Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 9-12
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 144 - Stadt, besonders aber in der Großstadt eine Hochkonjunktur für Industrie und Handel hervorgerufen hat, wodurch die jüdischen Massen in die Stadt gelockt wurden; in besonderem Maße wirkte aber die Revolution ein mit ihren Begleiterscheinungen — dem Bürgerkrieg und den Pogromen. Diese Veränderungen in der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine — die Verödung der ländlichen jüdischen Siedlungen, der Untergang der jüdischen Kleinstadt, sowie das ungeheuere Anschwellen der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten — gilt für alle Gebiete, welche die Volkszählung 1920 umfaßt, mit Ausnahme des Gouvernements Cherson, wo trotz aller erschütternden Ereignisse die dörfische jüdische Bevölkerung noch stark an Zahl geblieben ist. Von je 100 der jüdischen Bevölkerung wohnten auf dem flachen Lande: 1897 1920 im Gouvernement Kiew . . 18,1 3,5 im Gouvernement Tschernigow 33,9 12,4 im Gouvernement Jekaterinoslaw 32,2 4,4 im Gouvernement Poltawa . . 19,4 4,2 in der Krim.......21,7 1,9 im Gouvernement Cherson . 18,9 17,5 Das Verlassen der Dörfer und der Städtchen durch die jüdische Bevölkerung ist zum guten Teil auf die Pogrome zurückzuführen. In den Jahren 1918—1920 hat sich die jüdische Bevölkerung der dörfischen Niederlassungen nur durch Flucht vor den Massakern retten können. In den Gegenden, in denen die Juden auf dem platten Lande in kompakten Massen lebten, wie z. B. in den alten jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien im Gouvernement Cherson und auch dort, wo die Pogrome nicht sehr zahlreich und weniger grausam waren, harrte die jüdische Bevölkerung auf ihren Positionen im Dorfe aus. Im Jahre 1920 zählte die dörfische jüdische Bevölkerung in der Ukraine insgesamt zirka 175000 Seelen, davon 108781 in den Gouvernements Cherson, Kiew, Jekaterinoslaw, Poltawa, Charkow, Tschernigow und in der Krim. Im Jahre 1897 zählte man auf demselben Territorium etwa 500000 dörfische jüdische Einwohner. Das Verlassen der Dörfer bedeutete für die jüdische Bevölkerung ein Abschied auf Nimmerwiedersehen. Sie kehrte auch in den Jahren 1923—1924 nach den Dörfern nicht zurück, auch nicht in den späteren Jahren 1924—1926. Gleichzeitig mit dem Einsetzen der landwirtschaftlichen Kolonisationsbewegung unter den Juden der Ukraine, schreitet der Prozeß der Abwanderung von Juden aus dem Dorfe fort. Die Zählung des Jahres 1926*) ergiebt in der Ukraine bloß 131000 jüdische dörfische Einwohner, das heißt um zirka 40000 Seelen weniger als im Jahre 1920. Die Ursache dieser Erscheinung liegt auf der Hand. Das Dorf, welches zu Beginn des Jahrhunderts einigen hundert.Tausenden jüdischen Seelen eine Existenz bot, hat jetzt seine Existenzgrundlage für die jüdische Bevölkerung verloren. Der jüdische Grundeigentümer ist zu einer Erscheinung der Vergangenheit geworden. Der jüdische Pächter, Getreidehändler, Krämer, — alle sie sind aus *) .Der Nationalitäten-Bestand der dörfischen Bevölkerung in der Ukraine. Ergebnisse der Volkszählung 1926". — Statistik der Ukraine. Nr. 96 Serie XVII Bd. I Demographie, 1. Lieferung. Veröffentlichungen der Zentralen Statistischen Verwaltung der Ukrainischen Sowjetrepublik (ukrainisch). Charkow 1927. Von der in dieser amtlichen Ausgabe angegebenen Zahl 352787 jüdischer dörflicher Einwohner sind zirka 221000 der 202 vormaligen Städtchen abzuziehen, die nach der neuesten administrativen Einteilung der Ukraine in die Kategorie dörfischen Siedlungen übertragen worden sind. Eine Liste dieser wirtschaftlich degradierten Städtchen bringt das 1. Heft der Veröffentlichungen der Vereinigten Statistisch-ökonomischen Kommission des Zentralkommitees Ort — Moskau 1927 S. 25—28 (russisch).