Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. No. 40 Jlidisclie Rundscliaii. bewegt?“ Nach langem Stillstände ist unser Volk wieder in Belegung geraten. Es fängt an, wieder dem Schofartonezu lauschen und ihn zu verstehen. Nicht lange mehr soll Rahel um ihre Kinder weinen. Das Volk, das in seiner weichen sensiblen Seele, in seiner Not gewisser-!nassen die ״Mutter der Nation“ weinen hört, hat bei aller Oemütsticfe doch nationale Energie genug, um sich aufzuraffen und am Tage des Gedenkens, sich hu Elend seiner Herrlichkeit zu erinnern, und wo cs seinen Söhnen gut ergeht, des Elends zu gedenken, in dem die Brüder schmachten. Ja, es giebt verschiedene Arten, den ersten Tag des Neuen Jahres festlich zu begehen. W i r gedenken unserer Väter, gedenken, was sic der Menschheit, was sic uns gewesen. Wir erinnern uns der Herrlichkeit und der• Leiden unseres Volkes. Wir vergessen nicht der Gegenwart und wir hoffen auf eine Zukunft, an der wir mitbauen wollen. Dass wir unser Volk bald glücklich sehen möchten, das ist unser Wunsch zum Neuen Jahre! H. L. Hnspradje des l|errn Rechtsanwalt Dr. Bodenbeimer bei der Beerdigung des Dr.!.!. Riilfs. Verehrte Trauervcrsanunlung! Werte Freude! Es ist schwer, wenn der Schmerz noch friscli ist. der uns im Herzen wühlt, die Bedeutung eines Verlustes zu ermessen, wie wir ihn durch den Heimgang unseres verehrten Führers Dr. Rillt erlitten. Es fehlen mir darum fast die richtigen Worte, wenn ich mich meines Auftrages entledigen soll, namens des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und des Aktionskomitees in Wien, unserer Trauer über das Hinscheiden eines so bewährten Vorkämpfers unserer Sache gebfihrcndcn Ausdruck zu gehen. Ich habe aber fast alles gesagt, wenn ich darauf hinweise, dass es wohl jedem* der den .Namen Rülf kannte, bei der Nachricht seines plötzlichen Todes zum Bewusstsein kam, da ist ein grosser Führer der Bewegung verschieden, welche mar. die zionistische nennt, so eng war sein Name mit dieser Sache verbunden. Dr. Rülf war ein Zionist, noch ehe der Zioiiismusentstandci! war. Sein grosses Verdienst war es, zu den seltenen Männern zu gehören, welche für eine Idee kämpfen und leiden, noch ehe sich die Massen derselben angcschlosscn haben und sie verteidigen. Dazu gehört ein hervorragender. Manncsmut und ausserordentliche Überzeugungstreuc. Als die Pinskcr’schc Schrift ..Die Autoemanzipation“ erschien, da gab er den Ideen derselben das feste Ziel, nach dem wir heute marschieren. ״Zion“ und war so nach Moses Hess der erste, welcher das zionistische Programm in seinem ganzen Umfange vertrat. Dem jüdischen Volke eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina und Syrien zu schaffen. Den Bedrängten ein Asyl, eine Zuflucht. Das entsprach so recht einem grossen jüdischen Herzen. Als dann kurze Zeit darauf zu Kattowitz die hervorragendsten Zionisten zu einer Konferenz zusammentraten, um den OrunJstein für die Schaffung eines neuen jüdischen Bauernstandes auf dem heiligen Boden unserer Väter zu schaffen, da eilte auch er herbei, um bei diesem Werke Hand anzulegcn, und war so einer jener grossen Männer, welche unserer Jugend eine neue Hoffnung, tmserm Volke eine neue Zukunft gaben, ein neues Ideal als Banner aufpflanzten. kh wiU hier nicht davon reden, was er als Mensch, als Deutscher und Jude im allgemeinen geleistet. Das haben wir aus beredtem Mund soeben gehört. Aber ich weiss mich der Stunden noch mit inniger Rührung zu errinnern, wie er in fast jugendlicher Begeisterung auf dem 2. Kongress in Basel an den Beratungen Anteil nahm. Als er die Tribüne des Kongresses, betrat, in deren Präsidium er gewählt worden war, da zeigte ihm der brausende jubelnde Zuruf der Versammlung, wie sehr man sich freute, ueni Altmeister des Zionismus den Innigen Dank für seine hingebungsvolle Arbeit darbringen zu können. Seit dieser Zeit hat er rastlos und unentwegt für unsere Sache gearbeitet in zahlreichen Versammlungen gesprochen und die Herzen gewonnen. In Leipzig. Berlin, Wiesbaden. Frankfurt, wo man ihn rief, war er zur Stelle, ja selbst nach Antwerpen und Manchester eilte er, um für die zionistische Sache neue Anhänger zu werben. Bei