Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1902)
- Date
- 1902-10-22
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26• Jlidi8cl1e Hundscliau. Ko. 43. ein Zufluchtsort, den Darbenden der Boden reicher Ernten, den innerlich Heimatlosen ein Vaterhaus sein soll. Schon sehen wir die Male jahrhundertelanger Knechtschaft aus unseren Reihen schwinden, die gebeugten Rücken richten sich auf und von Mühsal und Leid ge-, trübte Augen leuchten in neuer Hoffnung. Nur Einer fehlt uns heute, und in Wien sollte mau Sorge tragen, dass eine grosse Ehrung von unserer Dankbarkeit Zeugnis ablegt und seinen Namen für immer mit der Geschichte unserer Kongresse verknüpft: der schlichte, weisshaarige Mann mit dem heissen Herzen und der unversiegbaren Liebe für sein Volk, den wir jüngst begraben haben. Gleich Mose hat er das Land der Verheissung nicht bctreten dürfen, aber er hat es doch aus der Ferne erschaut. Sein Alter war das eines Mannes, der sich in mühsamer Lebensarbeit aus steiniger Wüste einen Garten schuf und die ersten Trauben reifen sah! — Es gibt heute eine Generation von jungen Gesinnungsgenossen, denen die Mühseligkeit dieser ersten Urbarmachung fremd geblieben ist. Sie wissen nicht, welche Angst und Sorgen die ersten Anfänge unserer Bewegung begleitet haben. Und sic meinen, dass die Zeit gekommen sei, Sonderanschauungen zu ihrem Recht zu verhelfen, die Partei in bestimmte Richtung zu drängen. Ihnen besonders sei ans Merz gelegt jene Rede zu lesen, die Riili am Schlüsse des unvergleichlichen 2. Kongresses in Basel hielt. Es ist das letzte Mal gewesen, dass unser. Altmeister zur zionistischen Gesamtheit sprach und die Worte, in die er seine Gedanken zusammenfasste, waren ein Appell zur Einigkeit. Wir wollen sein Andenken ehren nicht nur, indem wir für die Eintragung von Rülfs Namen ins Goldene Buch zeichnen, sondern vor allem, indem wir diese seine letzte Ermahnung hochhalten. Es wird und darf unter uns keine Zersplitterungen und Fraktionen geben, keine Unduldsamkeit gegen religiöse oder unreligiöse Anschauungen. Wir kennen in der Partei keine Orthodoxen und keine Neologen, keine Demokraten und keine Aristokraten, wir kennen nur einen Zionismus, nämlich den des Baseler Programms. Sonderprogrammc, sie mögen von rechts oder links kommen, lehnpn wir ab, denn wir wollen nicht eine Richtung sein im Judentum, wir wollen es in seiner Gesamtheit umfassen und vertreten. Möge deshalb der ״Kleine Kongress“ dahin wirken, im Innern die Gegensätze zu vergleichen, die Einigkeit der Partei zu wahren und zu befestigen. Und möge er nach aussen eine wirkungsvolle Kundgebung des freudigen Lebens sein, das in unseren Reihen pulsiert, ein Beweis ungebrochener. Kraft eines Volkes, das seine unveräusserh'chen Rechte auf eine freie und würdige Existenz mit würdigen Mitteln zur Geltung bringt. Dr. Friedetuann. Organisation der zionistischen Akademiker Von Elias Auerbach (Berlin). Die Anregungen, die Dr. Moses-Mannheim in Nummer 37 dieses Blattes zur Gründung einer Vereinigung zionistischer Akademiker in Deutschland gibt, veranlassen mich, diesem Thema, mit dem wir uns hier in Berlin im letzten Sommersemester intensiv beschäftigt haben, noch einmal näher zu treten. Meine Ausführungen sollen zugleich ein Abänderungsvorschlag zu denen des Herrn Dr. Moses und ein Aufruf zur Mitarbeit an alle diejenigen sein, die dafür in Betracht kommen. Im Sommer dieses Jahres ist hier unser