Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1931) (Neue Folge
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 87 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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kommen, da der Andrang der Christen sehr groß ist. Für Sibirien kommen noch die große Entfernung, die Härte des Klimas und die hohen Reisekosten hinzu, um die Abwanderung zu erschweren. An eine Massenübersiedlung nach Zentralrußland und Sibirien ist deshalb nicht zu denken, aber in einem mäßigen Umfange scheint sie doch möglich.* Es ist aus dem Vorhergehenden klar, daß die überseeische und die kontinentale Auswanderung nur einen Teil der Auswanderungslustigen (etwa 100 000 Personen im Durchschnitt jährlich) aufnehmen kann. Selbst wenn die Binnenwanderung der sowjetrussischen Juden von der Ukraine und Weißrußland nach Zentralrußland zunimmt, können Auswanderung und Binnenwanderung zusammen die frühere Einwanderung in die Vereinigten Staaten nicht ganz ersetzen. Aber sie können doch für die Erleichterung der wirtschaftlichen Lage der Juden in Osteuropa eine bedeutsame Rolle spielen und sollten in jedem Falle bis zur letzten Möglichkeit ausgenutzt werden. Es ist kein Zweifel, daß die Auswanderung der Juden aus Osteuropa in fast allen Fällen ihren Zweck erfüllt, die wirtschaftliche Lage des Auswanderers zu verbessern und für die Zurückbleibenden den Existenzkampf zu erleichtern. Wohl mag in den ersten Jahren manchem Einwanderer die Eingewöhnung in die Verhältnisse des neuen Landes nicht leicht sein, wohl mögen Fälle von schwerer Nostalgie vorkommen; aber mit Ausnahme ganz weniger, die absolut anpassungsunfähig sind, fällt ein Vergleich der früheren und der jetzigen wirtschaftlichen Lage des Auswanderers deutlich zugunsten der jetzigen Lage aus, besonders wenn man nicht die ersten schweren Jahre im neuen Lande, sondern die darauf folgenden Jahre zum Vergleich heranzieht. Aber zusammen mit diesen wirtschaftlichen Vorteilen bringt die Auswanderung auch einen Schaden: nämlich eine Entfernung oder Entfremdung der Einwanderer vom Judentum. Sie hat ihre Ursache nicht nur darin, daß der Einwanderer oder spätestens seine Kinder im neuen Lande an Stelle der jüdischen eine neue Sprache annehmen müssen. Vielmehr bringt die Verpflanzung in ein neues Milieu mit anderer Tracht, anderen Sitten und Gewohnheiten eine allgemeine Erschütterung im seelischen Leben der Einwanderer hervor, durch die er mit seiner früheren Sprache und Tracht zugleich auch vieles von der jüdischen Tradition über Bord wirft. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn die Einwanderer nicht in großen Massen in ein Land kommen, wo sie aneinander einen Halt haben, sondern wenn sie in kleiner Zahl in Länder kommen, in denen es noch keine großen jüdischen Zentren gibt. Die Millionen von osteuropäischen Juden, die seit 1880 in die U. S. A. einwanderten, konnten trotz aller äußeren Assimilation in der zweiten oder dritten Generation doch noch ein jüdisches Leben erhalten. Dagegen ist dies in den Ländern mit kleiner jüdischer Einwanderung viel schwerer. Wir haben hier einen Gegensatz zwischen den wirtschaftlichen Interessen und den allgemein-jüdischen Interessen vor uns. Im witrschaftlichen Interesse des Einzelnen liegt es häufig, die überfüllten Großstädte zu verlassen und in die Provinzstädte zu gehen, wo er leichter eine Existenz findet; aber damit ist zugleich die Gefahr seiner «Entjudung» größer. Die jüdischen Einwanderungsgesellschaften, für die das wirtschaftliche Wohl des Einwanderers der Leitstern ihres Handelns ist, bemühen sich, den Einwanderer in die Provinzstädte zu * N. Gergel. im Juni-Heft 1929 der Zeitschrift „Die Jüdische Emigration'' (Berlin), glaubt im Gegensatz zu I. Koralnik (Mai-Heft derselben Zeitschrift), dass Zentralru&land in Zukunft für die Binnenwanderung der Juden eine grofje Rolle spielen wird. 8?