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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1930-08-01 · Heft 2 (August 1930) · p. Seite 28

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
5 (1930) (Neue Folge)
Issue
Heft 2 (August 1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 28 (sequence 13)
Language
German
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Einfluß zur Geltung gebracht und die vor dem Kriege vorherrschenden Motive nunmehr in den Hintergrund verdrängt. Liebeskummer, Scham, Reue und ähnliche Affekte, die man nicht mehr so tragisch nimmt wie ehemals, spielen heutzutage eine geringere Rolle. Zwistigkeiten zwischen Vätern und Söhnen, die vor dem Kriege einen ansehnlichen Platz unter den Ursachen der Selbstmorde beanspruchten, scheinen heute an Bedeutung verloren zu haben. Umso stärker treten zerrüttete Eheverhältnisse hervor, namentlich in der Großstadt. Daß die wirtschaftliche Not unvergleichlich mehr Menschen zum Abschied vom Leben trieb als in den Vorkriegsjahren, Fteht fest. Diese und ähnliche Wandlungen in der Rangliste der Freitodmotive lassen sich schon aus der allgemeinen Statistik erkennen. Ihre genaue Abschätzung hoffen wir auf Grund des Urmaterials des Preußischen und Berliner Statistischen Amtes demnächst vornehmen zu können. Mit seiner Selbstmordquote von 44,0 bzw. 41,5 auf je 100.000 der jüdischen Bevölkerung geht Berlin bzw. Preußen bald nach Wien und Budapest allen Ländern und Städten Europas voran, soweit wir über Statistiken verfügen. So betrugen die Selbstmordquoten in: 50,0 New-York (1925)..... 23,0 48,0 Lemberg (1921—23) .... 19,0 44,0 Krakau (1922—24) .... 18,0 41,5 Warschau (1927)..... 16,6 40,0 Riga (1922—25)...... 14,0 27,8 Lodz (1927—28) ..... 8,4 Wien (1928) .... Budapest (1927—28) . Berlin (1927—28) . . Preußen (1927—28) . Bayern (1927—28). . Leningrad (1925—27) Auf die Theorien, die verschiedentlich zur Erklärung der Differenzen in der Häufigkeit der Selbstmorde bei den Juden verschiedener Länder aufgestellt worden sind, wollen wir hier nicht eingehen, zumal wir uns heute nicht mit dem Problem der Selbstmorde unter den Juden in seiner Allgemeinheit, sondern lediglich mit der speziellen Lage der Verhältnisse in Preußen und Berlin befassen. Die stärkere Religiosität der Juden des Ostens, die erhöhte Nervosität der westeuropäischen Juden und ähnliche Argumente reichen zur Erklärung der in der vorstehenden Tabelle hervortretenden Diskrepanz zwischen den Quoten der Selbstmordhäufigkeit nicht aus. Ebensowenig läßt sich die geringere Häufigkeit der Selbstmorde bei der zerrütteten, am Rand der Verzweiflung stehenden jüdischen Bevölkerung Rußlands und Polens und im Gegensatz dazu das wesentlich erhöhte Vorkommen von Freitodfällen bei der wirtschaftlich verhältnismäßig gesicherten jüdischen Einwohnerschaft des Westens, speziell Preußen» und Berlins auf wirtschaftliche Ursachen zurückführen. Des übrigen halten wir es für angebracht an dieser Stelle auf einen Kehler hinzuweisen, der gemeinhin bei der Einschätzung der Statistik der Selbstmorde begangen wird. Man pflegt die statistisch ermittelten Selbstmordquoten als Kriterien zur Beurteilung des Grades des Lebensunlust innerhalb der betreffenden Bevölkerung zu behandeln. Berücksichtigen wir jedoch, daß, wie es aus den statistischen Untersuchungen bekannt ist, nur ein kleiner Teil der Versuche, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, den vom Täter beabsichtigten Erfolg, d. h. tödlichen Ausgang haben, so müssen wir erkennen, daß die Quoten der tödlich endigenden Selbstmordversuche kein Kriterium erwähnter Art abgeben. Einige Beispiele aus Budapest, Warschau und Wien, in welchen die statistischen Veröffentlichungen der letzten Jahre auch die erfaßten Selbst- 28

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