Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1902)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40. Polte 4. Jiidiselie RundNcliuii. Erkämpft wurden die Bürgerrechte der hebräischen Kolonie in den preussischen Staaten“ durch Männer, die wie Gabriel Rieser das Wort ״Der Jude“ über ihren Schriften sichtbar anbrachten. Indem sie den Schimpfnamen als Ehrennamen aufnahmen, wie einst die Geusen, zeigten sie, dass sie würdiger und mutiger die Sache der Freiheit zu vertreten wussten, als die sich unter dem Namen ״Israelit“ schämten, Juden zu heissen. Wir wollen unsern Vätern nacheifern, die sich unter dem Namen der Juden Bürgerrechte, die Emanzipation, d. h. die Gleichberechtigung des einzelnen luden erkämpften, wenn wir um die Gleichberechtigung unserer Nation den Kampf aufnehmen. Mit dem Worte ״Israelit“ schimpft man uns nicht. Wir haben deshalb nicht nötig, diesem Namen besonderen Wert beizumessen. Aber gerade weil der Name Jude einen Geschmack von Schimpf an sich hat, weil er von unsern Feinden missbraucht wird, unser Volk zu schmähen wollen wir gerade diesen Namen und keinen andern tragen. Wir nennen uns nicht Israeliten sondern Juden! Wir heissen nicht mehr ״Israelitisch“, wir nennen uns ״Jüdisch“. Aus der Bewegung. Sitzung der Repräsentaiitcnversamuilung am 28. September. Durch die Wahl des bisherigen ersten Stellvertreters, Herrn l.öwenbcrg, zum Vorsitzenden, war die Wahl eines ersten Stellvertreters erforderlich. Es wird Geh.-Rat Blumenthal Ckons.) mit 9 von 16 gütigen Stimmen gewählt; die übrigen 7 Stimmen cntiiclen auf Kommerzienrat Friediändcr (Üb.). Da Gell. Rat Blumcnthal bisher 2. Stellvertreter war, musste auch dieser Posten neu besetzt werden. Kommerzienrat Friedländer, der mit 11 Stimmen gewählt wurde, leimte jedoch ab mit der Begründung, dass die liberale Minorität sich nicht mit dem Posten des 2. Stellvertreters abspeisen lassen wollte, sondern Anspruch auf den des ersten Stellvertreters gehabt hatte. Nunmehr wurde mit 9 gütigen Stimmen Prof. Baginski (kons.) in diese Stellung gewählt, nachdem eine lebhafte Auseinander- Setzung zwischen den beiden Parteien stattgefunden hatte. — Alsdann wurde wegen des Zuschusses an den Fortbildungsverein Montenore beraten. Bekanntlich hatte die Versammlung auf Ersuchen des Vereins den Zuschuss von 300 auf 400 Mark erhöht, der Vorstand dagegen die 100 Mark gestrichen. Nach reger Debatte über die prinzipielle und praktische Seite der Frage gelangte eine von Geh.-Rat Blumcnthal eingcbrachte Resolution zur Annahme, in der die Versammlung erklärte, in diesem Falle dem Vorstand nachzugeben, jedoch ausdrücklich betonte, damit keinen Präzedenzfall schaffen zu wollen. — Der Inhalt der sonstigen Beratungen war von keinem allgemeinen Interesse. Es wurde der Rechnungsabschluss des Rciclienheimsehen Waisenhauses und des Hospitals gegeben, 369 Mark für eine Ausbesserung der Synagoge Lindenstrasse bewilligt, eine Ergänzung der Baukommission für die neue Synagoge Ricke- Strasse vorgenommen, eine vorbereitende Kommission für die Ergänzungswahien zum Gemeinde-Vorstand gewählt, dem Rehgionsverein Agudath Achim eine Subvention von 300 Mark gewährt und die Beratung wegen der Neuwahl des Krankenhausvorstandes begonnen. Da hierbei Personalien