Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 9-12
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- 145 - ihren früheren wirtschaftlichen Positionen hinausgestoßen worden. Eine jüdische ländliche Bevölkerung ist heutzutage nur als eine durchgehend jüdische landwirtschaftliche Masse, in jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien möglich. Der Jude aber im nichtjüdischen Dorfe kann wirtschaftlich nicht mehr bestehen. Die Wirkung der Revolution, der Pogrome, des Bürgerkrieges und des „militärischen Kommunismus" auf die ländliche jüdische Bevölkerung in Weißrußland läßt sich nicht mit voller Genauigkeit feststellen. Diese Wirkung war aber bestimmt nicht so stark wie in der Ukraine, wo die Pogrome sowie der Bürger- und Nationalitätenkrieg mit beispielloser Heftigkeit wüteten. II« Die jüdische Kleinstadt. Das ukrainische Städtchen, in welchem im Jahre 1897 36% des gesamten ukrainischen Judentums lebte, ist heute öde und verlassen. Der schon vor der Revolution des Jahres 1917 einsetzende Prozeß der Abwanderung von Juden aus der Kleinstadt in die mittleren und größeren Städte, hat durch die Pogrome, den militärischen Kommunismus und den NÖP einen bedeutenden Ruck erfahren. Die Pogromwelle hat fast kein jüdisches Städtchen in der Ukraine verschont. In Todesangst rettete man sich nach der mittleren und größeren Stadt, wo die Regierungsgewalt stärker war und die Pogromgefahr daher geringer. Es ist natürlich unmöglich, die Wirkung der Pogrome auf die jüdische Bevölkerung in genaue Zahlen zu kleiden. Folgendes (Tabelle I) Zahlenbeispiel möge jedoch als anschauliche Illustration dienen. Es handelt sich um 48 Städchen, die im Jahre 1897 insgesamt zirka 90000 Seelen zählten. Tabelle I. Das Schicksal von 48 pogromierten Städtchen des Gouvernement Kiew. Kategorie der pogromierten Städtchen Zahl der Städtchen Jüdische Bevölkerung Christliche Bevölkerung 1897 1920 Abnahme von 1897 bis 1920 in°/oo 1897 1920 Zunahme von 1897 bis 1920 in°/00 I. Abnahme der jüd. Bevölk. um 100 % II. Abnahme der jüd. Bevölk. um 90—100 % III. Abnahme der jüd. Bevölk. um 70— 90 % IV. Abnahme der jüd. Bevölk. um 50— 70 % V. Abnahme der jüd. Bevölk. um 20— 50 % 18 15 5 5 5 22380 28825 12257 10648 13667 34 698 2 699 4155 9503 — 100,0 — 97,6 — 78,0 — 61,0 — 30,5 46386 38 971 14640 14221 14201 51235 44082 15383 16474 17 504 + 10,5 + 13,1 + 5,1 + 15,8 + 23,3 Zusammen 48 87 777 17 089 — 80,5 128419 144678 + 12,7 In der Mehrzahl der Städchen — in 33 — ist die jüdische Bevölkerung völlig verschwunden, hingeschlachtet oder entlaufen. Bei der christlichen Bevölkerung dieser 33 Städtchen ist umgekehrt ein Zuwachs von etwa 10 Prozent im Verhältnis zu ihrer Zahl im Jahre 1897 festzustellen. Die jüdische Bevölkerung in den sämtlichen 48 Städtchen ist in der Zeit zwischen 1897 und 1920 um V« zurückgegangen, von 87777 auf 17089, während die nicbtjüdische um 12,7 % — von 128419 auf 144678 — zugenommen hat. In der Wirklichkeit sind die durch die Pogromwelle hervorgerufene Verheerungen noch größer und stärker, als dies aus der oben gebrachten Aufstellung zu ersehen ist, denn es leuchtet ein, daß diese Städtchen zu Beginn der Revolution von 1917 eine zahlreichere jüdische Bevölkerung aufzuweisen hatten als im Jahre 1897.