Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 9-12
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 146 — Wie gesagt, lebten im Jahre 1920 bloß 12,7 % des gesamten ukrainischen Judentums in den Städtchen, das ist nur ein Drittel des Anteils von 1897. Wiederum besitzen wir für Weißrußland keine Daten bezüglich dieser wichtigen Frage, da hier im Jahre 1920 keine Volkszählung vorgenommen wurde. Die landläufige Meinung besagt, daß jüdische Städtchen in der Ukraine sei im Verlaufe der letzten Jahre in gewissem Maß wiederaufgerichtet worden, daß im Jahre 1923, der ersten Zeit des NÖP, die jüdische Bevölkerung sich schon nach ihren alten Wohnorten gewandt hat. Die Zählung des Jahres 1923 gibt uns aber keine Anhaltspunkte hierfür. Im Gegenteil, diese Zahlen belehren uns darüber, daß der Prozeß der Entvölkerung des jüdischen Städtchens, der zur Zeit der Pogrome und des Bürgerkrieges gewaltige Fortschritte machte, im Jahre 1923 unaufhaltsam weiter ging. Wir bringen (Tabelle II) Angaben bezüglich 11 großer Städtchen der Ukraine für drei Zählungsjahre — 1897, 1920 und 1923. Tabelle II. Die jüdische Bevölkerung in den kleinsten Städtchen der Ukraine 1897, 1920 und 1923. Städtchen 1897 1920 1923 3917 766 414 3391 2546 1782 3389 959 668 4./5. Konela und Justingrad . 3265 604 546 2917 2889 2 509 2435 1895 1650 1888 667 468 1828 1570 1371 10. Koschewatoje .... 1265 426 204 1233 1015 916 Zusammen 25528 13337 10528 in%o 100,0 52,2 41,2 Nach den Städtchen, deren jüdische Bevölkerung während der Pogrome fast gänzlich vernichtet oder vertrieben wurde, ist eine kaum nennenswerte Zahl zurückgekehrt. Tabelle III bringt acht solcher Städtchen. Tabelle III. Die jüd. Bev. der in den Pogromen vernichteten Gemeinden im Jahre 1923. Städtchen 1897 1920 1923 1677 5 156 1385 — 244 3953 34 157 3672 146 361 2304 30 269 1724 22 272 1555 14 563 8. Torgowitza..... 1299 19 820 Zusammen 17569 270 2842 in %, 100,0 1,5 16,2 Auch in dem ukrainischen Städtchen, genau so wie im Dorf, hat die jüdische Bevölkerung ihre Existenzgrundlage verloren. Das Städtchen lebte vom Dorf. Es war der Vermittler zwischen dem Bauer und der größeren Stadt. Der „militärische Kommunismus" und der darauffolgende NEP haben die Fäden zerrissen, welche die Stadt mit dem Dorfe verbanden. Der verarmte und wirtschaftspolitisch unzufriedene Bauer boykottierte die Stadt. Der Getreidehandel, die Domäne des jüdischen Dorfs- und Kleinstadteinwohners, ist Regierungsstellen zugewiesen worden. Der Bauer hat seine vormalige Kaufkraft verloren und stellte seine Einkäufe beim jüdischen Händler und seine Bestellung beim jüdischen Handwerker ein. Die jüdische Bevölkerung sah deshalb von einer Rückkehr in die verlassenen Städtchen ab. Im Gegenteil, der verbliebene Rest der jüdischen Einwohner versucht mit allen Mitteln nach der größeren Stadt zu gelangen. Sogar im Jahre 1926 war das jüdische Städtchen noch menschenleer. Man hört oft davon sprechen, daß das jüdische Städtchen in Osteuropa dem Untergange geweiht ist. Das ist gewiß nicht richtig. Die letzten Volkszählungen in Litauen, Lettland, Polen und Rumänien haben gezeigt, daß die jüdische Bevölkerung der Städtchen