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Jüdische Rundschau · 1902-10-01 · Heft 40 (1.10.1902) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1902)
Issue
Heft 40 (1.10.1902)
Date
1902-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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No. 40. JUdi^olie Hund^clmit. Seite 2. von Juden in einigen Ländern gut ging, dass aber die grosse Masse der Nachkommen des hebräischen Stau.־ mes bschimpft und verfolgt wurde. Die Unsicherheit des Besitzes iiess aber selbst die glücklichen Besitze! der Freiheit diese niemals voll gemessen. So konnten die spanischen Juden vor ihrer Vertreibung ihr Neujahrsfest nicht anders begehen als heute die deutschen Juden. Die Lage unseres Volkes hat sich örtlich ver« schoben, aber in keiner Weise gebessert. Wir gedenken des namenlosen Unglücks, das unsere Brüder um ihres Judentums willen im vergangenen Jahre betroffen hat, und wir finden in der langen Flucht der Zeiten seit der Zerstörung unseres Staates keinen Ruhepunkt für unser vorn Anblick des Unglücks und der Verfolgungen müdes Auge. Dann aber ist unser Neujahrsfest auch ein Tag, wo man in die Posaune stösst. Es mag den Fremden fremd genug anmuten, wenn er in die Versammlungshäuscr Judas am Jom־Teruah kommt und er hört die lang gezogctien und kurz abgebrochenen Töne, die mit Wagnerscher Musik und Orgelklang nicht in Harmonie zu brin- ^e!1 sind. Das ist das Widderhorn, das man blies, wenn die Scharen Israels in uralter Zeit zu Felde zogen. Es ist das nationale Instrument des hebräischen Stammes.• Darum Heil dem Volke, das die Stimme dieser Posaune vernimmt. Denn sie erinnert uns an die Tage der Herrlichkeit und Kraft, die dem langen unendlichen Zuge der Qualen vorangingen. So versetzen uns diese Töne in die Tage, wo ein freies Volk auf seinem eigenen Orund und Boden sass und es keine Schande war, dem Volke anzugehören, dessen Weisheit die Lehre Moses ist. Wir hatten ein eigenes Land und eine eigene unendlich wohlklingende Sprache. Und wir hatten in dieser Sprache eine Litteratur, deren spärliche Reste einer halben Welt Grundlage und Basis der Religion wurden, und wir hatten im geliebten Vaterlande eine Kultur, die die Grundläge aller ethischen Kultur eben dieser selben halben Welt wurde. Und wenn der Feind heranzog, dieses Kulturleben zu stören, diese Blüten zu zertreten, da tönte die Posaune von den Bergen und der Klang des Schofar rief die Jugend und das Alter zu den Waffen zum Schutz für Haus und Herd, für Freiheit und Judentum! Die Töne des Schofar wollen verstanden sein. Denn sie sprechen eine Sprache, die nicht jeder versteht, der den Schofar hört, und die der niemals vernimmt, der mitleidig die Achseln zuckt, oder gar höhnisch lacht. Das Schofar spricht die nationale Sprache unseres Volkes. Denn wie in uralter Zeit Gideon seine Kämpfer beim Klange des Schofar führte, wie David keine Siege ohne diese jüdische Posaune erfocht, so haben die Makkabäer sich dieses Instrumentes bedient, das in seiner primitiven Form niemals geeignet war, als Musikinstrument im Frieden benutzt zu werden, das aber die gegebene Schlacht- und Kampfesmelodie gab für ein Volk, das da verstand, der Stimme der Posaune zu folgen. Und wie Josua am Eingang zur Geschichte des selbständigen jüdischen Volkes in die Posaune stiess, so unser Sternensohn, als er im Kampfe zu Grunde ging. Mit dem Schofarton wurde die Geschichte Israels in seinem eigenen Lande eingeleitet, die mächtigen Stösse in das Widderhorn begleiteten die Geburtsstunde des jüdischen Volkes itn Lande Israel. Und die Sterbestunde Israels vernahm noch die gebrochenen Töne, die um die verschwundene Freiheit und die gefallenen Helden wehmütig. klagte. Der Tag des Schofar, Jom Teruah und der Tag nationalen Gedenkens sind einsl Darum ist der Höhepunkt des feierlichen Gottesdienstes, wenn wir immer und immer wieder um die Erneuerung der alten Herrlichkeit bitten, und mit tiefer Wehmut und weicher Sehnsucht mit der Gemeinde sprechen: ״Unser Gott und Gott unserer Väter! Blase in die gewaltige Posaune zu unserer Freiheit, und entrolle das Banner, unsere Verbannten zu sammeln! Bringe zusammen unsere Zerstreuten aus der Mitte der Völker und wie ein Panier unsere Verstürmten von den Enden der Erde. Und führe uns nach Zion, deiner Stadt, in Jubel und deinem heiligen Ort Jerusalem in unendlicher Freude!’