Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1902)
- Date
- 1902-10-15
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18. Ko. 42. JlidiBclie l~&tincK$»clftfiii. findet, die Juden hätten damals wirklich Reinkulturen von PestbaziHen in die Brunnen getan, Jedenfalls schätze ich eine Zeit, die einen jüdischen Ritualmord der sachlichen Erörterung für bedürftig hält,- in diesen Fragen nicht viel höher ein. Der als Zeuge fungierende Staatsanwalt — er ist beileibe kein Antisemit — war so liebenswürdig hinzuzufügen, dass, wenn ein Rituahnord vorläge, er nur von Juden grössten Aberglaubens und grösster Rückständigkeit begangen sein könnte. Damit meint er frohlocket, kultivierte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens! — augenscheinlich östliche Juden. Wir dagegen haben die Moral, zumal die religiöse Moral unserer östlichen Brüder für durchaus ebenso rein, wie die der ersten Christen, die Kaiser Nero wegen derselben Beschuldigung als Pcchfackeln für sein Gartenfest benutzte. Und die christliche n Verehrer dieser Märtyrer schieben achtzehn Jahrhunderte später den Juden den Rituahnord unter! Da sage noch jemand: Tempora nmtantur, die Zeiten ändern sich! Ein anderer kleiner Einblick: Derselbe Staatsanwalt sagt aus, er halte cs für unwahrscheinlich, dass der kräftige, ISiährigc Winter das Opfer eines Ritualmordes geworden sei, da der persönliche Mut, der zu dieser Tat gehöre, nach seinen Erfahrungen grade kein Vorzug der Juden ist. Nun, Herr Bruhn, dem dieser psychologische Einwand gegen sein Beweismaterial vielleicht unangenehm ist, dürfte dagegen anführen, dass Juden ja auch junge Stiere rituell schlachten, und dass dazu auch ein gewisser persönlicher Mut gehöre. — In meiner Heimat pflegt der jüdische Bürger, wenn er liest, dass die Juden mit ausserordentlich geringen Zahlen in der Mordstatistik figurieren, als Erklärung zu sagen: „Ja, ja, der Jude hat kein Herz, einen Menschen zu erschlagen.“ Aber er meint cs etwas anders als Staatsanwalt Schweigger. Es bedurfte wirklich medizinischer Gutachten, um über das Vorhandensein eines Ritualmordes zu entscheiden. Und auch diese Gutachten sind von unserem Standpunkte aus interessant: Sie sind verschieden nach der Unabhängigkeit der Gutachter vom Einfluss der antisemitischen Hetze in Könitz. Kreisarzt Dr. Müller aus Könitz spricht sich so aus, dass ein Schächtschnitt, ausgeführt im Schlachtraum eines Fleischers, sehr wahrscheinlich wird; die hinzugezogenen Gerichtsärzte ausser Dr. Puppe—Berlin nehmen gleichfalls einen Halsschnitt bei Lebzeiten an, geben daneben aber Erstickungsvcrsuchc zu; das Danzigcr Kollegium hält schon den Beweis für die Anlegung des Halsschnittes bei Lebzeiten nicht für wissenschaftlich streng; Virchoxv und Bergmann (Berlin) verlegen ihn mit grösster Wahrscheinlichkeit hinter den Erstickungstod. Es ist klar, folgert antisemitische Logik: Virchow, Bergmann und Puppe sind ganz von den Juden erkauft, das Danzigcr Kollegium halb, Dr. Stoermer und Dr. Mittenzweig ein Viertel, nur Dr. Müller ist objektiv geblieben. Es ist klar, folgern wir, dass antisemitisches Gift übertragbar ist; seine Wirkung nimmt mit der Entfernung vom Herd der Krankheit ab. Aus den endlosen Verhandlungen ist nur noch weniges für uns von Interesse. Der Verteidiger Bruhus hat Freisprechung beantragt. Er führte aus, dass gerade durch die Konitzer Prozesse die Möglichkeit, dass cs einen jüdischen Ritualmord gibt, an Wahrscheinlichkeit bedeutend gewonnen habe. Sein Klient habe daher nicht nur in gutem Glauben, sondern im Interesse der Wahrheit gehandelt. - Bruhn sagte in seiner