Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 42. Seite 19. Jüdische Rundscliaii. zur Abwehr des Antisemitismus einzutrefen. Ich habe h^lb gelächelt, halb bedauert. Aber schon wächst ein Oeschlecht von Rabbinern h^ran, das besseren Rat weiss. Den haben sie von unserer Idee und unserer Bewegung. Dann wird die deutsche Judenheit schneller lernen, die Zeitgeschichte mit unseren sehenden Augen zu betrachten. Bemerkungen Ober die nationalbibliolhek zu Jerusalem. Es ist eine unbewiesene, aber jedenfalls interessante Hypothese, dass der biblische Kanon den Rest einer alten Tcmpelbibliothck aus Jerusalem darstclle. Aus den spärlichen Überbleibseln einer alten Nationalbibliothek, die den Untergang des ersten Staates der Juden nicht überlebte, sei jenes Buch zusammengesetzt, auf dem als Grundlage alle ethische Kultur der abendländischen Welt beruht, und das bei aller seiner Grossartigkeit und der gewaltigen Bedeutung seiner die ganze Welt in Liebe umfassenden Ideen, dennoch das ausscliliesslichNationalste ist, das der jüdische Stamm überhaupt geleistet hat. Woher nun dieser Kanon stammt, der uns allein von unserer alten Herrlichkeit und Kraft im alten Heimatlande Kunde gibt, wird niemals mehr unwiderleglich dargetan werden können; aber das Wahrscheinlichste ist es vielleicht doch, dass die alten in diesem Buche gesammelten und zu einer Geschichte unseres Volkes geordneten Bücherrcste aus derselben grossen Bibliothek stammen, die einst an heiligster Stelle aufbewahrt, den kostbarsten Schatz der grossen Kulturnation bildeten, der wir späten Enkel entstammen. Eine Nationalbibliothek wiederum in Jerusalem einzurichten, nachdem das Volk des Buches und der Bücher so lange Jahrtausende einer solchen entbehren musste, ist das grosse und unsterbliche Verdienst eines Mannes, der sein ganzes Leben diesem einen in eminentem Sinne nationalen Werke widmet. Der Arzt Dr. Chasatt owicz hat in Jerusalem den Grundstock zu einer Bibliothek gelegt, von der er hofft und wünscht, dass sic sich durch seine und seines Volkes Bemühungen soweit auswächst, um in Ehren die Nationalbibliothek des jüdischen Stammes genannt zu werden. Zwar sind die Anfänge eben erst gemacht worden, zwar ist der erste Bau eines noch nicht sehr grossen Hauses noch lange nicht beendigt, aber schon muss man gestehen, dass sich die Sache so entwickelt, wie es im Interesse einer wahren jüdischen Kulturentwickelung notwendig ist. Wenn es nun an und für sich schwer ist, eine Begriffsbestimmung zu geben, was überhaupt eigentlich eine Bibliothek ist, obwohl jeder sehr genau zu wissen glaubt, was er unter einer Bibliothek zu verstehen hat, so ist es noch viel schwieriger, zu bestimmen, was eigentlich eine Nationalbibliothek sei. So wenig für eine Bibliothek die Bestimmung ausreicht, dass sie eine Sammlung von Büchern darstellt, und so wenig das Lager eines Buchhändlers, so wohlgeordnet es ist, und so reichhaltig sein Sortiment sein mag, jemals den Namen einer Bibliothek beansprucht oder verdient, ebensowenig versteht man unter einer Nationalbibliotliek eine beliebige Anhäufung von geordneten Büchern, die zusammengekommen sind, wie es der Zufall und die Laune der Geber gerade mit sich gebracht hat. Und doch ist uns wenig daran gelegen, in Jerusalem beliebige Bücher in grosser Zahl aufzuhäufen, als vielmehr gerade das Moment der wohlgeordneten Bibliothek zu nationalem Endzweck hervortreten zu lassen. | Da nun eine Bibliothek im allgemeinen eine nach vorj geschriebenen Grundsätzen geordnete, zum Zwecke der! Benutzung aufgestellte Sammlung von Büchern ist, so! muss das