öesiunungsgenösse cand. pliil. Eugen Täublcr mit einem Plane zum Zusammenschluss der zionistischen Akademiker hervorgetreten (vielleicht ist dies auch die erste Anregung, die Dr. Moses empfangen zu haben angiebt), und v ir haben sofort an der Durchführung dieses Planes zu arbeiten begonnen. Mit unserer Organisation ist also als einer bestehenden zu rechnen. Ich brauche deshalb nur die Gedanken, die uns bei dieser Arbeit leiten, und den Weg zur Durchführung, den wir beschritten haben, vorzuführen. Die Vereinigung zionistiseher Akademiker soll eine Arbeitsorganisation sein. Sie soll diejenigen Arbeiten konzentrieren, die am besten von Akademikern geleistet werden können, und soll durch planmässige Einteilung dieser Arbeit jeder Kräftevcrschwendnng Vorbeugen. Wir sind durch unsere Tätigkeit im Zionismus und durch die Heranbildung unseres Verständnisses iiir Disziplin, wie wir sie in jüdischen Turnvereinen empfangen, genug politisch geschult, um zu wissen, dass hierzu eine straffe Zucht notwendig ist. Mit dem Wert, den das blosse Bestehen einer Vereinigung durch Zusammenkunft und Anregung nach der Ansicht des Herrn Dr. Moses hat, haben wir sehr böse Erfahrungen gemacht. Wir hatten eine ״Akademische Gruppe der Berliner Zionistischen Vereiuigung“ seit!E! Jahren; sic hat nichts geleistet, weil Bilder aus dem russischen Reicbsgbetto. Bündel der Rossarzt. Vor» Dr. J. Külf-Bonn. (Fortsetzung.) Unter der ganzen Truppe war keiner so tapfer, so Wild und verwegen, wie er, und er war auch gleich bcreit diese Auskundschaft zu übernehmen. Nur wenige ausgesuchte Reiter sollten ihm folgen, und auf dringendes Bitten erklärte auch ich mich bereit, ihn auf diesem kühnen Ritte zu begleiten. ״Du mit Deiner weissen Binde am Arm,“ meinte er, ״hast wenig zu riskieren; die Kugeln der Kabardcn haben vor diesem Zeichen grossen Respekt, denn auch diese wilden Menschen wissen recht gut, dass Du nur zum Heilen aber nicht zum Töten da bist und im Notfälle ihnen so gut wie uns Hilfe leisten würdest.“ Wir waren nun schon vom frühesten Morgen bis gegen Mittag bergauf, bergab durch völlig unwegsame Gegenden, über steile Felsen hinweg unsere Pferde am Zügel führend und reissende Bergfltissc hindurch geritten Und geschritten, ohne ein Menschenwesen anzutreffen. Endlich an einem Bergabhange unter dem Schutze vorspringender Felsen fanden wir einzelne zeitweilig verlassene Wohnungen, wie sie diese Völkerschaften zu errichten pflegen. Wir näherten uns vorsichtig, um dieselben nach Lebensmitteln zur Stillung unseres Hungers zu durchsuchen, fanden auch genug für uns und unsere Pferde. Jetzt galt cs ganz besonderer Vorsicht, denn wir wussten uns in der Nähe einer grösseren Niederlassung. Als wir nun auf der Spitze des vor uns liegenden Berges angelangt waren, sahen wir jenseits ein grosses prächtiges Tal mit weitgedehnter Viehweide und daraui zahlreiche Herden von Gross- und Kleinvieh grasen. An einem das Tal sich hindurchwindenden silberhellen Flusse waren die zahlreichen Zelte eines Aul aufgeschlagen, darin im Augenblick viel Leben sich kundgab; wie es schien, wurde daselbst ein heiteres Fest gefeiert, bet welchem Männer, Frauen und Kinder sich erlustigten. Wir hatten genug gesehen; letzt hicss es zurück, um unseren Truppenführern die Kunde zu bringen.^ Wir hatten die Hoffnung, ebenso unbehelligt, wie wir gekommen, auch wieder zurück zu gelangen, sollten aber bald eines anderen belehrt werden.