Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 4-6
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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44 — Kriege. Trotzdem ergibt ein Vergleich mit der aus der Nachkriegszeit stammenden, von Dr. Werner citierten, Statistik von Kiefer (Spital für Lungenkranke in Mannheim), daß nichtsdestoweniger die Widerstandskraft der Juden gegen die Tuberkulose im allgemeinen auch in der Kriegszeit relativ noch eine größere war, als bei den Nichtjuden. Bezüglich der D e u t u n g des Phänomens beschränke ich mich auf die Mitteilung, daß ich mich den Gedankengängen von F i s h - b e r g anschließe, welcher auf dem Standpunkt steht, daß die im Vergleich zu Nichtjuden erhöhte Widerstandskraft der Juden gegen die Tuberkulose eine durch Gewöhnung und Auslese im Verlaufe von Jahrhunderten erworbene Eigenschaft darstellt. Für eine solche Auffassung scheint mir zunächst zu sprechen, daß m. E. weder die Ernährung des gesetzestreuen Juden noch die durch die Religion vorgeschriebenen Reinlichkeitsvorschriften an sich genügen, um das Phänomen zu erklären, namentlich wenn man noch gleichzeitigt erwägt, daß die allgemeine Körperkonstitution gerade in den ärmeren Klassen der im Osten lebenden Juden so ist, daß man eher eine gesteigerte als eine verminderte Disposition zu Tuberkulose erwarten könnte. Einzelheiten hierüber sind in der Arbeit von Kreinermann mitgeteilt. Es ist ferner auffällig, daß die Jemenitischen Juden, die aus einer fast tuberkulosefreien Umgebung kommen, bei einer Uebersiedlung nach Palästina auffällig häufig der Tuberkulose anheimfallen und daß bei ihnen die Tuberkulose oft eine akute Verlaufsform zeigt. Nach Much hat überhaupt in Palästina die Ausbreitung der Tuberkulose in den letzten Jahrzehnten, und zwar, wie er annimmt vorzugsweise durch Infektion durch Einwanderer außerordentlich zugenommen. Much glaubt dies damit erklären zu dürfen, daß die Eingeborenen früher mit Tuberkulösen nur wenig in Berührung gekommen sind, und daß sie in ihrer Kindheit nicht durch das Ueberstehen einer Tuberkuloseinfektion eine Tuberkuloseimmunität erworben haben. Man kann sich jedenfalls recht gut vorstellen, daß bei dem engen Zusammenwohnen, zu welchem die Juden früher fast allerorten und auch heute noch in vielen Städten des Ostens gezwungen sind, die zu Tuberkulose disponierten Familien entweder ganz oder teilweise ausgestorben sind, so daß sich nur diejenigen, welche sich eine mehr oder weniger große Resistens gegen die Tuberkuloseinfektion erworben haben, erhalten konnten. Nach dieser Richtung war mir während meiner ärztlichen Tätigkeit besonders auffällig, daß es einzelne jüdische Familien gibt, in welchen die Tubeikulose gradezu grassiert, so daß sie in den betreffenden Familien ein unaufhaltsames Vernichtungswerk entfaltet. Kennen wir doch auch auf dem Gebiete anderer Erkrankungen ähnliche Erfahrungen. So haben jwir z. B. im Kriege beobachten können, daß der Flecktyphus bei den Angehörigen solcher Länder, in welchen der Flecktyphus bisher so gut wie nie vorgekommen war, viel schlimmer verlief, als bei den Angehörigen solcher Länder, in welchen der Flecktyphus dauernd zu Hause ist. Eine gewisse, wenn auch nicht prinzipielle Bedeutung im Sinne der Tuberkulosenbekämpfung, mag außerdem auch dem Umstand zukommen, daß die Juden in der Wahl ihrer Ehegenossen in gesundheitlicher Richtung oft besonders ängstlich vorgehen und daß sie ferner meist schon beim Beginn von Krankheitserscheinungen den Arzt aufzusuchen pflegen, so daß dieser seine therapeutische Aktion schon in dem oft noch aussichtsvollen Anfangsstadium der Krankheit entwickeln kann. Wissen wir doch, daß grade bei der Tuberkulose der Effekt der Therapie wesentlich davon abhängt, daß sie im An-