Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 5 (1930) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 2 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 23 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rolle) die Zahl der Austritte zur evangelischen Landeskirche weit überstiegen, während in den früheren Jahrzehnten die Austritte zu den Konfessionslosen sehr selten waren. Der Rückgang in der Zahl der Uebertritte von Juden zur evangelischen Landeskirche in Preußen bedeutet also nicht einen Rückgang der Austritte aus dem Judentum überhaupt. Die Austritte zur evangelischen Kirche sind zurückgegangen, aber die Austritte zu den Konfessionslosen sind gestiegen. Der Gesamtverlust des Judentums durch Ueberschufi der Austritte über die Eintritte war im Jahre 1925 in Preußen größer als in früheren Jahren. Auch in Württemberg sind die Austritte zu den Konfessionslosen häufiger als die Austritte zu der christlichen (evangelischen und katholischen) Kirche. Von 1921 bis 1925 kamen nur 11 Austritte zum Christentum, aber 45 Austritte zu den Konfessionslosen vor. Der Austritt zu den Konfessionslosen hat sich unter den Juden verbreitet, seitdem auch in christlichen Kirchen der Austritt aus der Kirche und die Konfessionsloserklärung häufiger geworden sind und der Konfessionslose nicht mehr wie früher als ein Geächteter, ein Sonderling oder als ein verkappter Jude angesehen wird. Die Zahl der Personen, die bei den Volkszählungen von 1910 und 1925 in Preußen sich weder zu einer christlichen noch zur jüdischen Religion bekannten, stieg von 317 928 im Jahre 1910 auf 967 188 im Jahre 1925, d. h. auf das Dreifache. Von den 967 1S8 Personen des Jahres 1925 waren: 1) Personen, die keiner Religion s gesellschaft, aber einer Vereinigung zur gemeinschaftlichen Pflege einer Weltanschauung angehören, 171 189; 2) Personen, die keiner Religionsgemeinschaft und keiner Weltanschauungsgemeinschaft angehören, 666 261; 3) Personen ohne Angabe ihrer religiösen Verhältnisse 129738. In ganz Deutschland gab es 1925 1 550000 Personen, die sich nicht zur christlichen oder jüdischen Religion bekannten. Die „Konfessionslosen" sind damit ein beträchtlicher Bestandteil der Bevölkerung geworden und haben ihren Sonderlingscharakter verloren. Die Juden ziehen den Austritt zu den Konfessionslosen dem Uebertritt zum Christentum vor, weil er die Taufzeremonie erspart und von der jüdischen Gemeinschaft milder beurteilt wird. In der Tat vermeidet er die Unaufrichtigkeit, daß der zum Christentum Uebertretende ein dogmatisches Glaubensbekenntnis ablegen muß, obwohl er doch fast ausnahmslos — von materiellen Beweggründen zum Uebertritt oder von bevorstehender Heirat mit einem christlichen Ehegatten ganz abgesehen — das Judentum einfach deshalb verläßt, weil er müde ist, das Stigma des Juden weiter zu tragen. Häufig sind diese Bedenken für jüdische Eltern in Deutschland der Grund, daß sie selbst im Judentum verbleiben, dagegen ihre Kinder taufen lassen. Im Staate Sachsen traten von 1911 bis 1924 369 Juden zur evangelischen Landeskirche über, während gleichzeitig 92 Juden aus der evangelischen Landeskirche zum Judentum eintraten. Der Verlust des Judentums beträgt hiernach 277, d. h. jährlich 20. Auf je 1000 Juden entfiel jährlich ein Uebertritt zur evangelischen Landeskirche (ohne die unbekannte Zahl der Austritte zu den Katholiken und Konfessionslosen). Die Austrittsziffer in Sachsen ist höher als in Preußen. Wir führen das darauf zurück, daß in Sachsen die jüdische Bevölkerung viel geringer ist. Die Juden machen in Sachsen 0,47% der Bevölkerung aus gegenüber 1,06% in Preußen. In den sächsischen Großstädten Leipzig, Chemnitz, Dresden, Plauen geht der Anteil der Juden nicht über 2% hinaus. Durch ihre kleine Zahl sind die 23