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Jüdische Rundschau · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 23

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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No. 42. JUdiselie Huud^eliau. Seite 23. gekommen, zu handeln und uns aufzuraffen. In diesem Kampfe können uns die Makkabäer ein Vorbild in der Begeisterung für die heilige Sache sein. Was reine religiöse Begeisterung vermag, sehen wir an den Makkabäern; Begeisterung und persönliche Überzeugung sind Waffen, denen gegenüber auch die gewaltigsten Anstürme erfolglos bleiben müssen. Die Makkabüer können uns auch vorbildlich sein in Beziehung auf ihren Mut; mit dem von ihnen bewiesenen Heldenmut sollen auch wir frei und offen cintretcn für unsere Sache und uns nicht fürchten vor dein Spott und Holm der Welt. Ausser dem Mut und der Begeisterung war es aber auch die Einheit und Einmütigkeit, welche den Makkabäern zum Siege verhalf. sowie Zucht und Ordnung, welche die Grundpfeiler eines jeden guten Heeres bilden. So liegt auch in der Kirche das Unterpfand des Sieges im Gehorsam und in der Unterordnung unter die kirchliche Autorität. Von den Makkabäern sollen wir auch lernen das feste Gottvcrtraucn und die Gesetzestreue. Wie die Makkabäer, so sollen auch wir mit unbefleckten Waffen den Kampf führen, denn schlechte Waffen können auch einer guten Sache nur zum Schaden gereichen. Freilich haben die Makkabäer auch Fehler gehabt, die wir nicht nachahmcn dürfen, aus denen wir aber lernen können. Niemand w ird ihr Streben nach politischer Macht billigen, und von diesem Fehler sollen auch wir uns freihaltcn.“ Mit kirchlich e in Masse messend, kann der katholische Prinz nicht die national-politische Grösse der Makkabäer würdigen. Fs ist ja sehr geistreich und erbaulich. Parallelen zwischen heutigen kirchlichen und auch synagogalen Bestrebungen und den Kämpfen der Makkabäer zu ziehen. Aber historisch ist das nicht. Die Makkabäer kämpften für Recht und Überlieferung der Väter, für Freiheit und Selbständigkeit ihrer Nation, sic waren keine religiöse, sondern eine Volkspartei. Vor allem waren sie keine Frömmler. Auch wir wollen den Makkabäern nacheÜern. aber mit mehr Recht und in historischem Sinne. Denn sic sind mit Saul und Jonatan und David, mit Johann von Gischala, Bar Giora und Barkochba National hcldcn der jüdischen Nation. Karlsbad. Unser Brunner Bruderorgan die „Jüdische Volksstimme“ veröffentlicht einen Karlsbader Brief, der an Deutlichkeit und Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt, den man aber leichter billigt, wenn man weiss, wie es in Böhmen noch immer Juden gibt, die sich um jeden Preis den Deutschen, von denen sie zurückgestossen werden, an den Hals werfen. Sie schreibt: Karlsbad gilt noch immer als ein Bollwerk des Liberalismus in Österreich und es ist dies wirklich auch vollkommen richtig, wenn man nämlich damit den „Juden* liberalismus“ meint — und bekanntlich verdient der heutige Liberalismus diese Bezeichnung voll und ganz. Ja, es ist wahr, wenn auch die wenigen deutschen Männer von anno dazumal die wirklich noch wahre Liberale geblieben sind, langsam aber sicher aussterben, wenn auch das Alldeutschtum schlimmster Sorte in Karlsbad üppig in die Hahne schiesst, Karlsbad ist und bleibt doch ein Bollwerk des — Liberalismus. Ja, liberal sind sie, unsere Juden pardon Deutsche mosaischer Konfession, liberal und deutsch vom Scheitel bis zur Sohle. — Sollte jemand daran zweifeln, so können wir mit Beispielen aufwarten, die jeden Rest eines Zweifels an der schlackenloscn deutschliberalen Gesinnung unserer Herren Israeliten zu ersticken imstande sind. Ist es denn nicht liberal, wenn mit echt christlicher Nächstenliebe von den Deutschen mosaischen Glaubens mit Vorliebe deutschnationale Angestellte beschäftigt werden? Oder zeigt es nicht von reiner, aufrichtiger Liebe zum „gemeinsamen“ deutschen Volke, wenn man als Jude über die Kaftanjuden weidlich schimpft und spottet und wenn man sich an den unzähligen antisemitischen Ansichtskarten in jüdischen und christlichen GeschäftsIHden mit unverkennbarem Ergötzen weidet? Treten die Herren unserer Kille bei Wahlen nicht stets für den deutschen Fortschrittsmann wie ein Mann an die Urne? Ist es dann ihre Schuld, wenn der Kandidat regelmässig durchj fällt? Haben wir nicht einen der bedeutendsten Kanzclrcdncr hier zum Rabbiner, der fast