Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1926-01-01 · Heft 1-3 · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
3 (1926) (Neue Folge)
Issue
Heft 1-3
Date
1926-01-01
Page
Seite 80 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2650397-2650406-2650409--5386-2650781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

trautsein mit Freud*sehen Lehren (?, der Verf.) usw. eine Rolle spielen". Endlich gibt v. S a r b ö an, daß unter seinem Material bei 23 % Juden in der Bevölkerung Budapests Hysterie in 30 %, also in gesteigertem Maße (davon 77 Frauen und 17 Männer), Neurasthenie bei 25 % (17 Frauen, 32 Männer), also in nur mäßig die Bevölkerungsquote überschreitendem Grade gefunden wurde. Nimmt man einige Bemerkungen Sichel's hinzu, aus denen hervorgeht, daß eingewanderte Russen ganz eigenartige Bilder der Hysterie zeigen, die oft schwer von Schizophrenie (Jugendirresein) zu unterschei- , den sind, so ist damit das Wesentlichste zusammengestellt, was über die Frage der Psychoneurosen bei den Juden zu sagen wäre. Nur die Beobachtung Sichel's sei noch angeführt, daß in der Kriegszeit die hystelisch-degenerativen Formen psychischer Erkrankungen bei Nichtjuden um das 4 fache, bei Juden um das l1^ fache zugenommen haben. Diese Tatsache erklärt er in der Weise, daß die Juden seit Jahrhunderten so viele Verfolgungen und Katastrophen zu erdulden hatten, daß der Krieg für sie gewissermaßen nur „eine Katastrophe mehr unter vielen darstellte" und darum nicht den enormen Eindruck hervorrief, wie bei der vorher besser gestellten Bevölkerung. Ich halte diesen Erklärungsversuch nicht für sehr überzeugend. Meine eigenen Erfahrungen möchte ich, soweit sich das auf Grund summarischer Eindrücke tun läßt, dahin zusammenfassen, daß bei Ostjuden und ihren nächsten Abkömmlingen leichte und schwere Formen von Neurasthenie, Hysterie, Organneurosen und Zwangsneurosen einschließlich Tics sehr häufig sind. Ja, ich möchte glauben, daß die schwersten Fälle von Hysterie, die ich gesehen habe, zum großen Teil gerade Patienten dieser Provenienz betrafen. Aber ich kann, da mir statistische Unterlagen für die Beteiligung der Juden an meiner Gesamtpraxis fehlen, keine Entscheidung darüber fällen, ob ein besonderes Mißverhältnis zu Ungunsten der Juden nach dieser Richtung besteht. In der poliklinischen und Kassen-Praxis, in der die Nichtjuden entschieden überwiegen, kommen mir alle die genannten Krankheitszustände in großer Fülle jahraus jahrein zu Gesicht, und ich weiß deshalb nicht, ob mir nicht bei meinem Gesamteindruck dadurch eventuell ein Irrtum unterläuft, daß die Erinnerungen an die Privatklientel, die zum Teil länger und intensiver von mir persönlich behandelt worden ist, mir stärker haften geblieben sind. Sicher ist, daß die traumatischen (durch Unfall entstandenen) Psychoneurosen bei Juden nur in einem ganz verschwindendem Prozentsatz zu meiner Beobachtung gekommen sind. Ebenso sind die Patienten mit Beschäftigungsneurosen, von denen ich eine sehr große Anzahl behandelt habe und noch behandle, nur zu einem sehr geringen Teile Juden. Häufiger scheinen mir die S e x u a 1 - neurosen — Onanie, Impotenz usw. — bei ihnen zu sein. Aeußerst verbreitet bei den Juden — und zwar nicht nur bei den Ostjuden, sondern auch bei den in Deutschland seit Generationen ansässigen — ist, wie mir scheint, die besondere Form der Zwangsneurose, die wir Hypochondrie nennen, und die teils als Komponente aller möglichen Krankheiten (nicht nur des Nervensystems), insbesondere häufig auch der Hysterie und Neurastenie, teils auch mit gewisser Selbständigkeit bei psychopathischen Personen auftritt. In abgeschwächter Form zeigt sie sich als W e h - leidigkeit und Ueberängstlichkeit, die auch u. a. für die früher schon erwähnte Neigung, häufiger als andere den Arzt zu kon-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.