Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1927-01-01 · Heft 9-12 · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
4 (1927) (Neue Folge)
Issue
Heft 9-12
Date
1927-01-01
Page
Seite 151 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2650397-2650411-2650416--5601-2651003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 161 - Zweifelsohne waren die Jahre 1918—1920 für Zentralrußland nicht sehr günstig. Zwar ist die politische Lage hier stabiler als in der Ukraine, jedoch die wirtschaftliche Lage gestaltete sich überaus schwierig. Die nichtjüdische Bevölkerung wanderte zu jener Zeit von der Stadt ins Dorf. Diese aussterbenden Städte konnten für die jüdische Bevölkerung keine Anziehungskraft haben. Aber merkwürdigerweise haben dieselben Städte auch in den späteren Jahren 1921 bis 1923 keinen nennenswerten Zuzug von Juden erfahren. Auch in der Zeit, als sich die wirtschaftliche Lage Zentralrußlands gebessert hatte, war hier keine bedeutende jüdische Einwanderung zu verzeichnen. Die Tabelle zeigt fast auf der ganzen Linie eine Verringerung der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1923 im Vergleich mit 1920. In einer Zeit, als das ukrainische und weißrussische Judentum der Verzweiflung nahe waren und sich bereit zeigten, in den Steppen der Ukraine unter ungeheuer schweren Bedingungen Erdarbeit zu tun, — da in den Städten und Städtchen die Lage unerträglich geworden war, — fand sich keine bedeutende Zahl jüdischer Einwanderer nach den zentralen Gouvernements Rußlands, als ob dieses Gebiet noch schwerere Quotengesetze hatte als die Vereinigten Staaten. Die Ursache dieser merkwürdigen Erscheinung liegt in den veränderten ökonomischen Bedingungen Sowjet-Rußlands. Zentralrußland ist vor dem Weltkriege ein Anziehungspunkt der jüdischen Bevölkerung, ja ihr ständiger Traum gewesen. Die zurückgebliebenen Gebiete Zentralrußlands boten ein breites Betätigungsfeld für den jüdischen Händler, Fabrikanten und Krämer, auch für den jüdischen Handwerker. Das heutige Zentralrußland hat keinen Platz für Juden. Die zentralrussischen Gouvernements sind gerade die Gebiete, wo fast der gesamte Handel und die Industrie von Regierungsorganen geleitet wird. Auch die Genossenschaften haben hier viel stärker Fuß gefaßt als in der Ukraine und Weißrußland. Die geringe jüdische Einwanderung nach Zentralrußland besteht hauptsächlich aus jüngeren Elementen, die in den Regierungsinstitutionen Beschäftigung finden. Moskau und Leningrad, die einzigen Ausnahmepunkte im ganzen Reich, üben eine große Anziehungskraft auf die jüdische Bevölkerung des ganzen Landes aus. Die Zahl der Juden in Moskau betrug: 1871 ...... 5319 1882 ......' 15 085 1897 ...... 8 095 1902 ...... 9 048 1912 ...... 15 353 1920 ...... 28 263 1923 ...... 86 171 1926 (Schätzung) . . 110 000 Die jüdische Bevölkerung Leningrads zählte: 1869 ...... 6 654 1881 ...... 16 826 1890 ...... 15 331 1897 ...... 16 944 1900 ...... 20 385 1910 ...... 34 995 1920 ...... 25 529 1923 ....... 52 373 1926 ...... 84 412 Wenn wir einen Schluß unserer Betrachtungen ziehen, so kommen wir zu folgenden Ergebnissen: 1. Trotz der immer zunehmenden Auswanderung der russischen Juden nach Uebersee, sehen wir die ganze Zeit bis zum Weltkrieg ein intensives Wachstum der jüdischen Bevölkerung in den Städten, insbesondere In der mittleren und größeren Stadt, während die Dörfer von Juden verlassen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.