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Jüdische Rundschau · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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No. 41. Jiidlsflie X^t1nc1.*st*lk:L11. Zur Selbstkritik des Zionismus. I Der Zionismus ist eine Lcbensüusserung der Jüdischen Nation, die ihre zähe Lebenskraft zur Evidenz erweist. Obwohl der Zionismus nur positiv ist, bildet er durch seine einfache Existenz die schärfste Kritik der jüdischen Schiendrianzustfmde. Diese Kritik hat dem Judentum lange genug gefehlt und bedeutet einen grossen Fortschritt im Judentum. Darum aber muss der Zionismus um so mehr sich hüten, selbst in diesen Schlendrian hineinzukommen. Hierin ist freilich eher ein Zuviel als Zuwenig geschehen. Die in der Gruppe Misrachi vereinigten orthodoxen und reaktionären Elemente haben schon auf früheren Kongressen mit ihrer Kritik ebensowenig zurückgehalten als jetzt die demokratisch-zionistische Fraktion mit den in ihrem ..Programm“ niedergelcgtcn Aussetzungen an der Leitung und Tätigkeit der zionistischen Partei. Wir haben uusern Standpunkt gegenüber dieser Fraktion jüngst in einem Leitartikel scharf und unzweideutig dargelegt und haben um so weniger Veranlassung, ein Hehl aus den Vorwürfen zu machen, die von der Fraktion gegen die Partei erhoben werden, als zwar Manches, trotz der Schürfe, in der cs vorgebracht wird, durchaus berechtigt ist, das Meiste aber von uns als ohne Absicht übertrieben angesehen werden muss. Der Zionismus ist stark genug, trotz allem die Kritik zu ertragen, die aus ihm seihst heraus geboren ist und einen wesentliehen Bestandteil seiner Selbst bildet. Gerade weil wir uns vor dieser Kritik nicht zu scheiten haben, nehmen wir keinen Anstand, denjenigen Teil des ״P rogram ms der dvinokratisc 11zionistische 11 Fraktio n“ uusern Lesern vorzulegcn, der gewissermassen wie einen Extrakt sämtliche Angriffe und Aussetzungen vereinigt, die von der Fraktion gegen Partei und Parteileitung erhoben werden. In diesem Siiutc drucken wir heute aus dem ״P r o g r a in m“ ab, die entstcljungsgcsdjidjte der Traktion. Die Geschichte der Begründung der Fraktion hängt aufs innigste mit der geschichtlichen Entwicklung des Zionismus zusammen. Sic kann darum — wegen der Fülle des Gegen- Standes — hier nur in kurzen Ausführungen angedeutet werden, die zürn Verständnisse genügen werden. pic demokratische Fraktion ist vor allem eine prinzipielle Gruppierung bestimmter zionistischer Elemente, die sich in einer einheitlichen Auffassung des Zionismus begegneten. Durch eine lange Reihe von Jahren wurden diese Anschauungen von den einzelnen derzeitigen Angehörigen der Fraktion gesondert vertreten, bis das dringende Bedürfnis nach einer Vereinigung aller Gleichgesinnte!» die Gruppierung in einer geschlossenen Fraktion zur Folge hatte. Uebcr diese prinzipiellen Anschaumigen zu sprechen, ist unnötig, weil sie im Programm deutlich zum Ausdruck kommen. Neben der von vornherein gegebenen prinzipiellen Uebereinstinmiung aber war es auch! eine ganze Reihe von Vorfällen und Unterlassungen ( innerhalb der zionistischen Gesamtorganisation, die schon j früher eine scharfe Kritik und zuweilen einen unerj bittlichcn Widerstand hervorgerufen hatten, schliesslich jedoch zu einer Gruppierung der demokratischen Elemente führten. : "?eite 11 Die Entstehungsgründe der Fraktion liegen schon einige Zeit zurück. Ein Teil der Zionisten, der die Freiheit des jüdischen Volkes und des jüdischen Geistes in jeder Beziehung vertritt., musste seit Jahr und Tag mit arischem wie seine Anschauungen missachtet oder verletzt werden, wie der Zionismus in seinen Wegen und Formen rückschrittlicher wird und darum an moralischer Kraft und intellektuellen Werten einbiisst, wie anstatt der dringend gebotenen Vertiefung, Verinnerlichung und wcltcren Ausgestaltung des Ideals der jüdischen Freiheit eine oberflächliche, schablonenhafte, kraftlose Auffassung und Bchandlung des Zionismus ati vielen Stellen platzgreift, und wir. auf diese Weise eine schwächliche, opportunistische und wohlfeile Anschauung bestenfalls ein Plus einer vom zionistischen Ideal wenig durchdrungenen Anhängerschaft zuführt, dafür aber die inneren Qualitäten des Zionismus aufs empfindlichste schwächt und ilm seiner Werbekraft in wirklich wertvollen Kreisen — insbesondere unter der Jugend — immer mehr beraubt. Damit soll keineswegs das Grosse herabgesetzt oder vergessen werden, das der Zionismus in seinen jüngsten Pliaseti uns als Juden und Zionisten gegeben hat. Im Gegenteil: Wir, die wir das alles mitcrlcbt und