Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1931) (Neue Folge
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 84 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Staaten werden zwar auch in Zukunft — verglichen mit anderen Ländern — noch ein «bright spot» in der wirtschaftlichen Lage der Juden sein, aber das Tempo, in dem der Aufstieg der Juden sich bisher vollzog, wird sich wesentlich verlangsamen und der Konkurrenzkampf wird viel schärfer werden. Viel schwieriger als in West- und Mitteleuropa und in Amerika wird es für die Juden in Osteuropa sein, ihre wirtschaftliche Stellung, die auch bisher nichts weniger als gut war, zu behaupten und ihrer weiteren Pauperisierung entgegenzutreten. Die Juden in Osteuropa vermehrten trotz starker Auswanderung ihre Zahl von 1800 bis zum Weltkriege um das Siebenfache. Die Existenzmöglichkeiten wuchsen aber in den traditionellen jüdischen Berufen nicht in dem gleichen Verhältnis und wurden durch das Eindringen der Christen in Groß- und Kleinhandel, durch das Erstarken der kooperativen Einkaufs- und Verkaufsvereine und der Kreditgenossenschaften, durch vermehrte Zuwendung der Christen zum Handwerk und durch teilweise Verdrängung des Handwerks durch die Großindustrie noch weiter verringert. Die Juden konnten in dem enger gewordenen Wirtschaftsgebiete nicht mehr Platz finden. In dieser Lage haben die Juden, seit zwei Jahrtausenden Meister in der Kunst wirtschaftlicher Anpassung, im letzten halben Jahrhundert bereits die beiden Wege beschritten, die Hilfe bringen können: die Auswanderung und die Berufsumschichtung. Tatsächlich ist es den Juden auf diese Weise in der Zeit bis zum Weltkriege gelungen, in Osteuropa ihr wirtschaftliches Niveau zu halten oder sogar etwas zu bessern. Das Hauptventil war allerdings die Auswanderung; die Berufsumschichtung wirkte nur in geringem Maße mit. Zu diesen beiden Faktoren gesellte sich noch ein dritter, der in derselben Richtung wirkte, nämlich die sinkende Geburtenziffer. Während die Juden in Osteuropa bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts infolge ihrer hohen Geburtenziffer und niedrigeren Sterbeziffer eine stärkere natürliche Vermehrung hatten als die Christen, setzte, ausgehend von den großen Städten, gegen Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Juden ein Rückgang der Geburtenziffer ein, der stärker war als der gleichzeitige Geburtenrückgang bei den Christen. Diese Erscheinung, die in einer gewollten Beschränkung der Kinderzahl ihren Grund hat, verbreitet sich von den Großstädten auch auf das übrige Land und ergreift die Juden viel schneller als die Christen. Zusammen mit einer großen Auswanderung hätte dies wahrscheinlich genügt, um im Laufe eines oder einiger Jahrzehnte den Juden — auch ohne Berufsumschichtung — wieder eine normale Existenz zu ermöglichen. In allen entwickelten europäischen Ländern, in denen der Prozentsatz der Juden 3—4 % nicht übersteigt, finden sie ohne besondere Schwierigkeit eine auskömmliche Existenz. In Ländern mit geringer Entwicklung von Industrie und Großhandel, in denen sich Kleinhandel und Handwerk noch halten und starken jüdischen Einschlag haben — wie das in Osteuropa der Fall ist — dürfte die obere Grenze, bis zu der die Juden in ihren hergebrachten Berufen leidlich existieren können, sogar bei 5—6 % liegen. In Litauen und Lettland, wo diese Grenze nicht erheblich überschritten wird, ist die Lage der Juden besser als in Polen mit seinen zirka 10 % Juden, trotzdem die äußeren wirtschaftlichen Bedingungen in den drei Ländern ungefähr dieselben sind. Ebenso ist in Rumänien mit 4,8 % Juden ihre Lage besser als in Polen. Die Juden in Rumänien sind in einem wirtschaftlichen Ubergangszustande. Sie suchen sich den durch die Schaffung eines Groß- 84