Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 75 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-2650417-2650422--5716-2651122- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schicksals ist noch viel zu wenig beachtet und in ihren Auswirkungen geschildert. Im 12.—16. Jahrhundert sind die fortwährenden Änderungen der Besitzverhältnisse der Städte und Orte, die Übertragung der Besitzrechte an die Juden vom Kaiser an Fürsten, Bischöfe, Kommunen und irgend welche Private die Ursache zur weiteren Veränderung des Domizils. Die Zahl der Juden in den einzelnen Orten unterlag daher steten, z. T. recht beträchtlichen Schwankungen; selbst große jüdische Ansiedlungen in ganzen Ländern verschwanden gewissermaßen über Nacht. Bei dieser Fluktuation ist es schwierig, die Anzahl der Gemeinden für irgend ein Jahr sicher zu stellen. Wir wissen wohl, daß im Mittelalter an über 200 Orten Judenverfolgungen in Deutschland vorkamen, die sich aber über einen Zeitraum von 250 Jahren erstreckten, so daß wir daraus noch nicht den Schluß ziehen können, die Juden hätten in einem bestimmten Jahr an diesen 200 Städten gelebt. Die Frage nach der Anzahl der deutschen Juden im Mittelalter ist aber von Bedeutung. Erfahrungsgemäß stammen von ihnen die Ostjuden ab. Man hat zwar behauptet, daß nennenswerte Teile von Juden, Nachkommen von Juden, die vom Schwarzen Meer her nach Süd-Rußland eingewandert waren, sich mit den Flüchtlingen aus Deutschland vermischten. Diese Auffassung erscheint unwahrscheinlich. Bekanntlich sprachen die Ostjuden um das Jahr 1800 insgesamt Jiddisch. Es ist undenkbar, daß größere Teile von Juden, die eine andere Sprache beherrschten, sich in Polen, also in einer slavischen Gegend, die fremdartige Mundart des Jiddischen angeeignet hätten. Der Zuzug der deutschen Juden war ziffernmäßig nicht allzu groß. Wir wissen das aus der Anzahl der ursprünglich von deutschen Juden in Polen begründeten Siedlungen. Die Einwanderung erfolgte in großen Zeiträumen, in einzelnen kleinen Trupps, die unmöglich fremden Juden von größerer Zahl ihre Sprache hätten aufoktroyieren können. Von den 16 Millionen heute lebenden Juden stammen 13 Millionen von den ums Jahr 1800 jiddischdeutsch redenden Juden ab. 1 Million sind Nachkommen der spanischen Juden und 1 Million entfallen auf Splitter, die sich in einzelnen Ländern, vor allem der arabischen Zone (Nordafrika, Vorderasien) erhalten haben, wozu noch Partikel von südfranzösischen, italienischen Juden kommen, die aber auch stark mit Spagniolen und deutschen Juden vermischt sind. Auch die sonstige Betrachtung der politischen und Wirtschaftsgeschichte läßt uns ein Eingehen auf die Bevölkerungszahl der Juden des Mittelalters wichtig erscheinen. Uber die Juden in Deutschland bis zum Jahre 1000 sind wir schlecht unterrichtet. Ihre Zahl scheint ziemlich gering gewesen zu sein. Die wenigen Städte des Reiches hatten nummerisch keine Bedeutung. Köln, Trier, Aachen waren ganz kleine Orte. Abbildungen von Stadtplänen, von öffentlichen Gebäuden jener Zeit und andere Anhaltspunkte bezeugen, wie volkarm diese Städte gewesen sein müssen. Handel und Wandel war nur mangelhaft entwickelt. Die heute dicht bevölkerten Teile Deutschlands waren damals noch ganz schwach, z. T. von Slaven besiedelt. (Sachsen, Brandenburg). Die Anwesenheit von Juden in Deutschland bis ungefähr ins 10. Jahrhundert ist sicher gestellt. Wir wissen u. a. von ihrer Mitwirkung an der Gesandtschaft Karl des Großen. Im allgemeinen hören wir von deutschen Juden wenig. Dagegen besteht ein Ubergewicht von Nachrichten über die Existenz von Juden in. Frankreich; hier gibt es viele Beschlüsse der Concilien gegen die Juden, gegen jüdische Richter und Steuerpächter,