Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1-3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 75 - nicht selten Sexualstörungen (Onanie, psychische Impotenz usw.). Eine besonders bei Juden bemerkbare Häufigkeit konnte ich aus den oben angeführten Gründen nicht feststellen." Cassirer (Berlin) äußerst sich dahin, daß er alle in Frage stehenden Krankheiten auch bei Nichtjuden gesehen habe, insbesondere auch die Dystönien (s. u.), das intermittierende Hinken — nicht selten —. „Ein zahlenmäßiges Verhältnis kann ich freilich auch nicht schätzungsweise angeben." Nach Goldscheider (Berlin) ist „Hysterie bezw. hysterische Einschläge bei inneren Erkrankungen bei Juden entschieden häufig, sowohl bei Frauen, wie bei Männern, ebenso sehr häufig neurasthenische Zustände, zum großen Teil (wenigstens bei meinem Material) in Verbindung mit Stoffwechselanomalien (Fettleibigkeit, Plethora abdominalis, Gicht, Diabetes) und Arteriosklerose. Auch Nicotin-Abusus häufig mitwirkend, während Potus (Trunksucht) zurücktritt gegenüber christlichen Patienten. Von den Organneurosen spielt die Herz- und vasomotorische Neurose eine große Rolle. Syphilitische Erkrankungen finde ich nicht häufig. Sexuelle Neurosen, auch Impotenz, scheinen mir ziemlich häufig zu sein. Ich glaube, daß bei der Pathologie der Juden einerseits die Lebensweise, andererseits die Psychologie stark in Betracht kommen. Dieselben essen stark (Fleisch, Fett, Gemüse), bewegen sich zu wenig, vernachlässigen Gymnastik und Sport. Sie sind ferner um ihre Gesundheit sehr ängstlich besorgt, sowohl in egozentrischer wie altruistischer Beziehung (Eltern um die Kinder, Kinder um die Eltern) und sehr suggestiv veranlagt, das subjektive Moment des Krankheitsgefühls (ich habe dies in einem Aufsatz als das autoplastische Krankheitsbild bezeichnet) bildet m. E. einen großen Anteil an der jüdischen Pathologie". Während ich auf die ausführlichen Mitteilungen von Marburg (Wien), K1 o z e n - berg (Lodz), Bychowsky (Warschau), Popper (Prag) und v. Sarbö (Budapest) später im einzelnen eingehe, möchte ich aus meinen Erfahrungen heraus Goldscheider's Ausführungen nur einige Worte anfügen. Seine Beobachtungen in Bezug auf die Lebensweise erscheinen mir durchaus zutreffend, — aber in erster Reihe wohl nur, soweit sie sich auf die Bewohner östlicher Judenviertel bezw. auf solche Gruppen derselben beziehen, die den Kreisen der Kleinhändler und Kleinhandwerker zugehören. Hier ist ohne Zweifel die Lebensweise unhygienisch: Die Ernährung ist einseitig, vielleicht da noch mehr; wo rituelle Momente mitsprechen, „Bewegung", Gymnastik und Sport sind fast unbekannte Größen. Ich meine aber, daß man das nicht als „jüdische" Eigenart bezeichnen darf. Da, wo die Lebensbedingungen andere sind, ändert sich das mit einem Schlage. Es ist, wie ich das schon oben andeutete, nicht sowohl Sache der Anlage oder der „Rasse", als die des Milieus, des Berufs und der politisch-sozialen Verhältnisse. Der westeuropäische, amerikanische und sephardische Jude zeigt eine gänzlich andere Lebensführung, nicht nur in der Ernährung, sondern auch in der körperlichen Uebung. Es braucht nur auf die zahlreichen jüdischen Sport- und Turnvereine in Deutschland, Oesterreich, England und Amerika hingewiesen zu werden, aus denen bereits nach so wenigen Generationen eine stattliche Reihe bekannter führender Persönlichkeiten auf sportlichem Gebiete hervorgegangen ist. Die Provenienz des Krankenmaterials ist eben von ausschlaggebender Bedeutung, und dem Faktor „Milieu" kommt für die Frage der Häufigkeit von Nervenkrankheiten bei den Juden ein entscheidender Einfluß zu. Die später zu erwähnenden, an-