Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43. JUdisclie Huud^oltiiit. Seite •31 traurig ist es, dass weder der Kutscher des Juden, eben- | falls• ein Jude, noch die Kolonisten, die den Mord mit; ansahen, daran dachten, den Mörder dingfest zu machen, und es gelang diesem zu entkommen. Die Kunde von dem Morde kam bald nach Jaffa und von dort schickten die Vertreter der ״Ica“ einen Reiter nach Jerusalem zum Pascha, denn in Jaffa ist beim Gericht nichts zu erreichen, wenn man nicht sehr viel Geld hergeben kann, und so kann dort ein Mörder frei umhergehen, wenn er reich ist. Der Pascha telegraphierte an den Kaimakam in Jaffa, er solle den Mörder verhaften, doch der war inzwischen nach Paris entflohen. Nun befahl der Pascha das Vermögen des Reck zu konfiszieren, welches aus 15 Gärten und vielen Hausern besteht. Als dies bekannt wurde,'kam der Bruder des Mörders vor Gericht und versprach, seinen Bruder nach Jaffa zu bringen. Vorläufig ist es noch nicht geschehen. In Jaffa und in den Kolonien herrscht grosse Aufregung, wegen dieses Mordes und alle bedauern den ermordeten Kolonisten, der sein Leben für einen Bruder preisgab. j Rundicipi. In der unsern Lesern bekannten Angelegenheit, die zwischen den Herren E. M. Lilien und Hickl schwebt, wird Herr E M. L i 1 i c n das Kongress-Schiedsgericht zur Schlichtuuig des Streites anrufen. Auch wir halten diesen Schritt zur Erledigung des Streites für den geziemendsten. Die jfld. ־ nat. Erauen-Vereinigung beginnt am 25. d. M. abends 9 Uhr in der Auguststr. 49a I ihren hebräischen Kursus. Der Unterricht, den Herr Wilhelm Levy erteilt, ist auch für Nichtmitglieder kostenlos. A. A. Wien. Die Wiener Zionisten sind zu den bevorstehenden RepräscntantenwahJen mit einem Programm an die jüdische Gemeinde herangetreten, weiches an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt. Wer die verrotteten Verhältnisse der Wiener jüdischen Gemeinde kennt, weiss, dass die Zustände dort schlimmer sind, als man sie selbst in Österreich erwarten darf. In dem bcsagten Programm haben die Zionisten unter anderem auch folgende ais wichtigste und interessanteste besonders hervorzuhebende Punkte. Sie wollen in der jüdischen Gemeinde eine Aenderung des Kultusgcmcindcgesetzes anstreben und zwar solle in erster Linie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht eingeführt werden, das nicht nur dem reichen Manne, sondern auch dem armen, . der nicht imstande ist, Steuern zu zahlen, das Wahlrecht i ermöglicht. Charakteristisch für die Wiener Verhältnisse ist folgender Passus: ״Die Vorstandswahien müssen durchweg öffentliche sein, denn die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde scheut nicht das Tageslicht. Die Jahres-Abschlüsse der Gemeinde sind in Druck zu legen und müssen das ganze Jahr hindurch für jedermann zu erhalten sein. Das Wort Israelitisch bei allen von der Gemeinde abhängigen Institutionen ist — ebenso wie bei ihr selbst — in jüdisch umzuändern und das auch dem Inhalte nach. Aus dem Kultus und seinen, Funktionen sind Korruption und Bestechung auszumerzen und dies mit den schärfsten Mitteln. Zur Motivierung unserer Forderung muss nur auf die vielen leider alizubekannten Tatsachen hingewiesen werden, deren Aufzählung nicht angezeigt er* scheint, aber auch unzweckmässig wäre, nachdem diese Geheimnisse ia öffentliche sind. Die Funktionäre der Gerneinde müssen nach einer Probezeit von höchstens drei Jahren mit systemisierten Bezügen, Alters- und Kranken- Versicherung definitiv angestellt werden, und ist eine vorzeitige, strafweise Pensionierung nur in Fällen eklatanter Pflichtverletzung zulässig. Fine glatte Entlassung ist überhaupt unstatthaft, damit der geistigen Abhängigkeit der Kultusfunktionäre von! Vorstande entgegengearbeitet wird. Ebenso ist jede hierarchische Gliederung nach Rangklassen verpönt. Nur persönliche Tüchtigkeit und wissenschaftliche Eignung, nicht aber Titel und Gewand sollen das Ansehen der Funktionäre begründen.