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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1930-10-01 · Heft 4 (Oktober 1930) · p. Seite 58

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
5 (1930) (Neue Folge)
Issue
Heft 4 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
Seite 58 (sequence 11)
Language
German
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In welchem Maße die Mischehe zur Taufe oder zum Austritt des jüdischen Ehegatten aus dem Judentum führt, wissen wir nicht. Diese Taufen oder Austritte bilden einen integralen Teil aller Taufen oder Austritte und gelangen nur unter diesem Titel zur statistischen Erfassung. Im Gegensatz hierzu können wir die Taufen und Austritte der Kinder aus Mischehen aus den Daten über die Religion der bei ihren Eltern lebenden Kinder aus Mischehen berechnen. In Preußen waren 1910 von diesen Kindern 23,67% jüdisch. Da an sich die Hälfte der Kinder dem Judentum verbleiben sollten, so ergibt sich ein Verlust von 26,33%. Diese Ziffer ist aber in Wirklichkeit sicher noch größer. Erstens treten von den Kindern auch nach Verlassen des Elternhauses noch manche aus dem Judentum aus; zweitens ist in den Fällen, in denen der jüdische Teil nach der Eheschließung aus dem Judentum austritt (und die Mischehe vom statistischen Standpunkte aufhört, eine Mischehe zu sein), damit regelmäßig auch der Austritt der Kinder verbunden. Es ist anzunehmen, daß nicht mehr als 10% aller Kinder aus Mischehen dauernd beim Judentum verbleiben. Unter dieser Annahme stellt sich der Verlust des Judentums in Preußen folgendermaßen dar: die lebendgeborenen Kinder aus Mischehen machten im Jahre 1926 14,09% der Lebendgeborenen aus rein jüdischen Ehen aus. Eigentlich müßten hiervon die Hälfte, d. h. 7,05 dem Judentum zufallen. Tatsächlich verbleiben ihm aber nach dem Obigen nur 10% der Gesamtzahl, d. h. 1,41%. Der Verlust des Judentums beträgt demnach 5,64%. In absoluten Zahlen stellt sich die Rechnung für Preußen im Jahre 1926 wie folgt: Lebendgeborene aus rein jüdischen Ehen...... 4259 „ unehelich von jüdischer Mutter . . 298 aus Mischehen (50%) . . -......300 Zusammen . . 4857 Hiernach wäre die Geburtenrate der Juden in Preußen 12,02. Tatsächlich verbleiben aber nicht die Hälfte (= 300), sondern nur 10% (== 60) der Kinder aus Mischehen dauernd beim Judentum, die Gesamtzahl der jüdisch bleibenden Lebendgeborenen beträgt also nur 4617 und die Geburtenziffer nur 11,43. Bei diesen Zahlenverhältnissen ist es natürlich übertrieben, für Preußen in der Mischehe die größte Gefahr für den Bevölkerungsbestand der Juden zu sehen. Andere Momente, insbesondere die gewollte Beschränkung der Kinderzahl, haben in dieser Beziehung eine viel größere Bedeutung. Andererseits ist gerade deshalb, weil die Geburtenziffer der Juden in Preußen an sich schon so klein ist, die weitere Verkleinerung durch die Mischehen auch ein beachtlicher Faktor. Aber darüber hinaus hat die Mischehe — ähnlich wie die Taufe — eine große Bedeutung als Symptom einer allgemeinen Erscheinung, nämlich der Lockerung des jüdischen Gemeinschaftsgefühl überhaupt: die Mischehe kann sich nur dort ausbreiten, wo diese Lockerung den Boden für sie vorbereitet hat. Sie ist nur die letzte Phase des Prozesses, der mit der Niederreißung des Ghettos und der Beteiligung der Juden an der Kultur ihrer Umgebung beginnt. Insofern ist die geringere oder größere Häufigkeit der Mischehe ein guter Maßstab für den Grad der Assimilation der Juden überhaupt. 58

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