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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1926-01-01 · Heft 1-3 · p. Seite 81

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
3 (1926) (Neue Folge)
Issue
Heft 1-3
Date
1926-01-01
Page
Seite 81 (sequence 12)
Language
German
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81 sultieren, ein bedeutsames Moment abgibt. Aber die Steigerung kann so weit gehen, daß ein umschriebenes zwangsneurotisch-psychogenes Krankheitsbild entsteht, dessen zentrales Symptom die ununterbrochene Beschäftigung mit dem eigenen Gesundheitszustand und die Sorge um diesen bildet. Einer meiner so gearteten Patienten, ein deutscher Jude, diktierte täglich seiner Sekretärin seitenlange Berichte über seine Temperatur, — die er übrigens mit 36,5 schon für gesteigert hielt, — seine verschiedenen Sensationen und gesundheitlichen Erlebnisse in die Schreibmaschine und legte diese naturgemäß äußerst monotonen und langweiligen Elaborate täglich dem Arzte vor. — Wenn Goldscheider (s. o.) mir schreibt, die Juden seien um ihre Gesundheit sehr ängstlich besorgt und das subjektive Krankheitsgefühl spiele bei ihren Erkrankungen eine große Rolle, so trifft das mit dem eben Gesagten annähernd genau zusammen. Auch Oppenheim betont den „Hang des Juden zur Nosophobie, der uns überall und fast bei jedem dieser (sc. aus Rußland stammenden) Patienten begegnet, mag ihr Leiden ein psychisches oder ein körperliches, ein mit wenig Beschwerden verknüpftes oder ein qualvolles sein; der Kranke leidet viel weniger durch seine Krankheit als durch seine Reflexion über dieselbe; ja oft genug bildet diese sein einziges Leiden". Im ganzen glaube ich aus meinen eigenen Beobachtungen und denen der angeführten I Autoren — unter allem Vorbehalt — schlie- ' ßen zu dürfen, daß die Psychoneurosen bei i Juden sehr häufig sind, vielleicht zum Teil : häufiger als bei Christen. Nur fehlt hier vor \ allen Dingen eine Berufsstatistik, j aus der sich ergeben müßte, ob unter den Berufsklassen, denen die Juden heute zum größten Teil angehören, z. B. dem Kaufmannsstande, die genannten Erkrankungen bei Nichtjuden seltener sind. Daß Kaufleute überhaupt zu den Berufsklassen gehören, die das größte Kontingent zu den Psychoneurosen stellen, wird allgemein angenommen. Auf die möglichen Ursachen dieser Erscheinung ist schon oben hingewiesen worden. Die exogenen Momente spielen ja bei diesen Krankheiten eine große Rolle, und deren gibt es gerade für die Ostjuden eine Fülle und zwar namentlich solche, die als Krankheitsursache in erster Reihe in Betracht kommen. Ich brauche sie nach dem früher Gesagten nicht noch einmal aufzuzählen. Nur eine Aeußerung R. Becker's möchte ich anfügen: er meint, daß der Anteil der Juden an den Psychoneurosen (und den endogen-konstitutionell bedingten Psychosen) nicht sowohl durch Degeneration und Inzucht zu erklären ist als durch ein von Kindheit an in ihnen großgezüchtetes Minderwertigkeitsgefühl, das durch ihre eigenartige soziale Zwitterstellung erzeugt ist und zu seelischen Konflikten führt, die sich dann in den genannten Krankheitszuständen entladen. Ich glaube, daß in dieser Auffassung viel Richtiges liegt; der seelische Kampf zwischen diesen künstlich erzeugten Minderwertigkeitsgefühlen mit den normalen Selbstgefühlen ist ja nach Adler und den Ansichten seiner Schule besonders zur Erzeugung von Psychoneurosen geeignet. Wo die Bedingungen fortfallen, wo die ungehemmte Entwicklung in der Kindheit, im Pubertätsalter und später gewährleistet ist, dürften auch die Folgen zum Verschwinden kommen. Ich weiß nicht, welche Erfahrungen in Ländern gemacht worden sind oder gemacht werden, in denen nicht schon das Schulkind Zurücksetzung und Mißachtung von Seiten seiner nichtjüdischen Altersgenossen zu fühlen bekommt und der Erwachsende und Erwachsene auf Schritt und Tritt an seine jüdische Abstammung als an einen Makel oder

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