Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 6 (1931) (Neue Folge
- Issue
- Heft 6 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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schritten ist und nur wenigen leitenden Personen Spielraum für kommerzielle oder schöpferische Tätigkeit läßt. Die Geldinflation, die in den Nachkriegsjahren in den meisten Ländern Europas die Vermögen der Einzelnen vernichtete oder verkleinerte, hat die Juden härter getroffen als die Christen, weil ihr Vermögen weniger in (unbeweglichen und beweglichen) Sachwerten als in Geldwerten angelegt war. Die wirtschaftliche Lage der Juden in West- und Mitteleuropa ist heute zweifellos weniger günstig als vor dem Weltkriege, zu welcher Zeit sie allerdings außergewöhnlich gut war. Überhaupt ist es für die Lage der Juden charakteristisch, daß alle Oszillationen der Weltwirtschaft sich bei ihnen viel stärker auswirken als bei den Christen, weil sie in denjenigen Zweigen der Wirtschaft besonders häufig sind, die (wie z. B. Handel mit Getreide, Pelzen, Metallen, Juwelen, Perlen, Wertpapieren) großen Preisschwankungen, dem Wechsel der Mode und häufigen Absatzkrisen ausgesetzt sind. In den Vereinigten Staaten von Amerika profitierten die Juden von der glänzenden allgemeinen Wirtschaftslage, die mit wenigen Unterbrechungen während des letzten halben Jahrhunderts anhielt und durch den Weltkrieg noch gesteigert wurde. Es war die Regel, daß der arme jüdische Einwanderer, der seine Laufbahn als Arbeiter in einer Schneiderwerkstatt oder als «peddler» begann, nach zehn oder zwanzig Jahren als Besitzer einer Werkstätte oder eines Ladengeschäftes ein gesichertes Auskommen hatte, und daß seine Kinder durch kaufmännische Tätigkeit oder durch die freien Berufe zu Wohlstand gelangten. Erst die im Jahre 1929 einsetzende Börsen- und Absatzkrisis hat die Epoche dauernder Prosperität unterbrochen. Die Juden sind dadurch stark in Mitleidenschaft gezogen worden, sowohl direkt durch Verluste an Wertpapieren und Grundstücksgeschäften als indirekt durch die Verminderung der Kaufkraft der Massen und den Rückgang des Handels. Die amerikanische Wirtschaft ist allerdings stark genug, um die jetzige Krisis zu überwinden, und wird dann auch den Juden wieder bessere Verdienstchancen geben. Für ein Land von so rascher wirtschaftlicher Entwicklung wie die Vereinigten Staaten ist ein Prozentsatz von 3,5 % Juden unter der Gesamtbevölkerung nicht zu groß, um so mehr, als ein großer Teil der Juden als Arbeiter in Werkstätten tätig und nicht auf den Handel angewiesen ist. Die Einschränkung der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, die für die Juden in Osteuropa so verhängnisvoll ist, ist für die bereits in Amerika befindlichen Juden ein Vorteil, indem sie ihren Prozentsatz unter der Gesamtbevölkerung auf seiner jetzigen mäßigen Höhe hält und die Juden vor neuen Konkurrenten aus ihren eigenen Reihen bewahrt. Aber in der Zukunft wird der wirtschaftliche Aufstieg für die Juden in den Verein. Staaten nicht so leicht sein wie bisher, weil die Sprossen der Leiter, auf denen die Juden aufstiegen, weniger tragfähig geworden oder stärker besetzt sind. Durch die Konkurrenz der Warenhäuser, der Postversandgeschäfte, der «chain stores» («Kettenläden», das heißt Läden derselben Branche in gleicher Ausstattung in vielen Stadtteilen unter einheitlicher Verwaltung) ist das Feld des Detailhandels, das bisher für den Juden meist die erste Sprosse auf der Leiter war, sehr eingeengt worden. Dasselbe gilt für viele freie Berufe, die bisher für die Kinder der Einwanderer häufig eine Stufe zum Aufstieg bildeten. Den Juden wird einerseits der Zugang zu manchen freien Berufen schon beim Eintritt in die Hochschulen erschwert, andererseits sind die freien Berufe heute viel stärker besetzt und bieten viel geringere Verdienstmöglichkeiten als früher. Die Vereinigten 83