Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1902)
- Date
- 1902-10-10
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. Jüdische Rundschau. No. 41. zwingen, sich za ihrer Abwehr and Beseitigung zu vereinigen: »• Ir ^?*e Oberflächlichkeit der zionistischen Anschauung und die Verleugnung der eigenen Grundsätze, die viele Zionisten bei der Agitation an den Tag legen. Es ist Tatsache, dass an vielen Orten, namentlich in West-Europa, der Zionismus bewusst zur W ohltatigkeitsangclegenhcit und Geldsache gemacht wird. Diese Agitation missachtet oder erniedrigt das Geschichtliche und Lebendig-Nationale der zionistischen Freiheitsbewegung. erträgt ruhig die weitere Assimilation im Leben, erstrebt nicht eine geschlossene, zionistische Anschauung, sondern nur augenblickliche materielle Erfolge. ,P?r Opportunismus gegenüber religiösen Vorurteilen, persönlichen oder öffentlichen Mächten und Strömungen. Er «lussert sich sowohl in der mündlichen Agitation als auch in den Flugschriften. Zirkularen, in der offiziellen Presse, in den zionistischen Institutionen und selbst auf den Kongressen. Er bewirkt einen hässlichen Byzantinismus und religiöse Heuchelei, Personenkultus und ein kleinliches Strebertum nach zionistischen Ehren, das geeignet ist, alles Ideal zu ertöten. 3. Die Verletzung der demokratischen Grundsätze: a) bei der Zusammensetzung der Kongresse, b) in der Leitung der Kongresse. c) in offiziellen zionistischen Aktionen, d) in den zionistischen Machtfaktoren (Bank etc.). 4. Der Kongress ist nicht das Ergebnis bewusster Wahlen, keine Vertretung der verschiedenen Wählcrgriippen und -Wünsche, sondern bestellt zu einem hervorragenden, manchmal entscheidenden Bruchteil ans zufälligen Elementen, die nicht die nötige Klarheit und Einsicht in die zur Verhandlung kommenden wichtigen Fragen besitzen. Einzelne Kongresse haben den Beigeschmack des Dcnionr Strativen und Dekorativen. Mangelnde Sachkenntnis bewirkt bei vielen Delegierten einen unverantwortlichen Missbrauch der Tribüne. Bei der Abstimmung sind auf diesen Kongressen die durch langjährige Erfahrung geschulten Zionisten der zifiemmässigen Majorität ausgesetzt. Für die Behandlung der wichtigsten Fragen fehlt cs an Zeit, hingegen ist immer noch Platz da für nichtssagende Propagandareden von Neulingen und für die Auslassungen fiktiver „Machtfaktoren“. Die Kongress-Kommissionen sind derart zusammengesetzt, oder jlcrart mit den Verhandlungszeiten plaziert, dass sie einerseits ihre spezielle Aufgabe nicht lösen, andererseits bei entscheidenden Fragen des Kongresses nicht anwesend sein können. Endlich geschieht cs, dass die Resultate der Kominlssionsverhandlungen nicht einmal vor den Kongress gelangen. Es ereignet sich leider oft, dass Gegenstände von sekundärer oder tertiärer Bedeutung ganze Tage ausfullen, während über Materien, die zu den Grundlagen des Zionismus gehören, ohne den nötigen Ernst im schleunigsten Tempo — manchmal aber überhaupt nicht — diskutiert wird. 5. Mit den geschilderten Verhältnissen des Kongresses hängt es zusammen, dass trotz der fünf Kongresse die Einsicht vieler Delegierten und eines grossen Teils der zionistischen Anhängerschaft selbst hinsichtlich immer wiederkehrender Fragen wenig gestiegen ist. Das Programm des Zionismus ist weder in seinen allgemeinen Grundsätzen noch in Bezug auf die praktische Arbeit festgelegt worden. Typisch ist dafür die „Kulturfrage" — eine der wichtigsten Fragen der nationalen Bewegung —, die wie ein Gespenst über die Kongresse dahinschleicht. Von vielen Mitgliedern nicht einmal verstanden, von den meisten nicht entsprechend gewürdigt, kann sie trotz der jahrelangen Bemühungen einzelner Delegierten den Kongress zu keinem klaren Beschlüsse veranlassen. Die wirtschaftliche Frage, aufgeworfen als Problem, verschwand in der Versenkung einer Kommission, die schon ob ihrer Zusammensetzung aus ihren wirtschaftlichen Anschauungen nach entgegengesetzten Elementen ein Monstrum bildete. Nicht besser ging cs beispielsweise in dem letzten Jahre den gesamten „Hebungs“-Fragen, bei denen — nachdem sechs Referate darüber erstattet worden waren — nicht einmal eine Debatte stattfand. 