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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1931-02-01 · Heft 2 (Februar 1931) · p. Seite 23

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
6 (1931) (Neue Folge
Issue
Heft 2 (Februar 1931)
Date
1931-02-01
Page
Seite 23 (sequence 8)
Language
German
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Fabrik, vor der Betriebsdisziplin und anderen derartigen Argumenten Zuflucht nimmt. Die Dinge liegen hier so, daß die jüdischen Arbeiter aus städtischem Milieu und städtischen Berufen, die nichtjüdischen aber zum großen Teil aus ländlichem Milieu und ländlichen Berufen kommen. Während für diese, zumal bei dem relativen Rückgang und relativer Aufnahmefähigkeit der Landwirtschaft, die Anstellung bei einer Fabrik eine materielle und soziale Aufbesserung bedeutet, ist es für den städtischen erwerbstätigen Juden nicht der Fall. Es kann nicht bestritten werden, daß sowohl die jüdischen als auch die nichtjüdischen Erwerbstätigen in der Regel geneigt sind, dem Handwerk und dem Handel den Vorzug vor der Industrie zu geben, aber den jüdischen Arbeitnehmern als Städtern sind die Handwerks- und Handelsbetriebe näher und zugänglicher als den nichtjüdischen ländlichen Arbeitsuchenden. Diese angeführten Gründe allein genügen zur Erklärung der Tatsache der stärkeren Besetzung der handwerklichen und handwerksnahen Fächer bei den Juden. In früheren Zeiten mochten auch religiöse Momente (Sabbatruhe usw.) und Gemeinschaftssinn mit eine Rolle gespielt haben. Wollen wir nun genauer zusehen, wie sich das Verhältnis zwischen dem industriellen und handwerklichen Teil der jüdischen Bevölkerung in Preußen im Jahre 1925 gestaltet. (Wir werden in der Folge unter jüdischer Bevölkerung stets die erwerbstätige Industrie- und Handwerksbevölkerung verstehen). Nach den Schätzungen von Dr. Jacob Segall* waren im Jahre 1907 ungefähr zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung im Handwerk, das restliche Drittel in der Industrie beschäftigt. Für die Nachkriegszeit läßt sich das Verhältnis nicht einwandfrei erschließen, weil die veröffentlichten Zahlen für 1925 keine sichere Stütze für eine Berechnung geben. Aber in Anbetracht der Wandlungen des deutschen Handwerks während der letzten 20-25 Jahre wird man die Behauptung aufstellen dürfen, daß das in Frage stehende Verhältnis sich zugunsten der Industrie verschoben hat. Die Entwicklung des deutschen Handwerks vollzog sich im letzten Vierteljahrhundert in zwei Richtungen: der Kommerzialisierung und der Industrialisierung. In vielen Branchen des Handwerks ist das Schwergewicht auf die Erledigung von Aufträgen, die von Handelsbetrieben erteilt werden, verlegt worden. Ein nicht unbeträchtlicher Teil von Handwerkern ist dazu übergegangen neben seiner Werkstätte Fertigfabrikate an Einzelkäufer zu vertreiben. Eine Reihe von Handwerks fächern hat sich überwiegend auf Reparaturarbeiten eingeschränkt. Viele handwerklichen Berufe sind fast völlig verschwunden (Glasbläser, Kammacher, Tuchmacher usw.). Behaupten konten sich immerhin noch Klempner, Schlosser, Schmiede, aber auf einer stark reduzierten Basis. In der Bekleidungsbranche zeigt die Schneiderei eine schwache, alle anderen Zweige aber einen recht starken Anstieg, sodaß im großen und ganzen die Bekleidungsbranche eine beträchtliche Zunahme erfahren hat. Indem der jüdische selbständige Handwerker die Entwicklung in der Richtung der Industrialisierung und umsomehr der Kommerzialisierung mitmachte, entfernte sich der jüdische Arbeiter, infolge der Industrialisierung der Betriebe, in stetig zunehmendem Maße vom Handwerk. Oder mit anderen Worten: der Nachwuchs der jüdischen handwerklichen Arbeiter nahm beträchtlich ab. * s. Dr. Jacob Segall: Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der luden in Deutschland. Berlin 1912. 25

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