miterstrebt haben, erkennen * mit wahrhafter Freude und Genugtuung und unter stetem Ge- , denken historischer Verdienste das Positive an, das uns die! letzte Periode des Zionismus gebracht hat. Wir sind uns dessen; vollkommen bewusst, dass vor nunmehr fünf Jahren durch das machtvolle und elementare Eingreifen des politischen Zionismus zum erstenmal damit begonnen wurde, die Juden allgemein zu organisieren, dass die Idee eines Zionisteiikongrosses zur Wirklichkeit und seither zu einer geschichtlichen; Einrichtung des jüdischen Volkes wurde. Nur so konnte es; geschehen, dass Gedanken, die in einer früheren Epoche ein Hess, ein S m o 1 e 11 s k y , ein P i n s k er 11. a. aus ge- ן sproclien hatten, in die weite Öffentlichkeit gedrungen sind,! dass sie das jüdische Volk auigerüttelt und einen Teil des ■ jüdischen Volkes organisiert liaben. Nichts von dem kann ver- ‘ gessen werden, was seither der politische Zionismus an sittlieben und materiellen Werten geschaffen hat. sowohl in seiner Wirkung auf die jüdischen Individuen als auch in seiner Wirkung auf das jüdische Volk lind die niclitjfiüisciie Öffentlichkeit. Insbesondere ist manchen Leistungen der Kongresse dauernder Wert gesichert Manche Reden werden wegen ihres Inhalte und der durch sie ausgeübten Wirkung historische Geltimg erlangen. Und unvergänglich wird auch im jüdischen Volke die Bedeutung der durch den politischen Zionismus eingebürgerten Nationalinstitute sein, die die Kraft seiner 11ationaien Organisation dokumentieren und politische Machtmittel für die‘ Bewegung schaffen (wie Schekel, Kolonialbank, Nationalfond). Wenn nun die Begründer der Fraktion selbst freudig und bewusst das Grosse anerkennen, das der politische Zionismus bisher geleistet bat, so erachten sic es — gerade weil sic wissen, welche Kräfte der Zionismus licrvorrufen kann — für ihr Recht und ihre Pflicht, gegen alle Handlungen und Unterlassungen, die nach ihrer tiefsten Überzeugung den Zionismus in seinem innersten Wesen schädigen. Stellung zu nehmen. Namentlich sind es folgende Erscheinungen im zionistischen Leben, welche die freiheitlichen und kulturellen Zionisten aber den Ton, indem er in jiidisch-dcutschctn Dialekt zu mir sprach. Als ich ihm in demselben Jargon antwortete, redete er sogar in rein hebräischer Sprache mich an; auch in dieser Sprache konnte Ich ihm ant- Worten. Da endlich sprach mit gedämpftem Tone der Hausierer: ״Wer und was Du bist, weiss ich jetzt. Hüttest Du nicht Lust, am Neujahr und Versöhnungstage den Gottesdienst zu besuchen?“ Als ich ihm nun meinen Herzenswunsch kundgetan hatte, da griff er in die Tiefe seines umhängenden Warenkastens und holte ein kleines Packet in verziertem Utnschlage, anscheinend Cigarrettcn der besten Sorte, hervor, drückte cs mir in die Hand und entfernte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen. Ich besah mir das Paketdien genauer, da stand darauf in hebräischer Druck- Schrift: ״Um Gottes und der Barmherzigkeit willen nimm und schweige!“ An einem einsamen Orte öffnete ich die kleine Schachtel und fand darin ein Gebetbuch für Neujahr und Vcrsöhmmgstag und die genaueste Anweisung, wie und zu welcher Stunde ich zum Gottesdienst gelangen könne. Als Tag und Stunde herannahten und ich bei meinem Vorgesetzten Lehrer den bereitwillig zugestandenen Urlaub erhalten hatte, begab ich mich nach einem bestimmten Orte und nach ausgcwechsclten Erkennungworten wurde ich nach einem entlegenen Stadtteile geführt, woselbst in einem Hinterhause ein besonderer Gottesdienst für die hohen Feiertage eingerichtet war. Es waren unserer nicht allzu viele, nur etwa 25, lauter uniformierte Personen, eine sehr gemischte, mir durch ein cigcntiimlichcs gleichmässigcs Geschick geeinigte Gesellschaft. Zumeist waren es Militärs der verschiedensten Grade, selbst einige Offiziere, auch einige Mitschüler der Veterinäranstalt waren darunter. Was aber das Merkwürdigste bei der Sache war — als ich mir den Chasan (Vorbeter) genauer betrachtete, erkannte ich in demselben eben meinen Vorgesetzten Lehrer, bei welehern ich mir den freilich mir auf Stunden bemessenen Urlaub hatte holen müssen. Auch ein Mann befand sich unter den Andächtigen, er versah die Funktionen des Ba’al-Koreh und Ba’al-Tokea (Vorleser und Hornbläser) — ich nenne denselben nicht — der später zu einer der höchsten Staätsstcllcn aufgerückt ist. Wundert sie die Sache? Mich nicht! Mich sollte es nicht Wunder nehmen, Venn eines Tages der Präsident des Heiligen Synod sich als guter Jude entpuppen würde.

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