nationale Moment dieser von uns atiszubaucn- | den Bibliothek sowohl in der Auswahl der Bücher, als in den Grundsätzen ihrer Ordnung zum Ausdruck | kommen. Das soll nicht etwa heissen, dass die jüdische j Nationalbibliothek sich auf Bücher jüdischen Inhalts zu j beschränken hätte, iind dass wir uns auf den sagenhaften j Standpunkt Omars stellen sollten, dass, was nicht nach unsenn Rezept geschrieben sei, nicht wert wäre, in einer Bibliothek aufbewahrt zu werden; aber es wäre keine Nationalbibliothek, die diesen Namen verdiente, wenn nicht eben das nationale Moment in ihr zur Geltung käme. Auch die Bibliothek der Schule Mikweh-IsrAG ist schätzenswert, nur ist sie das Gegenteil dessen, was man national nennen darf. Die nationale Bibliothek der Juden muss die grösste Sammlung der Litteratur sein, welche die Juden in ihrer Eigenschaft als Juden hervorgeb rächt haben. Sie muss ein möglichst getreues Spiegelbild der jüdischen Kultur und Litteratur in allen Zeiten und in allen Ländern geben. Es ist nicht eine zwecklose Spielerei, oder ein unvernünftiger Sport, wenn europäische Bibliotheken sich bemühen, alles zu sammeln, was für die Entwicklung des nicht verstand. Vom Hebräischen wussten sie wenig, aber das biblische Bekennungswort: „Schma jisroül“ war ihnen geläufig. Ich kann auch nicht sagen, ob sie irgendwelche biblische Schriften besassen, wie ich denn überhaupt nie auch nur irgend ein geschriebenes oder gedrucktes Blatt bei ihnen wahrgenommen habe. Als ich bei meinem Detachement eintraf, fand ich daselbst auch einige meiner Bekannten von Perckop her, die als tüchtige Soldaten und Reiter galten. Ich selbst fand ein grosses Arbeitsfeld, in das ich sofort cintrat, bei der Behandlung erkrankter und verwundeter Pferde, sowie auch auf dem Verbandplätze und in den dürftigen Baracken, in welchen aiif elenden Lagern die erkrankten und verwundeten Soldaten gebettet lagen; denn auch als sogenannter Feldscher, der im russischen Heere damals noch eine grosse Rolle spielte und an vielen Orten den Arzt ersetzen musste, war ich vorgebildet worden. Bereits über ein Jahr war ich auf diese Weise im Felde tätig; ein ärmliches und erbärmliches Leben führend, wie ich es sonst im Leben nie wieder gekostet habe. Oft wochenlang mussten wir uns mit harten Brotrinden behelfen, einer Brotsorte, die auch eher Baumrinden zu vergleichen waren als Brot. Möglicherweise hätte die Verpflegung eine ganz gute sein können, allein die hierzu bestimmten Gelder flössen zum grössten Teile in fremde Taschen und die besseren Nahrungsmittel kamen nicht bis zu uns. Wollten wir ein ordentliches Essen haben, mussten wir selbst Zusehen, wie wir etwas ergatterten. Pferdefleisch war unsere beste Speise, die aber doch auch nur selten zu haben war. Der Krieg hätte gewisslich so viele Jahre nicht andauern, so viele Menschenleben verzehren können, wenn die Verpflegung eine geordnete gewesen wäre. Wir waren dem Feinde, so tapfer und geschickt er sich auch benahm, in jeder Beziehung überlegen. Einstmals war wieder grosse Not im Lager. Ein Kamerad wollte von der Spitze eines Berges, den er erklettert hatte, in einem entfernten Tale Vieh, Rinder und Schafe, grasen gesehen haben; das war für uns eine überaus verlockende Kunde. Dahin einen Streifzug zu unternehmen, war schon der Mühe wert, zunächst jedoch musste die Tatsache wirklich festgestellt und Weg und Steg dorthin ausfindig gemacht werden. Dazu aber war niemand geeigneter, als mein ehemaliger Genosse, der schon damals, als wir gewaltsam entführt worden waren, als tüchtiger Reiter sich bewiesen hatte. Der Feldwebel