Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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gration, die aus Deutschland nach Polen geht, wird ziffernmäßig gewaltig übertrieben. Von den eingewanderten Juden wurden direkt nur wenige Gemeinden in Polen begründet. Vor dem Jahre 1300 läßt sich in Polen eine jüdische Bevölkerung hauptsächlich in Posen, Kaiisch (anscheinend vom Jahre 1287 her) und in einigen anderen Orten nachweisen. Die Anfänge der jüdischen Gemeinden von Warschau, Bromberg, Lublin, Sandomir, Krakau, Lemberg fallen in die Zeit von 1304—1367, wie Meisl in seiner Geschichte der Juden in Polen und Rußland darlegt. Die Schutzbriefe für die Juden sind dem Schutzbrief, den die Familie Kalonymos bei ihrer Übersiedelung nach Deutschland erhielt, nachgebildet. Es waren, wie wir auch sonst wissen, deutsche Juden, die Polen besiedelten. Die Zahl der Gemeinden, die diese Einwanderer gründeten, war also eine recht bescheidene. Es werden damals nach den vorliegenden Angaben 20 bis allerhöchstens 50 gewesen sein. Wir können mit vielleicht 1000 Familien rechnen, die von Deutschland die weite Reise in das fremde Land antraten, so daß wir um das Jahr 1350 vielleicht mit einer jüdischen Bevölkerung in Polen von 6000 Seelen zu rechnen haben. Die «größeren Scharen», von denen wir hören, schrumpfen dadurch allerdings auf ein Maß herab, das uns heute unwahrscheinlich klein dünkt. Der große Nachwuchs bevölkert von den Handelszentren aus das übrige Land. Im Laufe des weiteren 14. und 15. Jahrhunderts werden viele neue Gemeinden begründet. Authentische Ziffern stehen uns für die spätere Zeit auch nicht zur Verfügung. Wohl aber hören wir von einer Kopfsteuer, die ab 1549 eingeführt von allen Bewohnern des Reiches unterschiedslos erhoben wurde. Diese Steuer betrug IV2 Gulden zuerst für jedes Mitglied, anscheinend aber auch oft bloß für das Oberhaupt der Familie. Im Jahre 1613 wurde sie auf 3 Gulden erhöht. 1569 wurden nach Meisl von den Juden Polens 6168 Gulden erhoben. Danach gab es etwas über 4000 versteuerte Personen. Eine genaue Rechnung der anwesenden Juden läßt sich auf Grund dieser Abgabe nicht aufstellen. Wir gehen aber wohl nicht fehl, wenn wir danach die Juden auf 50 T. bis höchstens 50 T.Seelen veranschlagen. In einer Schrift «Antwort der Juden auf die Klage der Krakauer Kaufleute über den Handel» (1539) wird behauptet, unter den Juden seien 5200 Kaufleute und dreimal soviele Handwerker. Solche Angaben lassen sich nur mit Vorsicht benutzen. Wir können aber nach dieser Mitteilung auf 12—15 000 Haushaltungen schließen, während wir nach der Steuer nur 4000 Juden in Polen annehmen dürfen. Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Viele Juden entzogen sich der Steuerzahlung, anderseits übertrieb der Autor der Schrift die Zahl der Handwerker, die er vermutlich nicht selbst gezählt haben dürfte. Nach den Steuerveranlagungen hätte es gegeben: i. J. 1569 ca. 4000 jüdische Steuerzahler; 1581 ca. 5000; 1589 ca. 6700; 1612 ca. 25 000 Steuerzahler. Die starke Vermehrung zwischen 1569 und 1612, also in 45 Jahren um das fast sechsfache läßt sich nicht allein durch schärfere Erfassung der Zahlungspflichtigen erklären. In der Hauptsache ist hier also schon eine fast unheimliche Fruchtbarkeit der Juden daran schuld. Man kann sich alle möglichen Mängel dieser Deduktionen vor Augen halten und wird doch immer wieder zu dem Resultat kommen, daß die polnischen Juden um das Jahr 1550 sicherlich kein halbes Hunderttausend gezählt haben. Es drängt sich hier nochmals die Frage auf, wie stark sich die jüdische Bevölkerung vermehrte. Wir haben angenommen, daß die Zahl der Juden 98