Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 78 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Existenz einer jüdischen Gemeinde vor 1096 nicht nachweisbar. Es gab zur Zeit des 1. Kreuzzuges nur ganz wenige jüdische Siedlungen in Deutschland, etwa 10 bis höchstens 20, von denen die größeren Gemeinden 500 Juden zählen mochten. Unter Berücksichtigung aller dieser Umstände neige ich zur Auffassung, daß die Anzahl der deutschen Juden um das Jahr 1096 knapp 5000 betrug, so daß ungefähr 1U von ihnen von den Holiganen des I. Kreuzzuges umgebracht wurden. Für phantastische Ziffern einer größeren jüdischen Bevölkerung gibt es keinerlei Unterlagen. Der mangelhafte Schutz in den Bischofsstädten des Rheins, die stellenweise Vertreibung veranlaßte die Juden, sich um neue Ansiedlungsmöglichkeiten umzusehen. Dem kam die Entwicklung der neugegründeten Städte im innern Deutschland entgegen. Die Naturalwirtschaft wich immer stärker der Geldwirtschaft. Der jüdische Kaufmann wurde vielfach gerufen, als Fachmann seine Funktion zu erfüllen oder als Kapitalist sein Silber zur Verfügung zu stellen. Er zog es vor, die Städte, in denen ihnen schwächliche und hinterhältige Bischöfe den Schutz versagt hatten, zu verlassen und neue Verträge mit freien Reichsstädten und mit weltlichen Fürsten einzugehen, hauptsächlich aber im Hinblick auf die Versprechungen und auf den Schutz der Kaiser. Inzwischen waren die Juden vollkommen in den Besitz des Kaisers übergegangen. Sie waren Kammerknechte des Kaisers geworden. Das bedeutete ursprünglich nicht, daß der Kaiser über ihr Gut und Leben beliebig verfügen konnte, sondern nur daß er von ihnen Abgaben empfing, nur sie dafür zu beschirmen hatte. Im Vertrauen darauf konnten die Juden sich freier bewegen. Sie waren nicht mehr vogelfrei. Wir finden hundert Jahre nach der Katastrophe von 1096 Juden in den neu aufstrebenden Siedlungen, in denen die Geldwirtschaft sich entwickelte. Nicht nur in wenigen Stützpunkten, Ausfallstoren nach dem Osten wie in Regensburg, Prag, Magdeburg, Halle tauchen sie gelegentlich auf. Sie werden überall seßhaft. Immer dichter werden ihre Siedlungen in der Maingegend, im Ries, im Taubergrund, an der Donau; die fruchtbaren Gegenden Hessens finden jüdischen Zuzug, langsam schieben sich Gemeinden in die Rhön bis nach Thüringen vor, und übersiedeln von da in den Harz. Fast schrittweise erobern sie sich das Land. Wenn auch die Anwesenheit der Juden für die meisten Orte nicht genau festgestellt ist, die Durschnittsangaben über das erste Auftreten von Juden in einzelnen Orten und zusammengefaßt in einzelnen Gegenden lassen doch gewiße Schlüße zu. Im allgemeinen bevorzugen sie befestigte Orte; die Dörfer des flachen Landes waren in jener Zeit wirtschaftlich unbedeutend und für Kaufleute zu unsicher. Deshalb trifft es sich, daß Juden zumeist zuziehen, wann die Flecken und Landgemeinden Stadtrechte empfangen und durch Mauern und Wälle ihre Bewohner schützen. Der drohenden jüdischen Übervölkerung in den rheinischen Städten wird mit dem Abfluten des Geburtenüberschußes begegnet; dem Binnenhandel der Geld Wirtschaft kann nicht mehr von weit her und nur gelegentlich genüge geleistet werden. Waren es um die Zeit des I. Kreuzzuges knapp 20 Orte, an denen sich Juden aufhielten, so sind es 100 Jahre später bald 100 Städte und um 1348 ca. 250-300. (Fortsetzung folgt) 78