zur Sprache kamen, wurde die Fortsetzung der Beratung in geheimer Sitzung beschlossen. Zionistische Sorgen/) Viele, die sich dem Zionismus mit Sympathie zugewandt hatten, sind durch Zeitungsnotizen der letzten Tage vielleicht entmutigt worden. Ich meine die auch m diesem Blatte besprochene Audienz des Herrn Dr. Theodor Herzl bei Seiner Majestät dem Sultan in Konstantinopel, nach der die Anerbietungen seitens der türkischen Regierung nicht als ausreichend befunden wurden. Wie gesagt, manche sind dadurch wankend geworden, der altbekannte ,Vorwurf der Utopie, der Ur.ausfiihrbarkeit der zionistischen Idee muss doch demnach nicht unbegründet sein. Um die Sachlage zu verstehen, muss man sich die vorliegenden Zustände vcrgegenw’ürtigen. Herr Dr. Herzl ist Präsident des Zionistenkongresses. nimmt aber in der diplomatischen Welt keine offizielle Stellung ein. Dennoch wurde er vom Sultan telegraphisch zu einer Besprechung über die Bc-‘ wegung eingeladcn, deren Führer er ist. Die türkische Rcgierung scheint die zionistische Sache nicht fiir eine derartig tolle Utopie anzusehen, wie viele sic darzustelleu belieben, sonst wäre dem Dr. Herzl vom mächtigsten Monarchen des Orients nicht diese hohe Ehrung zu teil geworden, die schon , *) Obige Auslassung geht uns von einem sehr werten Gesinnungsgenossen zu, und wir gewähren ihr aus schuldiger Rücksicht Raum, obwohl es heisst, Eulen nach Athen tragen, wenn wir den gewaltigen Erfolg des Zionismus in Stumhiii iiocii besonders hervorheben. — mehr wie einmal einem Ambassadeur verweigert wurde. Was w׳ar nun das Ergebnis der langen Konferenzen mit den türkisehen Bevollmächtigten? Die türkische Regierung, heisst cs, machte nicht die Zugeständnisse, die von den Zionisten als unbedingt erforderlich betrachtet wurden. Ich frage nun, ist das ein Grund, den ganzen Zionismus daraufhin als tot, als eine gewesene Sache zu betrachten? Durchaus nicht! — Heute wissen w׳ir, dass der Sultan dein Herrn Dr. Herzl mehr hat anbieten lassen, als vor fünf Jahren vielleicht nicht einmal ein ״Unparteiischer" für möglich gehalten hätte, dass die Zugestündnissc derartig w׳arcn, dass vielleicht ein Charakter wie Dr. Herzl dazu gehörte, sic nicht zu acccpticren. Aber es w׳ar noch nicht genug, um den ganzen Forderungen der Zionisten und ihres Programmes zu entsprechen. Das und nicht mehr bedeutete die Phrase, die Zugeständnisse, die der Sultan gew’ähren wollte, seien nicht ausreichend. Das und nicht mehr lag für den unparteiischen Leser in der genannten Phrase. Dr. Herz! ist ein zu gewiegter Diploniat, um alle seine Eindrücke, Ergebnisse, Absichten u. s. w*. an die grosse Glocke zu hängen. Aber mit!lichten liegt ein Grund, geschweige denn eine Berechtigung zu Befürchtungen oder Hoffnungslosigkeit vor. Die Tiiatsachc hingegen, dass von türkischer Seite Zu- Geständnisse gemacht worden sind, dass das Oberhaupt des türkischen Reiches die Bestrebungen der Zionisten ernstlich In Betracht zieht, das beweist jedem, der die Sache aufmerksam verfolgt, dass die Zionisten ein gut Stück weiter eckommen sind, und erhärtet zur Genüge den Glauben der Zionisten, dass sie keinem illusorischen Phantom nachjagen, sondern dass ״In nicht zu ferner Zukunft ihrem Streben ein kompletter Erfolg winkt.