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Jüdische Rundschau · 1902-10-10 · Heft 41 (10.10.1902) · p. Seite 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 41 (10.10.1902)
Date
1902-10-10
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. «JiidiHclie Rundscliau. Ko. 41. im positiven Sinne etwas als Juden. In diesem Sinne hat auch das Fasten am Jom-Kippür heute eine ges wisse aktuelle nationale Bedeutung. Wie wenn die jüdischen Gelehrten, die das Zeremoniell des grossen VersöhnuDgstages geordnet haben, vorausgeahnt hätten, was nach zwei Jahrtausenden das Los und die Anschauungen der Nachkommen ihres Volkes sein würden, haben sie mit gutem Bedacht aus der ganzen biblischen Litteratur zur Vorlesung an diesem Tage d o n Prophetenabschnitt ausgewählt, der am schärfsten und entschiedensten ein Fasten verurteilt, das zur blossen Form geworden: „Ist das ein Fasten, das ich verlange? Ein Tag, wo sich der Mensch kasteiet, dem Schilfe gleich sein Haupt zu bougen, und dass er sich auf Sack und Asche lagere? — Das magst Du ein Fasten nennen! Bei Dir vielleicht heisst das ein Tag des Wohlgefallens für den Ewigen? — Nein, das ist ein Fasten, das ich verlange: Löset die Schlingen des Frevels, zerbrecht die Bande des Joches, entlasset frei, die ihr unterdrücket, und vernichtet jegliches Joch! So ist ein Fasten, wie ich es geboten habo: Brich dem Hungrigen dein Brot, und den armen Heimatlosen führe in Dein Haus; wenn Du einen Nackten siehst, sollst Du ihn kleiden, und Deinem eigenen Fleisch und Blut sollst Du Dich nicht entziehen. Dann wird Dein Licht aufgehon gleich dem Morgenrot und Deine Heilung schnell gedeihen!“ Ist es nicht, als habo Jesaja unser Volk vor Augen gehabt, wie es heute gewordeu? Würde Jesaja nicht denselben Abscheu empfinden vor den Fastern und Betern von heute, die sich ihrem eigenen Fleisch und Blut entziehen? Ist beim Fasten die Hauptsache die Enthaltung von Speise und Trank, und beim Beten das Innehalten der vom alten Judentum oder einer sogenannten Reform vorgeschriebenen Gebete? Die erste und wichtigste Pflicht, die uns der VersöhnuDgstag gleich dem grossen Heros unseres Volkes, Jesaja, an das Herz legt, ist. uns nicht unserem Fleisch und Blut zu entziehen. Dieser Tag soll uns mit seinem ungewöhnlichen Ernst mahnen und erinnern, dass wir Söhne eines Volkes sind, dass unter einem Joche lebt, das wenigen Reichen durch den Reichtum erträglich gemacht wird, das aber von der ungeheuren Mengo von Millionen unserer Volksbrüder nicht mehr ertragen worden kann. Und dieses Joch hat so viele, unendlich viele des Bissens Brot beraubt, mit dem sie den Hunger ihrer Kinder stillen möchten, hat sie des Vaterlands beraubt und sie aus der Heimat gestossen, dass dio abgelegten Kleider, die man für sie sammelt, ihnen zu Feierkleidern werden. Da nützt kein Fasten und hilft kein Beten, wenn man nicht Hand aulegt, den Hungrigen Brot zu geben und den Entblössten .Kleider, den Heimatlosen eine Heimat und den Unterdrückten ihre Freiheit. Mehr denn je bedürfte das Jüdische Volk seines Jesaja, dass er seine Stirn in o donnernd erhebe: „Bahnet, bahnet, räumet den Weg und hebet-jeden Anstoss aus dem Wege meines Volkes!