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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1931-06-01 · Heft 6 (Juni 1931) · p. Seite 85

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
6 (1931) (Neue Folge
Issue
Heft 6 (Juni 1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 85 (sequence 6)
Language
German
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Rumänien veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen anzupassen und sich in Handel und Industrie ihren Platz zu sichern. Die in Polen durch Auswanderung und Geburtenrückgang einsetzende wirtschaftliche Gesundung der Juden wurde seit dem Jahre 1924 gestört durch die Beschränkung der Einwanderung in diejenigen Länder, die bisher die meisten jüdischen Einwanderer aufgenommen hatten, allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika. Zu dieser für die polnischen Juden katastrophalen Tatsache kamen noch die Folgen des Weltkrieges: Entwertung der Valuta, Errichtung von Zollschranken oder gänzliche Sperrung der Grenzen zwischen den früher zu Rußland gehörigen und jetzt selbständig gewordenen Staaten, staatliche Monopolisierung gewisser früher hauptsächlich von Juden betriebener Industrie- oder Handelszweige, verstärkter Steuerdruck auf die städtische Bevölkerung. Das alles zusammen ließ die Zahl der «überzähligen» unter den Juden von neuem stark anschwellen. Sie beträgt in Polen heute fast ein Drittel aller Juden und in Sowjetrußland, wo, die Regierung durch Gesetze und Verstaatlichung der meisten kommerzielen und industriellen Betriebe den Privathandel zu einem großen Teil vernichtet hat, wahrscheinlich ebensoviel. Es besteht keine Hoffnung, daß dieser Zustand, der in Polen durch die seit 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrisis noch verschärft wurde, schnell vorübergeht. Er ist in Polen zum großen Teil die Folge von Tendenzen (Entwicklung des Genossenschaftswesens, Ubergang zum Großbetrieb und zu wirtschaftlichen Unternehmungen des Staates), die auf der Linie des wirtschaftlichen Fortschritts liegen. In Rußland ist er die Folge der Wirtschaftspolitik der Regierung, gegen welche die Juden machtlos sind. Die Lage ist zwar, auf lange Sicht gesehen, nicht hoffnungslos. In Sowjetrußland versprechen fortschreitende Industrialisierung und zu einem kleineren Teil auch die landwirtschaftliche Kolonisation der Juden allmählich neue Erwerbsmöglichkeiten für die «Deklassierten». Die junge Generation scheint sich in beträchtlicher Zahl als Arbeiter der Industrie zuzuwenden. In Polen und den Randstaaten können sinkende Geburtenziffer und eine wenn auch begrenzte Auswanderung der Juden einerseits und Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage andererseits das verlorene wirtschaftliche Gleichgewicht zwischen der Zahl der Juden und den ihnen in Handel und Industrie offenstehenden Erwerbsmöglichkeiten im Laufe einer längeren Zeit wieder herstellen. Aber auf kurze Sicht gesehen, sind die Aussichten der Juden in Osteuropa so schlecht, daß wir hundert Jahre zurückgehen müssen, um in der damaligen Lage der Juden in Osteuropa eine Parallele zu finden. Auf der Suche nach neuen Auswanderungsländern stellen sich der jüdischen Bevölkerung Osteuropas immer stärkere Hindernisse entgegen, indem je weiter je mehr Länder ihre Grenzen gegen die Einwanderung abriegeln. Für die nächsten Jahre wird man mit einer sehr geringfügigen Auswanderungsmasse zu rechnen haben. Es ist in den Jahren 1928 und 1929 gelungen, jährlich etwa 35 000 Juden aus Osteuropa (davon mehr als die Hälfte aus Polen) die Auswanderung zu ermöglichen. Die hauptsächlichsten Einwanderungsländer waren: Argentinien, Brasilien, Chile, Uruguay, Kanada, Südafrika, Australien und Palästina. Alle diese Länder zusammen haben 69 Millionen, und wenn man Brasilien ausschließt, sogar nur 38 Millionen Einwohner, d. h. nur etwa ein Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, die im Jahre 1950 122 Millionen Einwohner zählten. 85

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