Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 77 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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rheinischen Gemeinden. Ziffernmäßig läfit sich der Zuzug aus Frankreich und Italien nicht berechnen. Der Aufschwung der rheinischen Judengemeinden hängt mit der Einwanderung der wirtschaftlich erfahrenen Juden zusammen, die in den Zentren der französischen Industrie gelebt und den Geldhandel bereits mit ausgebaut hatten. Diese ökonomischen Erkenntnisse kamen ihnen in dem sich erst dem Geldhandel zuwendenden Deutschland zustatten. Die große Rolle, die französische Juden als Rabbiner in Mainz etc. spielen, bekräftigt die Auffassung, daß die dortige jüdische Bevölkerung ihnen sprachlich oder der Herkunft nach nahe standen. Wir sind über Wirtschaftsvorgänge in dieser Zeit durch einzelne Berichte informiert und wissen, daß umherziehende Kaufleute, besonders Juden bis weit nach dem Osten reisten. Es scheint, daß sie vor allem in großen Städten ihren Wohnsitz hatten. Viele Dokumente aus der Zeit vor dem I. Kreuzzug beziehen sich auf diese rheinischen Judengemeinden. Berichte, die sich auf die dauernde Anwesenheit von Juden in Magdeburg, Merseburg, Nürnberg, Halle u. s. w. vor dem Jahr 1100 beziehen, sind stark umstritten. Ich möchte annehmen, daß es sich in diesen Plätzen zumeist nur um vorübergehenden Aufenthalt von Juden resp. höchstens um kleine jüdische Gemeinden handelt. Bis zum Jahr 1096 ist die überwiegende jüdische Bevölkerung Deutschlands also in den wenigen rheinischen Städten konzentriert. Die Größe dieser Städte läßt nicht annehmen, daß die Juden so zahlreich waren, wie heute manche glauben. Die Raschisynagoge und die Abbildungen von Synagogen bedeutender jüdischer Gemeinden des Mittelalters überraschen durch die Begrenztheit des Raumes. Mag der Bau größerer Tempel auf Schwierigkeiten gestossen sein, so bezeugt die Zeichnung der jüdischen Häuser in den Stadtplänen die geringe Ausdehnung der jüdischen Siedlungen. Der Uberlieferung nach sind stellenweise ganze Gemeinden und zwar die größten und reichsten den Pogromen zum Opfer gefallen. Auch daraus wird ersichtlich, daß die allergrößten Gemeinden höchstens 500-1000 Juden zählten. Die Historiker sprechen gelegentlich von großen Ziffern, die als Opfer der Pogrome des Jahres 1096 zu gelten haben. Eine Uberprüfung der Memorbücher ergibt eine durchaus exakte Anführung der Umgekommenen. Die Namen der Getöteten sind gut gesammelt, einzeln aufgeführt und wo einmal ein Opfer namentlich nicht festgestellt werden kann, ist dies aueh bemerkt. Nur die Vornamen der unmündigen Kinder sind vielfach weggelassen, aber ihre Verwandschaftsbeziehung gut angegeben. Unter den uns vorliegenden Angaben müssen wir in Mainz mit 550, Worms 450, Köln 175 Toten rechnen. Der übrigen Todesfälle sind nur wenige. Damit erhalten wir Verluste anläßlich des I. Kreuzzuges auf dem deutschen Boden von ca. 1250 Seelen. Wir müssen uns abgewöhnen, mit Ziffern, die für das 20. Jahrhundert bedeutungsvoll sind, zu rechnen. Wenn wir lesen, daß sich eine Gemeinde in einer Synagoge, in einem Hof, in einem Saal versammelte und verschanzte, so wissen wir, daß es sich nicht um viele Tausende handelte. Die Räumlichkeiten jener Zeit faßten nicht so viele Menschen. Können wir nun aus der Anzahl der blutigen Opfer auf die Zahl der damals lebenden Juden überhaupt schließen? Immerhin. Aus den Berichten gewinnt man den Eindruck, daß jüdische Gemeinden stellenweise fast ganz ausgerottet wurden. Wir haben aus späteren Jahrhunderten Namen vieler Orte, an denen später Pogrome stattfanden. Fast alle diese Städte sind erst nach 1096 gegründet und für die, welche schon vorher bestanden, ist die 77