Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ko. 42. Seite 21. «JUdisclie Hundseltau. gerade nationalen LItteratur nicht im Buchhandel, sondern privatim erscheint. Unser Machtbezirk ist lediglich die Macht, welche die Liebe zur eigenen Nation ausöbt, Umsomehr müssen wir diese Macht nutzen, um auf ihr als Orundlage iedes nationale Eigentum unseres Stammes zu mehren. Gibt uns kein Staat und keine Gemeinde die Befugnis, Pflichtexemplare zu verlangen und zu erhalten, ist unsere Bibliothek ganz allein auf die Freigebigkeit angewiesen, so wollen wir es für eine Ehrenpflicht erachten, selbst von jedem neuen Buch ein Exemplar an die Bibliothek zu Jerusalem zu geben. Und wenn von vielen Verlegern in allen Staaten es als eine drückende und unangenehme Pflicht, als eine unbillige Last empfunden wird, dass sic von Jedem Werke und jeder Auflage ein Exemplar an die Landesbibliothek abftthren müssen, so werden unsere Schriftsteller es für eine Ehrenpflicht ansehen, dass sic von jeder Schrift und jedem Öticlic, das sic schreiben, ein Exemplar nach Jerusalem einschicken. Dann wird unsere Bibliothek ihrer Bestimmung um ein gewaltiges näher gerückt sein. Darum verlangen wir für die Nationalbibliothek von allen Juden — Eh renPflichtexemplare!*) flus der Bewegung. Berlin. Wir hatten vor einiger Zeit anlässlich eines Vortrages, den Dr. Alired Klee im Anschluss an den Mannheimer Delegicrtentag in der Mannheimer Bne- Brith-Loge über „Probleme der .jüdischen Kolonialpolitik“ hielt, Veranlassung, zu konstatieren, dass die Haltung der Bne-Brith-Logcn unserer Bewegung gegenüber eine offenbar freundlichere geworden. Wir haben zu Anfang in den Logen zumeist heftige Feindschaft, im besten Falle Gleichgiltigkeit gegenüber dem Zionismus beobachten können. Das scheint sich in letzter Zeit wesentlich geändert zu haben. Auch die Furcht, Diskussionen über den Zionismus könnten das gute Einvernehmen unter den Logenbrüdern stören, scheint zu schwinden. Man scheint im Orden zu begreifen, dass *) Wer die Absicht hat, Bücher für die Nationalbibliothek in Jerusalem zu spenden, wende sich in Deutschland an Herrn Jacob H. Wagner, Berlin C. 22, Joachimstr. 6. Auch die Redaktion der „Jüdischen Rundschau“ stellt sich gern zur Empfangnahme und Weiterbeförderung zur Verfügung. Besonders werden auch Vereine und Gemeinden gebeten, ihre Drucksachen, Statuten und andere Veröffentlichungen möglichst in mehreren Exemplaren einzusenden. Die Erwiderung auf Rathenaus Impressionen, die uns vorliegt, ist, wie gesagt, zwar frisch und lebendig geschrieben, findet zuweilen auch Schärfen, die ganz angebracht sind, aber sic leidet an dem Grundfehler, dass sie sich nicht von dem Irrtumc losmachen kann, dass die Juden keine Nation sind. Freilich Prof. Kirchhoff, der bessere Leitfaden der Geographie schreibt, als er staatswissenschaftliche Begriffe richtig definiert, leugnet, dass die Juden eine Nation sind. Er nennt, was Bluntschli ein „Volk“ oder besser „Staatsvolk“ nennt, eine Nation, und dessen „Nation“ heisst bei ihm „Nationalität“. Aber er leugnet doch keineswegs, dass die Juden in dem von ihm bezeichneten Sinne eine „Nationalität“ seien. Jedenfalls werden wir um Kirchhoffs schöner Augen willen weder unsere wohlbegründeten Begritie von Nation und Volk umstülpen, noch aufhören, jüdisch-national zu sein. Wir halten uns an die Rede des Deutschen Kaisers, die er kürzlich in dem Städtehaus in Posen hielt, wo es heisst: „Der zweite Irrtum ist der, dass die Besorgnis wach erhalten wird, dass die Stammeseigentümlichkeitei» und Überlieferungen ausgelöscht werden sollen. Dein ist nicht so. Das Königreich