“ Elicser bei! Josua. Zur amerikanischen Note wegen der rumänischen Judenfragc. I:s scheint in der TI1.־at, als ob die Angelegenheit die so viel Stau!) aufgewirbelt hat. den Weg nimmt, den wir ihr vor einer Woche prophezeit haben. England hat sich sofort der amerikanischen Note angeschlossen, und das, sollte man meinen, war wieder ein wichtiger Schritt weiter in der Aufrollung der rumänischen Judenfrage. Denn damit wandte sich an Rumänien eine der Signatarmäciite des Berliner Vertrages, die nicht nur wie die Vereinigten Staaten ein menschliches, sondern auch ein formales Recht hotte. Auskunft zu verlangen und Änderung der Verhältnisse anzuraten. Soviel aber ist •sicher, dass England isoliert nicMs unternehmen wird, wenn cs weiss. dass die andem curonfiischcn Mächte nicht!unter ihm stehen. Auf die Stellung dieser Staaten kommt also alles an; hören wir, was darüber verlautet ..Reuters Bürcau“ berichtet, dass kein (:europäische Nation bisher (bis zum 27. September) auf Englands die Judenfragc in Rumänien betreffende Note geantwortet hat. — Statt dessen aber führt für Deutschland, wie es scheint offiziös, die ״Kölnische Zeitung“ aus: Deutschland fühle sich keinesfalls in der Behandlung dieser Frage zu einer führenden Rolle berufen, umsoweniger, als cs sich über die Schwierigkeit der Uitternchmung keinen Täuschungen huigebmi dürfe. Andererseits müsse sich Rumänien fragen, ob cs nicht im eigenen Int er esse besser daran cethan hätte, seine, die Juden bctreffende Gesetzgebung anders zu gestalten. — Das ״Berliner Tageblatt" Glaubt dass Rumänien sich angesichts eines solchen ernstlichen Rates Deutschlands nicht allzu lange besinnen wurde, in der Behandlung der Juden Besserung cintrctcn zu lassen. U n d w i c s t c 111 s i c h R 11 m ״ n i e n z 11 d e r A k t i o n f ii r die J u d rn Darüber liegen uns zwei Nachrichten vor: Die hochoffiziöse .,L'IndcDcndancc Roumaine" fordert die rumänische Presse auf. energischen Protest gegen jede f r c in d c E i 11 m i s c 1111 n g in der rumänischen Gew erbegesetztrage zu erheben. — Ferner wird gemeldet, dass Rumänien seit dem Beginn der Aktion keine Auswandcrungs- Pässe für die Juden mehr ausfertigt. Diese beiden Nachrichten snrechen eine recht deutliche Sprache. Rumänien denkt carnicht daran, so geschwind Vor- ״Hilft anzuiiclimcn; cs wird ruhig die ..Massregelu“. die die Mächte ergreifen wurden, abwarten. und es kann das wohl auch ruhig, denn was sollte geschehen? Der russischen Neutralität ist cs sicher, denn die amerikanische Note hätte ihTcm Inhalt nach sich ebensogut an Russland richten können: Frankreich wird Russlands Politik nicht verleugnen; dem osterreicliischen Staat kann Rumänien cntgcgciihaltcu. dass in Galizien der Diebstahl jüdischer Kinder ungestraft bleibt: endlich Englands und Deutschlands Stellung haben wir schon bcleuchtet. Deutschland wird sich durch die verschämten Darleeungcii des ״Berliner Tageblatts", dass auch gewisse deutsche Rechte in Rumänien verletzt würJctt. schwerlich bestimmen lassen, an die Spitze für die Juden zu treten. Auch liier hat man ja kein ganz unbelastetes Gewissen. Der Eiertanz der t uronäiselicu Mächte wird vorsichtig genug ausgefiihrt werden, so dass auch nicht ein Ei zum Platzen kommen wird. ״־