Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 74 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Deutschland und in Polen in früheren Jahrhunderten Versuch einer statistischen Erfassung Von Dr. Felix A. Theilhaber, Berlin-Wilmersdorf. Die Statistik, insbesondere die Bevölkerungsstatistik der Juden läßt uns die Verhältnisse der letzten 100 Jahre überblicken. Alle Versuche die frühere Volkszahl in früheren Jahrhunderten zu rekonstruieren, leiden an der Unzulänglichkeit des Materials. Die abweichenden Schätzungen, die selbst in unserer Zeit für die jüdische Bevölkerung amerikanischer, englischer, französischer, belgischer Städte zu recht abweichenden Resultaten führen, mahnen zur Vorsicht. Der Mensch des Mittelalters hatte noch weniger Verständnis für exakte Statistiken. Er rundete gerne besonders nach oben ab, spricht, wie Delbrück in einer eingehenden Arbeit nachwies, gerne von Abertausenden, wo es sich in Wirklichkeit oft nur um Hunderte handelte. Diesen einer verläßlichen Statistik abholden Sinn förderte der einfache Umstand, daß erfahrungsgemäß überhaupt jede größere Masse Menschen leicht überschätzt wird. So hat Dietz für das Mittelalter die grotesken Uberschätzungen der Frankfurter Juden endgültig widerlegen können. Bedeutungsvoll sind stets die Angaben über die Anzahl der Opfer kriegerischer Handlungen gewesen. Bekanntlich kehrt in vielen Erzählungen die Schilderung wieder, daß große Flüsse sich vom Blut der Erschlagenen rot färbten, was zumeist nur in der Phantasie der Chronisten erfolgte. Von diesen menschlich begreiflichen Übertreibungen halten sich die Berichte über Judenmetzeleien nicht fern. Die an sich überaus schauerlichen Mordtaten an wehrlosen Menschen führten leicht zur Vergrößerung der Zahl der Erschlagenen. Die schriftlich fixierten Berichte über die jüdischen Opfer, anläßlich des I. Kreuzzuges (1096) geben uns aber die Namen der Getöteten wieder. Sie sind so genau, daß wir nur bei den unmündigen Kindern die Vornamen nicht erfahren. Wir sind also in der Lage die Gesamtsumme ziemlich genau zu rekonstruieren. Bei dem Mangel an geeigneten Unterlagen ist es schwer daraus auf die Zahl der jeweils stehenden Bevölkerung zu schließen. Die Heranziehung der Steuerzahler genügt nicht. Wir wissen z. B. für Frankfurt, daß hier anno 1496 die Gemeinde 12 Steuerhaushaltungen auswies, während neben den Familien der Kultusbeamten 17 Familien in die Stättigkeit eingeschrieben waren. Vor der Steuer bildeten oft mehrere Familien eine Einheit; so zahlte der reiche Jude Simon von Weisenau 80 Gulden, während seine Schwiegersöhne, die bei ihm wohnten, keine besonderen Steuerbeträge entrichteten. Andere Familien waren infolge Armut oder aus sonstigen Gründen von der Steuerzahlung befreit. Wir werden auf die Steuerverhältnisse noch zurückkommen. Eine besondere Schwierigkeit, die Zahl der Juden im Mittelalter zu ermitteln, bereitet die Unstetigkeit der Juden. Die Unsicherheit der Existenz, die wirtschaftlichen und politischen Wirrnisse zwangen zu häufigem Wechsel des Aufenthaltortes. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die überschüssigen Nachkommen des Aufenthaltsrechts in ihren Geburtsorten beraubt und gezwungen, sich nach Orten umzusehen, an denen sie — wenn auch nur vorübergehend — bleiben konnten. Die Tragik dieses 74