Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 4-6
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2650397-2650406-2650408--5359-2650821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 55 - schnittlich 2%, stellenweise noch weniger; für Steglitz, Zehlendorf sinkt der Prozentsatz noch unter 1% (1921—1928 auf 0,75%). Der Einfluß des Milieus auf die Hygiene zeigt besonders den Unterschied der Lebend- und Totgeborenen. Es gab 1922 und 1923 Lebendgeborene k, w w r> u b. m jfid. tern Mutti . Vat Vate Mutt Cr- OU ■O* -*3 "^3 4042 250 384 Totgeborene 103 6 16 Die unehelichen Totgeborenen der Jahre 1921, 1922, 1923 sind 7,6% aller Geborenen, bei den ehelichen nur 2,5%, in Mischehen 2,8% (wobei die Mischehen mit jüdischem Vater und christlicher Mutter doppelt so viel wie die der übrigen Mischehen ausmachen). Bei der allgemeinen Bevölkerung in Berlin sind die Ziffern 3—3,5 % bei den Ehelichen und das Doppelte 6,5—7% bei den Unehelichen, bei den Juden hat die unehelich e Mutter dreimal soviel Totgeburten als die eheliche, die Totgeburten sind bei ihr häufiger als bei der unehelichen Christin, während die jüdische Mutter in der Ehe günstiger als die verheiratete Christin dasteht. So stark beeinflußt die soziale Lage die hygienischen Verhältnisse. Nach Abzug der Säuglingssterblichkeit bleiben für die Berliner jüdische Bevölkerung ungefähr 2000 Kinder pro Jahr übrig. Nimmt man an, daß das Durchschnittsalter 50 Jahre wäre, so würde aus ihnen auf 100 000 Menschen in 50 Jahren zu rechnen sein, in einem hochgerechneten Durchschnittsalter von 60 Jahren 120000 Individuen, während heute die jüdische Bevölkerung auf eine Viertelmillion veranschlagt wird. Es kann keine Frage sein, daß auf Grund der heute vorliegenden Verhältnisse der Nachwuchs nur die Hälfte des Bestandes deckt. Anscheinend haben wir aber noch mit drei Faktoren zu rechnen, die sich immer stärker anzeigen und in ihrer Entwicklung noch nicht zum Abschluß gekommen sind, das ist 1. die Ehelosigkeit. Wir verfügen leider nicht über eine Auszählung der Ledigen. Aber durch die Verschärfung der Wirtschaftskrisis werden gerade die am Kapitalismus interessierten Zwischenschichten stark betroffen, das sind diejenigen Kreise, die Kapital für ihre Arbeit gebrauchen und nicht nur körperliche oder geistige Arbeiter sind, also die Händler. Es ist hier nicht der Raum, auf die volkswirtschaftlich interessierten Probleme einzugehen, die ich zum Teil in dem Buch „Der Untergang der deutschen Juden" eingehend behandelt habe. Die Erwerbstätigkeit und Selbständigkeit des jüdischen Mädchens, die ökonomische Hilfslosigkeit der Eltern, die Wohnungsnot, Teuerung und ähnliche Umstände verhindern immer weitere Teile der jüdischen Bevölkerung, eine Ehe einzugehen. Wir können unmöglich das Ausmaß dieser Entwicklung übersehen, für deren vollste Entfaltung alle Vorausbedingungen gegeben sind; Gewohnheit, von der Gesellschaft gut geheißen, Sitte, Beispiel usw. sind zwar und bleiben noch auf längere Zeit ehefördernd, aber im Kampf mit so einschneidenden realen Faktoren weiß die Ehelosigkeit weiteren Boden zu gewinnen und damit ideell die Stimmung zu beeinflussen. Die Ablösung des Geschlechtslebens vom Zeugungsvorgang gibt sich in allen unseren Statistiken wieder. Wenn wir nur 71 jüdische Väter bis zu 25 Jahren antreffen (unter etwa 15000 dieser Altersklasse), so erfolgt das Geschlechtsleben dieser Altersklasse unter ausschließlichem Verzicht auf Nachkommenschaft.