Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1931) (Neue Folge
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 86 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Da die Juden fast ausschließlich von Handel, Industrie und Handwerk leben und ihre Absatzmöglichkeiten größtenteils von dem Bedarf der nichtjüdischen Bevölkerung abhängen, so ist es klar, daß die Vereinigten Staaten entsprechend ihrer größeren Gesamtbevölkerung eine größere jüdische Einwanderung aufnehmen konnten als die anderen Staaten. Außerdem waren die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten für eine jüdische Einwanderung günstiger. Es gab dort bereits eine entwickelte Großindustrie, welche Rohmaterialien und Halbfabrikate für die den Juden vertrauten «finishing industries» lieferte; es vollzog sich eine wachsende Agglomeration der Bevölkerung in den Städten, die dadurch für den Handel ein fruchtbares Feld boten; es gab keine Unterbietung bei den Arbeitslöhnen (insbesondere in der Zeit vor der großen italienischen Einwanderung), vielmehr waren die Löhne der Arbeiter in den Vereinigten Staaten so hoch, daß die Juden ohne Herabsetzung ihres herkömmlichen Standard of life — sie unterbieten konnten. Demgegenüber haben die anderen obigen Einwanderungsländer weniger Großindustrie, billige einheimische Arbeiter, und ihre Bevölkerung ist viel weniger kaufkräftig. Abgesehen von diesen wirtschaftlichen Schranken hängt die Einwanderung von Juden in diese Länder heute nicht mehr vom Willen der Juden, sondern von der Haltung der Regierung jedes Einwanderungslandes ab, die durch politische und wirtschaftliche Erwägungen vom Standpunkt ihres Landes aus bestimmt ist. In den letzten Jahren haben immer mehr Länder die einschränkende Einwanderungspolitik der U. S. A. nachgeahmt. Die Auswanderung nach Mittel- und Westeuropa ist in den letzten Jahren durch einschränkende Verordnungen der in Betracht kommenden Einwanderungsländer, hauptsächlich Deutschlands, Belgiens, Frankreichs, Österreichs auf ein Minimum reduziert worden. Sie wird im besten Falle für einige tausend Juden jährlich in Betracht kommen. Die Binnenwanderung kann in Polen den Prozentsatz der Juden unter der Bevölkerung der einzelnen Gouvernements nicht wesentlich ändern, da in den früher zu Rußland und Österreich gehörigen Bezirken die Verteilung der Juden ziemlich gleich ist. Nur in den früher zu Deutschland gehörigen Grenzgebieten Posen, Westpreußen und Schlesien ist der Prozentsatz der. Juden gering. Hier könnte durch eine Einwanderung eine gewisse Entlastung der inneren polnischen Bezirke herbeigeführt werden, doch setzen die Behörden in Posen der Einwanderung von Juden Widerstand entgegen. In Sowjetrußland könnte die Binnenwanderung eine große Rolle spielen, da Zentralrußland und das asiatische Rußland noch nicht 1 % Juden unter ihrer Bevölkerung haben. Die Juden haben aber bisher trotz der gesetzlichen Freizügigkeit von der Möglichkeit zur Wanderung nach Zentralrußland und Sibirien nur mäßigen Gebrauch gemacht. Zwar sind nach Moskau, Leningrad und Charkow von 1917 bis 1926 etwa 200 000 Juden übergesiedelt, in das übrige Zentralrußland aber nur etwa 100 000. Die Hindernisse der Abwanderung nach Zentralrußland liegen darin, daß dort bisher nur wenige jüdische Gemeinden bestehen, und es unter den gegenwärtigen einschränkenden Bestimmungen für jüdischen Handel und Kleinhandwerk den Juden besonders schwer ist, in einer fremden und judenleeren Stadt Fuß zu fassen. Außerdem sind in Zentralrußland (im Gegensatz zum früheren jüdischen Ansiedlungsrayon) von altersher zahlreiche christliche Handwerker ansäßig. In die entstehende Großindustrie, welche das Handwerk zu verdrängen droht, ist es für die Juden schwer hineinzu- 86