Verteidigungsrede: Heute feiern die Juden ihr Versöhuungsfest, und der Wortlaut des Gebetes, das sic an diesem Tage sprechen, sei für ihn der Schlüssel zu der Erklärung des Widerspruchs zwischen den jüdischen und christlichen Zeugen in dieser Sache. Er meint natürlich das Kol nidre. Aber lieber Herrgott, gegen einen Ritualmord ist doch ein Meineid ein Pappenstiel, und die Juden kriegen alles fertig. Die Lehre dieses Prozesses ist kurz und deutlich die: Solche Dinge geschehen in Deutschland anno domini 1902. Es wäre Verblendung, uns in Sicherheit zu wiegen; wir stehen auf einem Vulkan, der Boden ist für einen Ausbruch gut %'orbcreitet. Was in Könitz geschah, kann überall in Deutschland geschehen, sobald eine Gelegenheit da ist. Was tut man gegen den Schimpf und gegen die Gefahr? „Abwehr des Antisemitismus“? Versuchte noch einmal, nachdem die Abwehr, wie sie bisher von Juden und einigen Nichtjuden betrieben worden ist, gegenüber diesem grossen Sturm so jammervoll Schiffbruch gelitten hat. Soweit die Abwehr des Antisemitismus für die Ehre des Judentums eine Lanze bricht, kann man ihr die Anerkennung nicht versagen. Sonst aber hat sie nichts genützt. — Werden die deutschen Juden hieraus lernen? Am Versöhnungstage habe ich es über mich ergehen lassen müssen, dass in einem Berliner Gottesdienste der Prediger grade im Hinblick auf Könitz einen Appell an die Gemeinde richtete, in die Vereine Bilder aus dem russischen Relchsghetto, 8tmdel der Rossarzt Von Dr. J. Rülf-Bonn. (Fortsetzung.) Endlich war die Zeit gekommen, dass auch ich in den aktiven Heeresdienst eintreten sollte. Ich ward nach dem Kaukasus geschickt, woselbst nun schon seit mehreren Jahren der Kleinkrieg gegen die Tscherkessen hin- und herwogte und verhältnismässig sehr viele Menschen verzehrte. Freilich weit mehr auf unserer Seite, als auf Seiten des Feindes, dem in seine schwel zugänglichen Täler und Bergesscliluchten zu folgen und beizukommen ein grosses Wagestück war. Diese Tscherkessen sind ein gar eigentümliches Volk; kriegerisch, wild, verwegen, die geschicktesten Reiter und Schützen, brachen sie ganz unversehens aus ihren Schlupfwinkeln hervor, richteten den grössten Schaden an und waren ebenso rasch auch wieder verschwunden, j Mit ihren Pferden waren sie wie verwachsen und diese | klugen Tiere brauchten nicht Zaum und Zügel — sie j folgten auf Wink und Wort und verliessen selbst im Tode | ihren Reiter und Herrn nicht, dem sie ihre Anhänglichkeit auch dadurch bekundeten, dass sie von keinem andern sich lenken und leiten Hessen. Wes Stammes und Glaubens diese wilden ungezügelten Völkerschaften sind, ist heute noch nicht fcstgcstellt. Die Türken bezeichneten sie als Mohamedaner, die Russen als Christen; möglich auch, dass diese Bezeichnung bei der einen oder andern der vielen kleinen Völkerschaften, die sonst streng von einander gesondert leben, und nur gemeinsam in den Krieg ziehen, zutrifft. Der Stamm, unter welchem ich einige Wochen zu leben gezwungen war, gehörte ganz unfraglich dem Judcntume an. Sic selbst bezeichneten sich als Juden und zwrar als die Nachkömmlinge und Überbleibsel jenes Zehnstammesreichs, dem voreinst Salmanassar, König von Assyrien, ein Ende gemacht hatte und dessen, in die Gefangenschaft geführte, Bevölkerung gänzlich verschollen ist. Sie wusste zu erzählen von Abraham und Israel,! von Moses und Josua, von David ur.d Salomon; die i Namen Isaac und Jacob waren ihnen fremd. Genaueres | auch bezüglich ihres Gottesdienstes konnte ich nicht erfahren, weil ich demselben nicht beizuwohnen Gelegen- I heit hatte; auch ihre Sprache — sie redeten arabisch —