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Jüdische Rundschau · 1902-10-15 · Heft 42 (15.10.1902) · p. Seite 20

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 42 (15.10.1902)
Date
1902-10-15
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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Seite 20. JUdiHclie Rundschau. No 42. Buchwesens in Betracht kommt. Und eine jüdische Bibliothek sollte um so mehr Wert auf die Vollständigkeit ihrer Sammlungen legen, als das Buch gewissermassen die Heimat des vertriebenen Volkes war und leider noch ist. Das jüdische Moment wird daher das vorwaltende sein, wenn man eine Nationalbibliothek gründet. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, dass nur jüdische Bücher aufgestellt werden dürfen, wenn man den Charakter der nationalen Bücherei wahren will. Vielmehr ist es dringend notwendig, auch die nichtjüdische Litteratur zu pflegen. So wenig es eine Bildung heute gibt, die in dem Sinne national ist, dass sie alles Nichtstamincstiimlidic fcrnliält, so wenig jemals eine Bildung oder Kultur sich von andern Bildungskreisen ausschlicssen konnte oder durfte, so wenig kann eine Nationalbibliothek ihren Zweck erreichen, wenn sic sich auf Erzeugnisse des eigenen Volkes beschränkt. Auch die grossen Bibliotheken in den europäischen Hauptstädten sind als Nationalbibliotheken durchaus zu betrachten. Aber wer würde erwarten, dass in der Königlichen Bibliothek zu Berlin ein Buch deshalb keine Aufnahme fände, weil cs von einem Nichtdeutschen verfasst ist. Es wäre widersinnig, wenn die Bibliothek des British Museum oder die im Louvre deutsche Bücher nicht aufnehmen wollte. Das nationale Moment, das ’ diesen Büchereien in eminentem Sinne innewohnt, besteht vielmehr darin, dass in erster Linie die Litteratur des eigenen Volkes gepflegt wird, dass aber das Schrifttum anderer Nationen so weit durchaus zur Geltung kommt, als es entweder auf die gesamte Entwickelung der Kultur oder des eigenen Stammes eingewirkt hat. Eine jüdische Nationalbibliothek kann ebensowenig Schillers, Goethes, Kants, Luthers oder Bismarcks Werke aus ihren Sammlungen ausschliessen, wie eine deutsche Nationalbibliothek die hebräische Bibel, die Werke eines Homer, eines Plato, eines Camoens oder eines Ibsen. Ja, wir werden infolge unserer eigenartigen Bildung und Geschichte mehr als andere Nationen unsere Ausschliesslichkeit zurückdrängen und das fremde Moment zur Geltung kommen lassen müssen, ohne darum zu fürchten, dass unser Stammestum in irgend welcher Form dadurch Schaden leiden könnte. In der grossen Mehrzahl der Bücher und in den Grundsätzen der Ordnung und Aufstellung wird ohnehin das Moment des nationalen Judentums zur Geltung kommen. Aus diesen Gründen wäre es bei Zeiten nötig, feste Grundsätze und moderne Bestimmungen der inneren Einrichtung der Bibliothek zu Grunde zu legen, Es ist ein gewaltiger Irrtum zu glauben, dass die Kenntnis europäischer oder jüdischer Wissenschaften oder beider zusammen, genügt, um eine Bibliothek und speziell unsere Bibliothek sachgemäss zu leiten. Vielmehr erfordern gross angelegte Bibliotheken, dass ihnen das besondere bibliothekarische Studium und diese spezielle Tätigkeit zu gute kommt. Vor allem aber müssen für die Kataloge von vornherein sach- und fachgemäss die notwendigen bibliothekarischen Grundsätze mit allen selbst kleinlichen an talmudische Distinktionen erinnernden Genauigkeiten festgelegt werden, wenn nicht späterhin heillose Verwirrung und grosser Schade für unsere Bibliothek entstehen soll. Diese Grundsätze könnten dann überall in jüdischen Bibliotheken gleichmässig zur Anwendung kommen. Vielleicht bietet sich einmal Gelegenheit, die Ergebnisse unserer eigenen Studien und Erfahrungen dem fachmännischen