* Darum haben die Männer, die unsere Feier des Rosch-hasch-schanahtages wie die der andern nationalen Feste regelten, bestimmt, dass nach der Vorlesung aus dem mosaischen Gesetzbuchc der Prophet zum Vortrag kommen sollte, der am allermeisten in seiner weichen kummervollen Seele den Judenschmerz um die verlorene Heimat mit ungebrochener Hoffnung auf eine glückliebere Zukunft verband. Und welche Stelle hat man zu dieser Vorlesung aus dem Jirmijalm ausgewählt? Eine solche, die am meisten geeignet war, der falschen Auffassung entgegenzutreten, als ob es das Ziel der Judenheit sei, in andere Völker spurlos zu verschwinden. Unser grosser Nationalredner führt uns in die Zeit, wo nur ein Häuflein der Nation dem Schwerte entronnen sein wird: ״Aus der Ferne ist mir der Ewige erschienen, — ja mit ewiger Liebe liebte ich Dich, darum bin ich Dir in Hingebung gciolgt. Ich will dich wieder aufbauen, und dann sollst du auigebaut bleiben, Jungfrau Israel. Du sollst Deine Pauken wieder anlegen und mit Musik im Reigen der Fröhlichen ausziehen. Wieder sollst Du Weinberge auf den Höhen von Schomron pflanzen, was die Bauern gepflanzt, das sollen sic ernten. Demi der Tag ist da, rufen die Wächter auf dein Gebirge Efrahim aus, auf, lasst uns hinaufziehen nach Zion. Daun spricht der Ewige: Jauchzet Jakob zu mit Freude, jubelt an der Spitze der Völker, verkündet, preiset und sprecht: Hilf, 0 Ewiger, Deinem Volke, dem Ueberrcste Israels! Siehe, ich bringe sie aus dem Lande des Nordens und sammle sic von den Enden der Erde, darunter Blinde und Lahme, Schwangere und Gebärerin zumal, eine grosse Zahl sollen sie hierher zurückkehren. Mit Weinen kommen sie und unter Zagen bringe ich sie herbei, führe sic zu Wasserbächen auf gradem Wege, auf dem sie nicht straucheln; denn ich bin Israel zum Vater geworden. Efrajim ist wieder mein Erstgeborener. — Höret das Wort des Ewigen, ihr Völker und meldet auf den fernsten Inseln und sprecht: Er, der Israel zerstreut, sammelt es wieder und hütet es wie ein Hirt seine Herde. Und sie kommen, jauchzen auf der Höhe Zions, strömen herbei zum Segen des Ewigen an Korn, Most, Oliven, an jungen Schaien und Rindern; und es wird ihre Seele gleich einem getränkten Garten und sie sollen nicht mehr schmachten. Dann freut sich die Jungfrau im Reigen und Tanz, Jünglinge und Alte, und ich wandle ihre Trauer in Wonne und tröste sie nach ihren langen Leiden. ־ Also spricht der Ewige: Eine Stimme der Klage wird zu Ramah gehört, bitterlich weinen, Rahel weint um ihre Kinder; sie will sich nimmer trösten lassen; denn sic sind verloren! So aber spricht der Ewige: Halte zurück Deine Stimme vom Weinen und Deine Augen von Thräncn; denn ein Lohn ist für Dein Thun, und sie kehren zurück aus dem Lande des Feindes...ja es kehren die Kinder in ihre alte Heimat!“ Rahel weint um ihre Kinder! Ihre Kinder wandern wieder wie vor Jahrtausenden in die unbekannten Länder der Verbannung. Doch der Treue Unterpfänder nehmen sie im Herzen mit. Ob sie in die Länder des freien Westens entfliehen, der es versucht, in menschlicher Weise ein Machtwort für die Verfolgten einzulegen, oder in die Lande der aufgehenden Sonne, — wohin sie auch gehen, sie wandern als Apostel des wiedererwachten Freiheitsdranges. ״Wo wird wohl der Schofar in der Stadt geblasen, ohne dass das Volk sich

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