Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1-3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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— 79 lung der Lebensbedingungen in den letztvergangenen Jahrzehnten nach Aufhebung aller gesetzlichen Beschränkung ihrer individuellen Betätigung, sowie der verderbliche Einfluß, welchen rasch erworbener Reichtum auf die Erziehung und Lebensgewohnheiten der jetzigen Generation ausgeübt hat. Auch die gehäuften Verwandtenehen wirken unter diesen Umständen verderblich." Man muß diese Darlegungen eines Kenners der Neurosen vom Range Binswangens um so höher bewerten, als B. unter dem Begriffe „Neurasthenie" auch ein gut Teil von dem abhandelt, was wir heute „Psychopathie" nennen, und was als spezifisch jüdische Rasseneigentümlichkeit von zahlreichen Autoren ohne weiteres angesprochen zu werden pflegt. Es wird von anderer Seite darüber berichtet werden. Unter den Neurologen, die sich mit größerer Ausführlichkeit auf meine Anfrage geäußert haben, ist wieder der charakteristische Unterschied zwischen den in Polen und außerhalb Polens praktizierenden Herren auffallend, obwohl sicherlich auch die letzteren unter ihrer Klientel einen großen Prozentsatz Juden haben. So findet K1 o z e n - b e r g (Lodz), daß die. Neurasthenie, besonders die männliche, auch in der Form der sexuellen Neurasthenie, bei den Juden wesentlich in letzter Zeit zugenommen zu haben scheint. „Die Gründe liegen auf der Hand." Die Hysterie tritt unter ihnen sehr stark und oft auf, auch bei Männern, allerdings viel seltener in der Form großer Anfälle und Lähmungen als in anderer Form; besonders häufig sah er Singultus (Schluckkrampf). An den Organneurosen, Magen-, Darm-, Herz- und Blasenbeschwerden nervösen Ursprungs, sind die polnischen Juden in äußerst starkem Grade beteiligt, dagegen sind bei ihnen Tics (nervöse Zuckungen seelischen Ursprungs) und Beschäftigungsneurosen (Schreibkrampf und ähnliche Störungen) selten, und nicht häufiger als bei der übrigen Bevölkerung Angst- und Zwangsneurosen (wie Platzangst u. dgl.). — Ganz deutlich spricht sich über diesen Punkt Bychowsky (Warschau) aus: wenn man von den „jüdischen Neurosen" rede, so müsse man in Polen und Rußland außer den endogenen auch die „exogenen" Faktoren berücksichtigen: die schrecklichen politischen Verhältnisse, die schwierigen Erziehungsbedingungen (numerus clausus schon in den Elementarschulen usw.). — Sexualstörungen neurotischer Art (Impotenz) sieht er recht oft. Demgegenüber findet Marburg (Wien) Neurasthenie und Hysterie selten, häufiger Angst- und Organneurosen, und Popper (Prag) betont, daß, wenn man von den Erkrankungen des Involutionsalters (45.—55. Lebensjahr) absieht, worüber später zu berichten ist, — Hysterie im landläufigen Sinne, echte Sexualstörungen (und übrigens auch Psychopathien) unter Juden kaum in erhöhtem Maße vorkommen. Auch die Zahl der jüdischen Selbstmörder hält er nicht für auffallend hoch. „Vielleicht spielt hier das Vergleichsmaterial insofern eine Rolle, als ja die Slawen wohl eine erhöhte Bereitschaft zu einschlägigen Seelenanomalien darbieten." Zwangsneurosen zeigen die Juden in Prag nicht häufiger als die Christen, eher Angstneurosen und wohl in erhöhtem Maße Organneurosen. „Hingegen", schreibt Popper, „muß ich jene leichten, im Freudschen Sinne als komplexbetonten oder komplexerzeugten Krankheitszustände, jene Krankheitsformen, die die Hauptdomäne der modernen Psychotherapie bedeuten, als bei Juden häufiger vorkommend ansprechen. Doch bin ich mir darüber klar, daß hierbei nicht blos Gemütsart, Milieu, Bildungsverhältnisse, sondern vielleicht auch das Ver-