Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1931) (Neue Folge
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 90 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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geschlossen erscheint, die Werte der Körperlänge als Kriterien der Rasse zu verwenden. Aber ebenso wenig sind sie für eugenische Diagnosen und Prognosen brauchbar, so lange sie sich in bestimmten Grenzen halten. Uberschreiten sie diese Grenzen nach unten und insbesondere nach oben, dann können sie freilich in den jungen Jahren als Signale gedeutet werden, die vor drohenden Gefahren warnen. Nicht etwa deshalb, oder wenigstens nicht immer deshalb, weil übermässiges Längewachstum an und für sich schon ein Ausdruck krankhafter Zustände wäre, sondern vielmehr deshalb, weil rapides Hochaufschiessen eine gewaltige Belastung für das Körperganze und für die Funktionen der einzelnen Organe darstellt. Es tritt dann bei ungenügender oder, wie es meistens der Fall ist, fehlender ärztlicher Überwachung eine Disharmonie in der Entwicklung der Gesamtperson, eine Gleichgewichtsstörung in den Wechselbeziehungen der Teile, eine Uberanstrengung einzelner Organe, die nicht Schritt zu halten vermögen mit dem hastigen Längewachstum. Dieses mag sehr wohl durch endokrine Störungen, oder durch das Versagen anderer Wachstumsregulatoren ausgelöst worden sein. Aber die im Gefolge sich einstellenden Organerkrankungen und Funktionsstörungen, wie Tuberkulose, Herzerweiterung, Klappenfehler, Stenose, Tachykardie u. ä., die bei Uberwüchsigen, wie durch zahlreiche Beobachtungen (namentlich in Amerika) festgestellt werden konnte, unvergleichlich öfter als bei Mittelgroßen und Kleinwüchsigen vorkommen, sind sekundäre Folgen einer fehlenden Responsivität. Die Responsivität unterliegt indes, wie L. Borchard mit Recht gegen Grote einwendet, wiederum dem Einfluß äußerer Bedingungen. In gut situierten intelligenten Familien, in welchen die Kinder unter ständiger ärztlicher vorbeugender Beobachtung stehen, wird man rechtzeitig Maßnahmen ergreifen, um die durch das übermäßige Wachstum bedrohten Organe zu schonen, damit sie responsiv bleiben. Man wird eventuell versuchen, durch Änderung der Ernährungs- und Lebensweise das Tempo des Wachsens, wenn es möglich ist, zu bremsen, und durch derlei Maßnahmen die bedrohte Harmonie der körperlichen Dimensionen und Funktionen aufrecht zu erhalten und vielleicht die Ausbildung eines anormalen Habitus, wie z. B. des asthenischen Typus, vermeiden. Denn es ist noch sehr fraglich, ob dieser berüchtigte asthenische Typus, der bei den Juden angeblich in der Erbmasse liegen soll, wirklich charakteristisch für die jüdische Rasse und nicht vielmehr für die Lebenslage der jüdischen Bevölkerung ist. Es ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß der asthenische Typus nicht eine primäre Prädisposition für die Tuberkulose, sondern vielleicht eher die Folge einer in frühen Jahren erworbenen Infektion ist, also keine Rassenprägung, sondern Krankheitsprägung, nicht die Auswirkung erblicher Quanten, sondern die Auswirkung schädlicher Einflüsse der Umwelt darstellt. Die Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, besitzen nicht nur theoretischen Wert, sind nicht aus blosser Kritiklust oder dem Drange nach logischen Übungen enstanden, sondern ihnen kommt gerade bei Juden eine eminente praktische Bedeutung zu. So sehr hat man sich gewöhnt, die verschiedenen unterwertigen anthropometrischen Masse als lediglich erblich bedingt, als nationalspezifisch oder gruppenspezifisch zu betrachten, daß man bei den Bestrebungen zur körperlichen Aufbesserung der jüdischen Bevölkerung falsche Angriffspunkte wählt, so daß die Wirkung der angewendeten Mittel das Ziel gar nicht treffen. Oder man unterläßt überhaupt 90