allen Sitzungen des Zentralkomitees war er ein wertvoller Berater und Freund. Wenn wir missmutig oder matt wurden, spornte er uns an, und wenn wir zu stürmisch waren, mahnte er zur Vorsicht und Geduld. Gross ist die Lücke, die sein Tod in unsere Reihen gcrissen, schmcrzerfüllt sehen wir uns um und fragen mit Bangen, wer wird ihn ersetzen? wer wird diesen Platz ausfüllen können? Sein Name war uns ein Panier und wir können Ihn nicht schöner und besser ehren, als, indem wir Zionisten an seinen! Grabe den Treueschwur für unsere grosse Sache erneuern: Es verdorre unsere Rechte, wenn wir Dein vergessen, Jerusalem! Und so nehmen wir denn trauernden Herzens Abschied von den irdischen Resten unseres Führers und Freundes Isaak Riili; in unserer Mitte wird er ewig leben! lüde und Israelit. An und für sich kommt es auf das Ding und nicht auf den Namen au •Wenn sich jemand in den Kopf setzen wurde, eine Matratze stets eine Manschette zu nennen, so würde man über; den närrischen Kauz wohl mitleidig lächeln, aber keinen Augen- J blick an eine Veränderung des Wesens denken, die das Ding selbst etwa gemacht hätte. So bleibt das Stück Fleisch, das der getaufte Jude am Freitag Abend mit Wasser begiesst ך- Jen meisten I.cscrn Ist wohl die hübsche Anekdote ohne weiteres geläufig. — (Fleisch, und wird nicht Fisch. Der Name thut nichts zur Sache. So bleibt auch der Jude derselbe Jude, wenn er sich auch irgend einen andern Namen beilegen mag. Wenn wir doch aber einen Unterschied empfinden, wenn wir jemanden sich Jude oder Israelit oder gar Masait benennen hören, so hat das seinen Grund in dem verschiedenen Emprmdcn, das wir hinein legen. Der Unterschied ist kein objektiver, sondern ein subjektiver, d. h. der Unterschied Hegt nicht m den! bezeichr.cten Gegenstände, sondern in uns, die wir etwas anderes sagen wollen und besonders etwas anderes empfinden, wenn wir unsere Brüder die Israeliten oder wenn wir sic Juden nennen. Der zweitausendjährige Hass, der unsere Väter verfolgte und der sich unsere Brüder auserkor, um sie weiter zu verfolgen, ha♦ das Wort Jude, unseren Volksnamen zum Gespött und zum Gegenstände der Anfeindung gemacht. Indem man dem feindlichen Prinzip, dem Jünger, der den Heiland verraten haben soll, den Namen des jüdischen Volkes als Eigennamen gab, erregte man gegen die wahren Träger dieses Namens j jenen Hass, der durch soziale und nationale Gegensätze nur J vergrössert wurde. Unter dem Namen Juden vcriolgte man i uns, während man sich selbst das auserwähltc Israel nannte. Nicht nur die Engländer glauben, die verlorenen 10 Stämme Israels seien in den Engländern erhalten und enthalten. Die kirchliche Lehre, dass die Christenheit Abrahams Same geworden sei. hat in weiten Kreisen unseres evangelischen Volkes die Meinung eross gezogen, dass sie die Nachkommen des Volkes Israels seien, während die Juden ein ganz anderes Volk, das feindliche Element im Neuen Testament sind. Dementsprechend wird in der biblischen Geschichte des alten Testamentes das auscrwühlte Volk stets Israel, in der des neuen Testamentes die verhassten Ungläubigen sets die Juden genannt. . . So war es denn natürlich, dass die Juden gern au! den alten Stammesuarnen Israel zurückgriffcn. In der Meinung, dass die Feindschaft sie weniger leicht als Israeliten finden würde, die sie als Juden so grimmig getroffen hatte. Der Name* ..Israelit“ klingt daher gewisser!nassen wie: ״Entschuldigen Sie, dass ich Jude hin“! David Friedländer, ein Mann, der die Furcht des Judentums wie kein anderer Repräsentant der Assimilation rein und lauter verkörperte, derselbe, der unter dem Namen ״einiger Hausväter israelitischer Religion" die Emanzipation gegen erleichterte Taufe cinhandeln wollte, empfand daher mehr als andere das Unangenehme, das der Name Jude für seinen Träger mit sich bringt, und redete, um nicht Jude zu heissen, von einer ״hebräischen Kolonie in den preusslschen Staaten". Solchen Juden konnte man keine Freiheit, keine eigene Ehre gewähren, und sic mussten cs mit arischen, dass inan ihnen die versprochene und schon verliehene Emanzipation wieder nahm, wobei freilich die Worthrüchigkeit nicht auf Seiten der Juden lag.