‘־ Es wird ferner eine völlige Umgestaltung der sozialen Fürsorge in Aussicht genommen, die in Wien bisiier gleich null ist. Aber nicht minder wird die Hebung des jüdischen Volksbcwusstseins energisch betont. Daneben ist die Hebung jüdischer Körperkrait und die Bekämpfung indischer Nervenschwäche durch Turnen und Sport ebenfalls keineswegs vergessen. Das vorzüglich entworfene Wahlprogramm schliesst mit den Worten: ״Wir verlangen viel, aber wir müssen es tun, weil die bisherige Kultusgemeinde so wenig von dem bietet, was sie in den vielen Jahren ihres Bestandes hätte erreichen sollen. Unser Programm kann nicht in einem, auch nicht in zwei Jahren verwirklicht werden, aber cs soll richtunggebend sein für die weiteren Arbeiten und wenn wieder derselbe Zeitraum verstrichen ist, wie seit Gründung unserer Gemeinde, dann wird sie jüdisch sein, in der ganzen Bedeutung dieses umfassenden Begriffes; dann wird es keine Gemeinde sein für die Kultusinteressen, für die religiösen Bedürfnisse einer nach der Steuerkraft abgegrenzten Minderheit, sondern sie wird eine jüdische Gemeinschaft sein, die auf demokratischer Grundlage für die sittliche, wirtschaftliche und körperliehe Hebung ihrer Mitglieder, ohne Unterschied von Stand und Anschauung, Sorge trägt!־‘ Chronik. Berlin. Eine der grössten Andachtsstritten am Versöhnungstage ist bekanntlich die ״P h i I h a r m o n i c", wo die Jüdische Gemeinde alljährlich Fcstgottesdiens.t abhalten lässt. ״Der Ritualmord in Könitz“, mit diesem Rufe schrieen am Jom Kippur Abend vor der Philharmonie einige Verkäufer die ,.Staatsbürger-Zeitung" aus, gerade um die Stunde, als man nach bcendeten» Gottesdienste die Philharmonie verliess. Aut das Uitpassende dieses Benehmens aufmerksam gemacht, erwiderten die Burschen, dass sie gerade deswegen die Anweisung bckommen hätten, in diesem Augenblicke die Ausgabe des antisemitischen Organs anzupreisen. Gcschüftsbruhn spekuliert darauf, dass die Juden ihm die Nummern der Staatsbürger- Zeitung“ abkamen sollen. Jedenfalls gehört es wieder zum persönlichen Mut, durch den sich die Germanen vor den Juden auszeiclinen, dass Bruhn und Bötticher vorsichtig genug sind ״Blut mord“ zu drucken und ״Ritual mord“ ausschreien zu lassen. Es geht doch nichts über so ein feines juristisches Empfinden. — Berlin. Die ״Deutsche Tagesze i tu n g", das Organ des Bundes der Landwirte, düngt seine Zeilen bekanntlich mit ständigen Ausfällen gegen Juden und Judentum, die übrigens noch mehr als die Angriffe der ״Staatsbürgcr-Zcitung" als ein Hinfluss des Mutes zu betrachten sind. Bei Gelegenheit der jüdischen Feiertage schreibt sic: ־״-- Juden mit deutschen Namen. Die jüdischen Feiertage, so unangenehm sie sich itn Berliner Strassen- und Kneipenleben bemerkbar machen, haben in gewisser Beziehung < ihr Gutes. Im allgemeinen ersieht man bei Tausenden unserer Gcschättsläden schon aus der Ferne, wessen Landes Kind der Ir־habcr ist. Am letzten Donnerstag und Freitag prangten aber die bekannten weissen Zettel mit der Ankündigung, dass das Geschäft wegen der Feiertage geschlossen bleibe, auch an zahlreichen Läden, die man nach der Firma sicher nicht für jüdische gehalten hätte. Man sah da sogar Finnen, die an die guten deutschen Namen Müller, Schulze, Schmidt, Ncumann, Lehmann atiklangen oder wirklich so lauteten. Es mag wohl noch nicht sq lange Zeit vergangen sein, als diese Juden au Stelle derartiger deutscher, auf Täuschung des chiistüchen Publikums berechneter Namen echt jüdische führten.“ Diese Verdächtigung ist eine gemeine. Die Juden haben ihre deutschen Namen wahrscheinlich länger, als die Vorfahr.en Jenes deutschen Herren K 0 h n, der als Kandidat für die Lcschalienwahlen seinerzeit von den nationalen (d. 11. antisemitischen) Parteien aufgcstellt wurde, den seinigen. Bekanntlich wurden durch diesen Namen jüdische Studenten veranlasst, irrtiimücherwcise für die ״nationale Liste“ zu stimmen. — Berlin. Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (Lindcnstr. 4850־) veröffentlichte das Verzeichnis der int Winter-Semester 1902-I9U3 zu haltenden Vorlesungen. Die