allwöchentlich vor einer dichtgedrängten, entzückten Zuhörerschaft von Freiheit, Fortschritt und von der — „Mission“ des , Judentums predigt? * I Sind das nicht Beweise genug, wie aufopfernde, | brave, liberale Deutsche unsere Isracliteu sind? — Nur; noch ein letztes Beispiel davon, damit auch der letzte ' Zweifel schwinde. Vor ein paar Jahren wurden die | Deutschen mit den eigenartigen Nasen aus den hiesigen j deutschen. Turnvereinen wie überall hinausgeschmissen. Was tun die Herren? Sic gründen einen eigenen Veri ein, farblos natürlich, genannt „Karlsbader Turnklub“.; Gut. Die Wortführer dieses jüdischen — pardon* — i Karlsbader Turnvereins sprechen jedoch in der gründen- ' den Generalversammlung die Hoffnung aus, dass es wohl! bald wieder möglich sein wird, dem deutschen Gatt- : verbände beizutretenü Aber nocli mehr! Der Turverein hat zwei Jahre ruhig bestanden und nun beabsichtigen einige wackere j Teitsche im Turnverein diesen Anbiederungsakt tat-! sächlich vorzunchmcn! Aber diesmal haben die Herren die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Von Seiten der; Zionisten werden die grössten Anstrengungen gemacht werden, um diesen trottelhaften Streich zu vereiteln und; ist nach der ganzen Stimmung in der hiesigen Judenschaft doch anzuttehmeu, dass es nicht so weit kommen : wird. Sollte der Versuch aber gemacht werden, so dürfen sich die betreffenden Herren auf einen Kampf gefasst , machen, der von zionistischer und ihr befreundeter Seite an Heftigkeit nichts zu wünschen übrig lassen wird. Glücklicherweise jedoch beginnt auch bei unseren Juden, , Dank der unermüdlichen zionistischen Arbeit, langsam, f sehr langsam doch die Erkenntnis aufzudämmern, dass i die schmähliche Anbiederungs- und Assimilationssucht | doch nutzlos ist und die Zeichen sind da, dass es anders l werden wird. Manche beginnen ihr jüdisches Herz zu ' entdecken und sich unserem Standpunkte zu nähern. Wir; Zionisten aber können unseren lieben Herren Israeliten | die getroste Versicherung geben: Wir, die wir zuerst j totgesagt und dann totgeschwiegen wurden, werden j nicht früher ruhen und rasten, als bis auch der letzte j Volksverräter verschwunden sein wird. F. St. I Czenstochau. Zu Beginn des Aufruhrs, als das geforderte \ Militär eingedickt war, glich die Stadt einem förmlichen 1 SchlacluielJe. Das Gewehrknattern war schrecklich anzuhören.! Das Militär schoss auf Befehl zumeist in die Luft, mithin waren i auch verhältnismässig wenig Tote und Verwundete zu ver- { zeichnen. Die Toten sind in aller Stille beerdigt worden, an , dem Aufkommen der im Spital liegenden acht Verwundeten : wird gczweifclt. Vorläufig ist durch die energischen Mass-; nahmen des Gouverneurs von Petrikau der Krawall gedämpft j worden. Die vorgekommenen Excessc erreichten teilweise den i höchsten Grad entmenschter Wildheit und wenn auch das 1 AUlitär vielfach das Bestreben zeigte, die Radaumacher zu I schonen, so hieb es auf der anderen Seite unbarmherzig auf | die Ruhestörer ein. Ein Polizist hat einem Arbeiter mit einem! wuchtigen Säbelhiebe den rechten Arm abgeschlagen. Eine [ junge Jiid*n wurde von dem Pöbel an den Haaren durch den | Kot geschleift, und wäre gewiss umgekommen, wenn sic durch j die Polizisten nicht befreit worden wäre. Sie liegt bedenklich j krank danieder, da sic nach Aussage des Arztes eine Gehirnerschütterung davongetragen hat. Die Polen haben, wie sich immer mehr hcrausstellt, geradezu fürchterlich gehaust. Die Zahl der getüteten und schwer verwundeten Juden ist grösser, als die Presse zugeben will. Es wird gemeldet, dass auch jetzt noch immer neue Haussuchungen nach den geraubten I Gegenständen bei den verdächtigen Personen abgehalten werj den, und dass immer noch Verhaftungen stattfinden. Im ganzen sind bis jetzt gegen achthundert Personen verhaftet. Uber l Hundert Personen sind noch im Gefängnis in Czenstochau, der! Rest ist in die Gefängnisse von Petrikau und Warschau geschafft worden. Auch in den Nachbarorten haben bedeutsame .Unruhen gegen die Juden stattgefunden. Die Polen haben immer Anspruch erhoben, das Volk zu sein, dem durch die Teilung ihres Landes ein Unrecht widerfuhr, wie es sonst noch keinem Volke geschehen ist. Sie bemühen sich krampfhaft ihr Schcrflcin zu dem Beweise beizutragen, dass den Juden Unrecht geschah und geschieht, wogegen sogar die Teilung Polens ein Kinderspiel ist.

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