Preussen setzt sich aus vielen eine Organisation, die lebendiges Judentum pflegen will, die vor allem sozial wirken will, an der machtvollsten jüdischen Bewegung der Gegenwart nicht achtlos vorüber gehen kann, ohne sich selbst zu schaden. Der Zionismus pocht gebieterisch an alle jüdischen Tore und begehrt Einlass; dass er kräftig genug ist, sich diesen Einlass zu erzwingen, beweist am besten die Entwicklung des Rabbiner-Verbandes; in Berlin das törichtgrössenwahnsinnige, angeblich einstimmige Anathema von 1897, in Frankfurt a. Main in diesem Jahr bereits eine beträchtliche Anzahl von Rabbinern, die sich zum Zionismus bekennen. Auch in Logenkreise hat der Zionismus seinen Einzug gehalten, wo man ihm noch fern steht, wünscht man wenigstens auigeklärt zu werden, in der Loge zu Posen soll ein Referat über Ziohismus gehalten weiden, die grosse Berliner Berthold-Auerbach- Logc, derdie inassgebnndsten Persönlichkeiten des Ordens wie der derzeitige Grosspräsident und der frühere Grosspräsident angehören, und die Montefiore-Loge haben unsern Freund Dr. Klee um einen Vortrag über den „Zionismus“ ersucht, wie uns von einer der Loge nahestehenden Seite mitgeteilt wird. Wie wir hören, hat Dr. Klee diese erbetenen Vorträge zugesagt. Näheres werden wir freilich nicht berichten können, da die Vorträge in den Logen bekanntlich geheim sind, aber die Tatsache, dass Vorträge über Zionismus gehalten werden, genügt und erscheint uns symptomatisch. Wir überschätzen die Vorgänge nicht. Es wird im Orden Bne-Brith auch heute noch verbissene Gegner der Zionssache geben und vielleicht auch Logen, die sich noch nicht zu der geistigen Höhe durchgerungen haben, vorurteilslos unserer Sache gegenüberzutreten. Aber wir unterschätzen diese Symptome auch nicht. Der Orden Bne-Brith umiasst über 50 Logen und annähernd 5000 Brüder, sämtlich dem gebildeten und materiell kräftigen, häufig den einflussreichsten Schichten der betreffenden Gemeinde angehörig und nimmt von Tag zu Tag zu. Dazu kommt, dass im Orden wirklich idealer Sinn gepflegt. Verständnis für soziale Auigaben geweckt wird. Wenn es der sieghaften Kraft der zionistischen Idee, woran wir nicht zweifeln, gelingt, den Orden der Zionssache zu gewinnen, so ist ein grosses, wertvolles Stück Arbeit getan. Das wird nicht von heute auf morgen möglich sein, aber wir wollen des Herzlschcn schönen Bildes eingedenk bleiben, dass wir es denen zwar nie vergessen werden, die die Fahrt furchtlos mit uns antraten, als das Schifflein den Haien verliess und Stämmen zusammen, welche stolz sind auf ihre frühere Geschichte und ihre Eigenart. Das hindert sie jedoch nicht, vor allen Dingen brave Preussen zu sein!“ Darum lassen wir uns eben nicht ein- und aufreden, dass man unsere jüdisch-nationalen Bestrebungen in eine Parallele mit den polnisch-nationalen oder dänischirrcdentistischen (S. 11) stellen darf; denn wir streben w eder unsere Loslösung noch die eines Landesteils von Preussen an, sondern halten unverärgert und unverbittert treu zu Kaiser und Reich. Aber wir sind jüdischnational im bewussten Gegensätze zur Assimilation. Führt diese aus dem Judentum hinaus, so wollen wir in das Judentum erst recht hinein! — Ncucrschfeneue Bücher. Theodor Herzl: AHneuland. Roman. Leipzig: H. Seemann Nachf. ohne Jahr. (1902). (343 S.) 8°. Mk. 2.—, geb. Mk. 3.—. „Motto: „Wenn Ihr wollt, Ist es kein Märchen.“ „The Jewish Encyclopedia“. A descriptive record of tbo history, religion, literaturo und customs of the yowish people from tho earliest tim es to tho present day. Vol. 2. (Apocrypha-Benash). New-York I and London: Funk and Waguak’s Company 1902.