Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 4 (1927) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 5-6
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- 79 - terstützung sowie über die zweckmäßige Verteilung zu machen. Eine auf dieser Konferenz eingesetzte Kommission, bestehend aus Dr. Paul Nathan, Carl Stettauer (London) und D. Feinberg (Petersburg), reiste am 22. Nov. von Berlin ab und besuchte bis zum 10. Dez. die Städte, die von den Exzessen besonders schwer betroffen waren. In Unterredungen mit dem russischen Ministerpräsidenten Stolypin und Finanzminister Kokowzew im Sommer 1906 kämpfte Dr. Nathan für die Rechte der russischen Juden. 120 der Pogromwaisen wurden vom Hilfsverein zur Ueberführung in eine neue Heimat (u. a. Amerika, England, Oesterreich, Schweiz) übernommen. 58 wurden durch Vermittlung der Großloge in Deutschland untergebracht. Für das russische Hilfswerk wurden in den Jahren 1905/6 vom Hilfsverein gegen 21/., Millionen Mark aufgewandt, im ganzen über 14 Millionen Mark zur Verteilung gebracht. Die Agrarunruhen in Rumänien führten im März 1907 vierzehn Tage lang zu schweren Ausschreitungen gegen die Juden. An 100 Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung wurden in Mitleidenschaft gezogen. Der Hilfsverein beteiligte sich an dem Hilfswerk zusammen mit dem Frankfurter Hilfskomitee. Dr. Nathan begab sich nach Bukarest zur Teilnahme an der Organisierung des Hilfswerks und nahm Anlaß, in Rücksprachen mit dem Ministerpräsidenten Sturdza und anderen führenden Persönlichkeiten die Behandlung der rumänischen Juden seitens der rumänischen Regierung zur Sprache zu bringen, die, den Bestimmungen des Berliner Kongresses vom Jahre 1878 betreffs der bürgerlichen und politischen Rechtsgleichheit der Juden zuwider, sie als „Fremde, die unter keinem fremden Schutze stehen", betrachtete, und sie, dem Vorbild Rußlands folgend, drückenden Beschränkungen des Wohn- und Aufenthaltsrechts, im Militärdienste, in Handel und Gewerbe, in Ausübung der Berufe als Aerzte, Angestellte, Handwerker, Arbeiter, und im Schulwesen unterwarf. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat von seiner Begründung an unausgesetzt die Rechtsverletzungen seitens der rumänischen Regierung bekämpft. Auch beiExzessengegendieJuden in Marokko und in Persien hat der Hilfsverein wiederholt eingegriffen, durch Interventionen und Beihilfen. So wurden z. B. 1912 für das Hilfswerk in Marokko Frs. 60 000,— aufgewandt. 1912/13 riefen die beiden Balkankriege den Hilfsverein auf den Plan. D r. Nathan und Dr. Bernhard Kahn, der Generalsekretär des Hilfsvereins seit 1904, bereisten gemeinsam mit E1 k a n N. Adler aus London im Auftrage der Union des Associations Israelites, deren Zusammenschluß auf einer Konferenz in Brüssel vom 16. Dez. 1912 erfolgte, zur Wahrnehmung der Interessen der wirtschaftlich schwer betroffenen und in ihrer Sicherheit bedrohten Juden des Balkans die Gebiete des Kriegsschauplatzes. Von der Million Francs, die das Balkanhilfswerk erforderte, hat der Hilfsverein, der mit der Großloge für Deutschland gemeinsam vorging, über ein Drittel beigesteuert. Weltkrieg. Aufgaben von gewaltiger Größe brachte der Weltkrieg mit sich. Der Hilfsverein führte in Deutschland selbst wie in den besetzten Gebieten des Ostens, in Rumänien, der Türkei und in Palästina Hilfsaktionen durch, aus eigenen Fonds und als Führer der Geschäfte für Komitees mit sehr großen Mitteln, insbesondere amerikanischen, die sich auf die allezeit bereite, den Bedürfnissen der Zeit entsprechend immer weiter ausgebaute Organisation des Hilfsvereins stützen.