Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1926-01-01 · Heft 1-3 · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
3 (1926) (Neue Folge)
Issue
Heft 1-3
Date
1926-01-01
Page
Seite 85 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2650397-2650406-2650409--5391-2650786
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 85 - Erkrankung der Blutgefäße oder durch Gefäßkrämpfe auf nervöser Grundlage oder auf beiden zugleich. Es verdankt seine Entstehung wohl immer einer angeborenen Enge des Gefäßapparates oder einer allgemeinen neuropathischen Anlage, vielleicht auch beiden Faktoren gleichzeitig. Nach K. Mendel, der kürzlich ein eingehendes Sammelreferat über dieses Leiden veröffentlicht hat, sind die Juden auffallend häufig von der Krankheit befallen. Oppenheim fand unter 48 Patienten 36 russischjüdischer Abstammung, Goldflam's Patienten (Warschau) waren sämtlich Juden, ebenso Higier's 23 Fälle (Warschau), unter Idelsohn's (Riga) 56 Kranken 44, unter 57 Patienten Schlesingers (Wien) 42. Andere kleinere Statistiken zeigen das gleiche oder ein ähnliches Verhältnis (Bychowsky, Determann, Tobias). Mendel fand unter 20 Fällen 12 Juden. Demgegenüber sah E r b 29 Christen und 14 Juden, Pick 10 Christen und 3 Juden, Offenberg sah das Leiden, obwohl er überwiegend jüdische Klientel hat, nur bei Christen. Ich selbst kann eine Statistik nicht vorlegen, habe das Leiden aber sowohl bei Juden als bei Nichtjuden gesehen, was auch Cassirer in seiner Antwort auf mein Rundschreiben bestätigt. Higier führt das Ueberwiegen auf die vorzeitige Entwicklung der Arteriosklerose bei den Juden oder auf ihre neuropathische Anlage zurück. I d e 1 s o h n fügt dem noch die relative Häufigkeit anderer Symptome von Neigung zu Gefäßkrämpfen (Haemorrhoiden, Erscheinungen der Wechseljahre) hinzu (zitiert nach Mendel). Inwieweit der bei den Ostjuden verbreitete Tabakmißbrauch für die Entstehung des intermittierenden Hinkens in Frage kommt, ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Ich komme zum Schluß. Eine nur den Juden eigentümliche Nervenkrankheitgibtesnicht. Selbst diejenigen, zu denen sie einen überwiegenden Prozentsatz stellen, sind auch bei anderen Bevölkerungsschichten zu finden. Auffallend häufig sind Juden befallen von drei Krankheitstypen: dem Torsionsspasmus, der amaurotischen Idiotie (infantiler Typ) und dem intermittierenden Hinken. Hier scheint, soweit wir sehen, das prozentuale Verhältnis weit über das der Bevölkerungs- und Klientelquoten hinauszugehen. Bezüglich der Schüttellähmung sind die Ansichten geteilt. An den Psychoneurosen haben sie einen großen Anteil, aber auch hier ist von einem sicheren Ueberwiegen bestimmter Krankheiten oder Typen nicht zu sprechen. — Bestimmte Verlaufsbesonderheiten, die für den Juden bei den Nervenkrankheiten charakteristisch sind, können nicht festgestellt werden. Es sei denn, daß man die hypochondrisch-nosophobische Komponente als typisch jüdische Färbung ansehen will, was aber auch nur mit großer Vorsicht geschehen kann, da sehr viele Nichtjuden diese Beimengungen zu allen Arten von Krankheiten, oft in ausgeprägtester Form, zeigen. Es gibt aber auch andererseits kaum Krankheiten des Nervensystems, von denen die Juden verschont sind. Geringer beteiligt sind sie, wie an anderer Stelle gezeigt werden wird, an allen alkoholistischen Erkrankungsformen und an der Epilepsie. Vor allem kommt es darauf an, immer die strenge Scheidung zwischen Juden und Ostjuden zu machen. Denn diese Scheidung faßt in sich die Trennung zwischen endogenen (von innen heraus) bedingten und exogenen (von außen her) erzeugten Leiden. Die Faktoren, die als exogene Schädigungen bei den Ostjuden und auch bei einem Teil der Westjuden wirken, brauchen hier nicht noch ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.