6. Die permanenten Kommissionen sind nach der Art. wie sie behandelt werden, nichts als eine Gelegenheit für den Kongress, die Erledigung ausserordentlich wichtiger Fragen „bis auf weiteres“ zu verschieben. Kommissionen, wie die Kultur- oder Palästina-Kommission, deren Arbeit unentbehrlich ist. sind nur eine Illusion, da ihnen die materiellen Mittel, ohne die sic nicht wirken können, nicht gewährt werden. Alle Arbeit auf dem Gebiete der kulturellen Hebung, der jüdischen Wirtschaftsfragen (Statistik), der Paiüstinaforscliur.g etc. bleibt dem guten Willen und der schwachen Kraft einzelner überlassen. obwohl sic ihrem Wesen nach vom Zionismus offiziell mit allen seinen Machtmitteln geleistet werden müsste. In Anbetracht der gekennzeichneten schweren Missstüudc, die eine Stagnation des Zionismus bewirken, manchmal sogar einen Rückgang zur Folge haben und den Zionismus jedenfalls vieler ausgezeichneter Kräfte und wesentlicher Werte berauben, entstand die demokratische Fraktion. Sie soll die Kräfte der freiheitlichen Zionisten, die fast in ihrem Einzclstrcben zu erlahmen drohen, sammeln und zu einheitlicher und planmässiger Wirksamkeit im zionistischen Lager veranlassen. Die Fraktion strebt danach, so weit es ihr möglich ist, die inneren Missstände im Zionismus zu beseitigen, und will alle negativen Erscheinungen im zionistischen Lager bekämpfen; ihre Hauptaufgabe wird jedoch stets der Kampf für Zion selbst, die positive Arbeit für die Befreiung des jüdischen Volkes durch das echte und grosse Ideal des Zionismus sein. So will sie die Kräfte im Zionismus nicht schwächen, sondern verjüngen und vervielfachen, die Möglichkeit herbcifülirci.i, sich und seinen Gesamtaiischauungen treu zu bleiben, vor allein bewusste, sodann aber freiheitliche Zionisten schaffen. Bus de? Bewegung. Mitteilungen des Bureau Berlin. In Ratibor ist es den Bemühungen unseres Vertrauensmannes Herrn Dr. Fritz Kassel nunmehr gelungen, eine Ortsgruppe ins Leben zu rufen. Dieselbe beabsichtigt, schon in diesem Winter eine rege Tätigkeit zu entfalten. Hier an dieser Stätte einigte uns die gemeinsame, tieferschütternde, mit reichen Tränenopfern verbundene Andacht. Sonst nahmen wir einer vom andern nicht die geringste Notiz. Und wenn wir einander dratissen fm Leben begegneten, was öfters geschah, verriet auch nicht der geringste Mienenzug, dass wir einander kannten. Und mein Vorgesetzter Lehrer zeigte sich gerade gegen mich am strengsten. Ich licss mir das gern gefallen, denn ich wusste, wie es gemeint war. Mit der Zeit war ich zu einem stattlichen jungen Manne, mit feinen weltmännischen Manieren gediehen und kam bisweilen mit den Vornehmsten des Landes, ja des Reiches in Beziehung. Wenn es ein besonders edles Pferd zu dressieren oder einem kranken einen Verband anzulegen galt, wurde ich gar oft dazu beordert oder war als Beihfilfe zugegen. Ja, mein Beruf brachte mich einmal auch an das Kaiserliche Hoflager, während es seinen Sitz in der Krim aufgeschlagen hatte. Ich war ausersehen worden, einem echten arabischen Vollblutpferde edelster Rasse einige Schulung zu geben. Als ich in der Reitbahn des Kaiserlichen Schlosses in der Nähe der Stadt gerade damit beschäftigt war, sah Ich plötzlich aus einem Seitengange die hohe, schöne und kräftige Gestalt des Kaisers auftauchen. Als er mir eine kurze Zeit zugeschaut, liess er mich zu sich entbieten. Er betrachtete mich von oben bis unten und stellte dann wiederum im jüdisch-dcutschcn Dialekt die Frage: „Bist Du nicht auch eins der ehemaligen Jiidenkinder?“ Ich antwortete in guter geläufiger russischer Sprache, deren nun auch der Kaiser bei allen weiteren Fragen sich bediente. Schliesslich verabschiedete er sich mit den Worten: „Halte Dich gut, aus Dir kann noch einmal etwas Tüchtiges werden.“ Zur Aufklärung sei hier bemerkt, dass der Kaiser bei passender Gelegenheit sich gern im Judcndcutsch unterhielt. Als er noch Grossfürst war und kein Mensch daran dachte, dass er einstmals als Herrscher aller Reussen, zum mächtigsten Manne der Welt sich aufschwingen werde; da lebte er Jahre hindurch in Polen, Westrussland und den Ostseeprovinzen und kam auch in vielfachem Verkehr mit den dort so zahlreich lebenden Juden, deren Sprache er sich angeeignet hatte. Nikolaus war der dritte Sohn Kaiser Pauls und bestieg den Zarenthron nach dem Tode seines ältesten Bruders Alexander I., nachdem sein nächstfolgender Bruder, Konstantin, auf das entschiedenste abgelelmt hatte, sich die verhängnisvolle russische Kaiserkrone aufs Haupt setzen zu lassen. (Forts, folgt.)