Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 9-12
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 150 — in diesen Wohnortsgruppen. Außer den wenigen verwaltungs- und politischen Zentren — Charkow und Kiew — und den wenigen größeren Industriestädten, war die ukrainischweißrussische Stadt bis 1923 — infolge der kommunistischen Wirtschaftspolitik — verödet und verlassen. Diese traurige Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten der Ukraine und Weißrußlands hat eine bedeutende Abwanderung nach den zentralen russischen Gouvernements zur Folge gehabt. Wir sind hier zu einem Problem gelangt, welches das größte Interesse in der jüdischen Oeffentlichkeit hervorruft. Es ist die Frage des' Eindringens der jüdischen Bevölkerung in die zentralen russischen Gebiete. Man erhofft sehr vieles von einer Ueberwanderung der Juden aus den beengten Städtchen des Ansiedlungsrayons nach Zentralrußland. Viele sehen darin eine Rettung aus der tragischen Lage, in der die jüdischen Massen Rußlands sich jetzt befinden. Ernste politische Köpfe haben an die Möglichkeit einer großen planmäßigen Aktion der Westjudenheit geglaubt zwecks Uebersiedlung der russischen ja sogar der polnischen Juden nach Zentralrußland, nach Sibirien, Ural usw. In der breiten jüdischen Oeffentlichkeit ist man nämlich davon überzeugt, daß seit 1917 ein breiter Strom jüdischer Wanderer sich unaufhaltsam nach Zentralrußland ergießt. Wenn wir uns an die Beantwortung dieser eminent wichtigen Frage machen, so schalten wir hierbei Leningrad (Petersburg) und Moskau aus. Diese zwei Städte können nicht in eine Reihe mit den übrigen Siedlungspunkten Zentralrußlands gestellt werden, sowohl hinsichtlich ihrer allgemeinen Bedeutung, als auch in Bezug auf ihre Anziehungskraft, die sie für die jüdischen Massen haben. In folgender Aufstellung vergleichen wir nur die städtische jüdische Bevölkerung in 31 zentralen Gouvernements für drei Zeitpunkte — 1897, 1920 und 1923.*) Von 1897 bis 1920 ist hier die jüdische Bevölkerung um ca. 135 von Hundert gewachsen. Es ist aber unmöglich festzustellen, welcher Teil dieses Zuwachses auf die Jahre bis 1917 fällt — die Jahre bis der Februarrevolution — und welcher auf die Jahre nach der Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsgebietes, d. h. auf die Jahre 1917 bis 1923. Würden uns diese Zahlen zur Verfügung stehen, so könnten wir zweifellos eine sehr interessante Tatsache feststellen, nämlich daß in den Revolutionsjahren die jüdische Bevölkerung Zentralrußlands — mit Ausnahme Leningrad und Moskaus — nur unbedeutend gewachsen ist. Die große Bewegungsfreiheit, die die Februar- und Oktoberrevolution der jüdischen Bevölkerung gebracht hatten, hatte nicht zu einer wesentlichen Verschiebung des Schwerpunktes der jüdischen Massen in Rußland gebracht. Die jüdische Bevölkerung, welche in den zentralen Gouvernements im Jahre 1920 gezählt wurde, bestand in der Hauptsache aus heimlosen Flüchtlingen aus Polen, Litauen und Lettland, die von den zaristischen Regierungsorganen zur Zeit des Weltkrieges hierher geleitet worden sind. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß die jüdische Bevölkerung im Jahre 1918 hier zahlreicher war als 1920. Im Jahre 1918 begann die Rückwanderung der Flüchtlinge und das führte zu einer Verringerung der jüdischen Bevölkerung in diesen Gebieten. *) Die Zahlen für 1920 entnehmen wir den Veröffentlichungen des Volkskommissariats für Nationalitäten-Angelegenheiten der offiziellen Zeitschrift „Das Leben der Nationalitäten" (russisch) Heft I (6), 1924, S. 141, Moskau; die für 1923 werden gebracht in den „Veröffentlichungen der Zentralen Statistischen Verwaltung der Sowjet-Union — Demographische Abteilung — Band XX, IV Teil. — Ergebnisse der allrußländischen Städtischen Volkszählung 1923," (russisch), Moskau 1927.