Urteile zu unterbreiten. Wenn mm aber auch die Frage der Büchcranschaffung von derjenigen der Katalogisierung und Aufstellung ln der Praxis niemals zu trennen ist, so soll der knappe Raum, der uns heute zur Verfügung steht, nicht dazu dienen', diese Dinge hier vor Laien zu erörtern. Das wäre verfehlt. Wir wollten vielmehr nur einen kleinen Hinweis geben, in welcher Richtung wir uns zu bewegen haben, wenn wir an den Erwerb von Büchern für unsern nationalen Bücherschatz denken. Und gerade deshalb hielten wir es für notwendig, einen Hinweis zu geben, in welchen Gebieten man sammeln soll, weil wir keine einheitliche Bibliotheksleitung haben, die nach festen Grundsätzen ihre Accession leitet, der weitaus grösste Teil der Bücher vielmehr lediglich aus Geschenken besteht. Deshalb wollen wir es noch einmal gründlich betonen, dass eine Nationalbibliothek, die nur vorübergehend auch den Zweck der aufklärenden Volksbibliothek mitzuerfüllen hat, auf allen Gebieten in ausgiebiger Weise entwickelt werden muss. Es giebt keine Richtung irgend welcher Litteratur, die unserer Bibliothek dauernd ganz fremd bleiben kann. Und nun noch eins! Jeder Staat, der seiner Nationallitteratur wohl will, hat die prächtige und unübertreffliche Einrichtung der Pflichtexemplare getroffen, wonach von jedem in seinem Machtbezirk hergcstelltcn Druckerzeugnis ein Exemplar an die Landesbibliothek abzuführen sei. Wir Juden haben dem nichts an die Seite zu stellen. Dazu kommt, dass ein grosser Teil unserer von damals hatte Wort gehalten; er hatte sich des Jungen als sein Pate angenommen, und ihn zum tüchtigen Soldaten erzogen, der nunmehr selbst schon bis zum Unteroffizier und Rottenführer aufgerftckt war. (Fortsetzung folgt.) Eitteraturberlcbt. Selig, Dr. med.: Reflexionen zu Walther Rathenau’s Impressionen: „Höre Israel!“ Eine Erwiderung. (Worms: H. Kräuter 1902). 24 S. hoch 8°. Der Wert von Rathenaus Impressionen ist der, dass eine Reihe von Leuten, die sich auf dem gleichen Wege vom jüdischen Volkstum hinweg befinden, den Abgrund bemerken, der sich in der Ferne vor dem Judentum auftut, wenn es sieb weiter in der Richtung der Assimilation bewegt. Man kann daher sehr assimilatorisch gesinnt sein, ohne darum Rathenaus Vorstoss zu billigen. Auch in der v4rliegenden Schrift, die zum Teil sehr schroff sich gegen Rathenau wendet, heisst es: „Was Sie wollen mit rascher Tat, streben wir an mit bedächtiger Kulturarbeit, die Assimilierimg!“ Nicht in der Sache liegt der Unterschied, sondern in der Methode und Taktik. Die folgerichtigsten Assimilationsjuden lassen sich selbst, die ihnen in der Rangordnung nächststellenden ihre Kinder taufen. Das sind die Witkowskys, die sich Harden und Witting nennen. Und das Berliner Tageblatt hat die Ehre von des Bürgermeisters „blonden Töchtern“ zu schreiben. Dann kommen die Rathenaus. Aber man begreift erst die Assimilation und ihren Zug aus dein Judentum hinaus, wenn man Gelegenheit hat, sich die Kreise kleiner posenschcr Nester anzusehen, aus denen sich das Berliner Tiergartenjudentum und die getaufte „Aristokratie“ herausentwickclt hatt. Wenn man in — sagen wir einmal nicht Wronke — also in Rogasen oder Rawitsch und Krojanke die noch zurückgebliebenen reichen Söhne von Wucherern und Geizhälsen studiert, die hier in ihren polnischen Nestern fromm „Kapporcs schlagen“, dann begreift man, von wo die Assimilation kam, und von wo sie! ihren. Nachwuchs bekommen wird. Aber man verstellt | auch, dass die Assimilation und ihre Konsequenz, die Judentaufc, das Sicherheitsventil ist, durch das das Judentum die schädlichen und durch lang wiederholte Nahzucht in jeder Beziehung schwer kranken Elemente ausstösst, um von ihnen zu gesunden.

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