“ Mehr denn je hat dio zweitausend jährige Unterdiückung sich zu einem Elend verdichtet, wie es nimmer ein Volk betroffen hat. Nach vielen Millionen zählen unsere Brüder in den Ländern des Ostens, wo sie den bittorn Wermut des Leidens bis zum Grunde auskosten müssen. Und nach wenigen Hundorttausenden zählen die Juden in freieren Ländern, und auch diese haben ihren Dreyfuss und ihr Könitz. Da ruft uns dor ernsteste Tag, an dem sich unser Volk auf sich selbst besinnen soll, zu, es nicht an Fasten und Beten uns genügen zu lassen, nicht frommen Betrachtungen zu Liebe unser Volk und Volkstum hintanzusetzen, sondern Hand ans Werk zu legen, um den Hungernden und Heimatlosen, den Beraubten und Unterdrückten von unserm eigenen Fleisch und Blut eine Heimat zu schaffen, in der jegliches Joch zerbrochen sein soll. Wenn wir Juden so unsern Fasttag auflassen und so unseres Feiertages Lehre befolgen, wenn wir unser gebeugtes Volk wieder aufrichten, „so werden wir gelabt sein, in der Dürre unserer Seele, weiden unsere ebeino stärken, und wie ein getriinkter Gartensein, und wie ein Quell, dessen Wasser nicht täuschen“. Wir werden endlich, indem wir unsern unterdilickten Brüdern helfen, indem wir ihrer Heimatlosigkeit ein Endo machen, uns selbst und unserem Volke eine Hilfe schaffen die nie versagt. Helfen wir unsern Brüdern, entziehen wir uns nicht unserem eigenen Blute und arbeiten wir für eine Heimat des vertriebenen jüdischen Volkes, so ist das ein Fasten, wio es uns geboten wurde. II. L. Bilder aus dem russischen fleicl)$gl)etto, Bündel der Rosoarzt Von Dr. J. Rülf- Bonn. (Fortsetzung.) In Simfcropol hatte ich gute Tage, denn ich war ein junger Mann von stattlichem Aussehen, hatte gute Fähigkeiten und Vorbildung und war ein geschickter Reiter. Das letztere war übrigens ein Vorzug vieler von diesen indischen Militärzöglingcn; denn Wagen und Pferd ist ia bei den russischen Juden der kleineren Ortschaften, ob reich oder arm, ein ganz unentbehrliches Mobiliar und die armen Pferdchen werden oft über ihre Kräfte hinaus von jung und alt zum Reiten und Fahren benutzt. Schon als zehnjähriger Junge sass ich so fest im Sattel, wie ein Reiter von Profession. Das Haus des Arztes besuchte ich von Jetzt ab weit seltener. Nur noch an drei Abenden in der Woche hatte ich den beiden Knaben Reügions- und hebräischen Unterricht zu erteilen und später war auch das meinerseits unnötig geworden. Zur rascheren Förderung erhielten nämlich die Kinder auch in den Qymnasialfächern Nachhilfestunden, und als sich hierzu ein tüchtiger Lehrer jüdischen Glaubens fand, übernahm dieser auch den Unterricht, den icli bisher erteilt hatte. Der verminderte Besuch dieser cdcln Familie, der ausschliessliche Verkehr mit Genossen nichtjiidischcr Herkunft, hatten mich gegen den jüdischen Glauben mit der Zeit recht gleichgültig werden lassen. Ich hatte darüber manches Malmwort von Seiten der Frau des Arztes zu hören bekommen, zumal iclt selbst zur Feier des Freitagabend nicht mehr regelmässig zu Tische kam. Nur beim Heramiahcii jener tiefernsten jüdischen Feiertage im Herbst, wenn alljährlich zum Sammeln geblasen wird und alle, auch die abseits Stellenden, herankommen lind uni das Panier des Judentums sich scharend, den jüdisch-religiösen Sinn zu erwecken und zu beleben trachten: da ward ich wieder ganz Jude und ich suchte, es koste, was es wollte, mich am Gottesdienste zu beteiligen. Das sollte mir übrigens leichter gemacht werden, als ich anfangs gedacht hatte. Eines Tages trat ein jüdischer Hausierer auf mich zu und bat, ihm von seinen Waren, vorzüglich Cigaretten und Rauchgcfässe, etwas abzukaufen. Ich lehnte ab, weil ich nicht rauche, auch nicht mit Geld versehen sei. Er aber liess nicht nach, änderte

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