muss. Was sodann die Betonung des Nationalitätsprinzips betrifft, so ist diese den jüdischen Gegnern des Zionisimis ein ganz besonderer Dorn im Auge. Gegner sind hier insbesondere diejenigen Juden, welche deutsche, englische, französische u. s. w. Staatsbürger sein und keiner andern Nationalität, als der in ihrem Heimatlande vorherrschenden, angehören wollen. Als Gegner des jüdischen Nationalitätsprinzips können nur Juden in Betracht kommen, die überhaupt Staatsbürger sind, russische und rumänische wird man hier unter den Gegnern vergeblich suchen. Da, wo Juden Staatsbürger sind, übersehen die Gegner, dass das Staatsbiirgcrrccht ganz unabhängig ist von der Nationalität. So haben wir z. B. in Deutschland neben denen, die sich germanischer' Abstammung rühmen, Staatsbürger' polnischer, dänischer, wendischer, slavischer, französischer Nationalität. Die verschiedenen Nationen bilden das deutsche Volk, welches das deutsche Staatswesen ausmacht. In diesem Volke gibt es also z. B. deutsche Staatsbürger polnischer Nationalität katholischen Glaubens, die alle staatsbürgerlichen Rechte gemessen und die nicht nur keine Zurücksetzungen, sondern Bevorzugungen erfahren würden, sofern sie nur gute Deutsche seien und sich von deutschfeindlichen Agitationen fern halten wollten. Es folgt daraus, dass die Zugehörigkeit zu der nicht vorherrschenden Nation durchaus kein Grund zur Verkürzung staatsbürgerlicher Rechte abgibt. Die Juden erfahren in den Kulturländern Zurück- Setzungen, mögen sie ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Nation leugnen oder betonen. Der Grund der Zurück- Setzung liegt nicht darin, dass sic einer den Staatsbürgern anderer Nationen angeblich unsympathischen Nation angeboren, denn •sonst müssten ja Polen, Dänen. Wenden, Slaven, Franzosen gleiche Zurücksetzungen erfahren. Somit kann die Betonung des Nationalitäts- Prinzips den Zionisten selbst dann nicht zum Vorwurf gemacht werden, wenn die Existenz einer jüdischen Nation sich ableugncn Hesse; denn diese Betonung schadet niemandem, nützt aber jenen Millionen, die heimatlos die Zugehörigkeit zu einer Nation ersehnen. So muss der unbefangene Beurteiler, selbst wenn er nicht Zionist ist, feststellen, dass der Zionismus ein Segen für die Juden ist, mag sein Endziel selbst unerreichbar sein. Prima sequeuti in secundis consistere licet. Ras der Beweßtmg. Berlin. Die freie Verbindung ״Hasmonaea" veranstaltet in diesem W.-S. öffentliche hebräisehe Sprachkurse nach der Berlitz-Methode. Der Unterricht, den Herr Weiner, ein Palästiner, erteilen wird, findet jeden Sonntag von 1012 ״ Uhr im Lokal der Verbindung, W., Augsburgerstrasse 38. Restaurant Gerde«. beim I Bahnhof Zoologischer Garten, unentgeltlich statt. Die! Hasmonaea hofft, dass der Kursus re 'ht zahlreich be- 1 sucht sein wird, und ladet alle jüdischen Studenten zur Erst am sechsten Tage kamen sic wieder zurück, aber sehr niedergeschlagen, denn sie brachten Tote und Verwundete, auch stark beschädigte Pferde mit ins Lager. Einzelne fehlten und ntan wusste nicht, ab sie gefallen, gefangen oder nur versprengt seien, und sich vielleicht doch noch cinfindcn würden; allesamt aber schienen gar sehr angestrengt und mitgenommen; ihr Anschlag musste völlig missglückt sein. Jetzt gab cs für mich alle Hände voll zu tun, um Menschen und Pferden Hilfe und Heilung zu bieten, wobei mir Männer und Frauen teilweise nicht ohne Geschick und Erfahrung Beistand leisteten. Im Lager herrschte eine unheimliche, niedergedrückte Ruhe. Die Toten wurden in aller Stille begraben, kein Klagelaut wurde gehört, das wäre auch gegen alle Sitte und Ordnung gewesen. Viele schritten mit Verzweiflung im Herzen einher, ohne von einer Schmerzcnskuwdgebung sich hinreissen zu lassen; so verlangte es in solchem Falle das Herkommen. Was jedoch das Schlimmste von allem und für alle war, dass war der Umstand, dass auch das hochgeachtete, väterliche verehrte Stanuncsoberhaupt, der Führer des Aul vermisst wurde und wahrscheinlich in Gefangen- Schaft geraten war. Jeden Tag hielt man stundenlange Beratungen darüber, wie man sich über das Schicksal des Vermissten Gewissheit verschaffen und ihn möglicherweisc befreien oder auslösen könne; dass auch meine Person dabei in Betracht kam, das sollte ich erst später erfahren. Das meiste, was ich Ihnen hier berichte, erfuhr Ich aus idem Munde eines alten, invaliden Mannes, dessen Sohn den Streifzug mitgemacht hatte und sich in meiner Behandlung befand, weil auch er mit einer Schusswunde in der Schulter zurückgekommen war. Der Mann hatte ehemals viel mit der russischen Grenzbevölkerung verkehrt und wusste sich in der russischen Sprache vollkommen verständlich zu machen. Viele von meinen Fragen vermochte er freilich nicht zu beantworten, oder er wollte mit der Sprache nicht heraus. Wochen waren vergangen, die Leibeswunden waren unter meiner eifrigen Pflege zumeist vernarbt, da kündigte man mir plötzlich an, dass Ich folgenden Tages wieder zurückgebracht und einer russischen Heeresabteilung übergeben werden solle. Man brachte mir meine hübsche Uniform zurück, die ich anfangs mit landesüblicher Kleidüng hatte vertauschen müssen, verband mir die Augen,