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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1926-01-01 · Heft 1-3 · p. Seite 74

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
3 (1926) (Neue Folge)
Issue
Heft 1-3
Date
1926-01-01
Page
Seite 74 (sequence 5)
Language
German
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- 74 — Die genannten Uebelstände würden eine statistische Verwertung des vorliegenden Materials auch dann verbieten, wenn man auf eine strenge Scheidung zwischen den Begriffen „Jude" und „Ostjude" schon verzichten wollte. Um ihnen zu begegnen, würde nicht einmal eine an Ort und Stelle, nämlich in den Hauptwohnsitzen der Ostjuden vorgenommene spezialärztliche Massenstatistik, die sich auf einen Vergleich mit der nicht jüdischen Bevölkerung unter Berücksichtigung der Berufsschichtung stützen müßte, völlig ausreichend sein. Denn sie würde immer noch den Faktor der größeren Konsultationsfreudigkeit der Ostjuden bezw. der größeren hygienischen Indolenz ihrer Umgebung als unverstopfbare Fehlerquelle enthalten. Solange aber nicht wenigstens eine solche Bestandsaufnahme vorliegt, ist eine exakte Beantwortung der Frage unmöglich. Ich könnte also von Rechts wegen meine Ausführungen mit einem „non liquet" hier beenden. Aber ich habe — ebenso wie viele, die vor mir und mit mir diesen Gedankengängen nachgingen — das Gefühl, daß bei der großen Zahl jüdischer Patienten, die ich jahraus jahrein sehe, eine schätzungsmäßige Antwort in gewissen Grenzen und unter aller Reserve auch ohne einwandsfreie Statistik möglich sein muß. Selbst nach Abzug und Einrechnung aller Fehlerquellen scheint es mir in diesem Rahmen denkbar, an die Frage heranzutreten, ob es spezifisch jüdische Nervenkrankheiten gibt, ob manche Nervenleiden bei den Juden überhaupt oder doch bei denjenigen Ostjuden, die wir in den Kliniken, Kurorten und ärztlichen Sprechstunden sehen, verhältnismäßig häufig sind und andere vielleicht eine eigenartige Färbung zeigen. Man darf nur dabei nicht aus dem Auge verlieren, daß es sich nicht um exakte Feststellungen, sondern lediglich um grobe Schätzungen oder, wie Popper schreibt, um den „groben Niederschlag von Eindrücken" aus langjähriger praktischer Tätigkeit handelt. Um mich aber nicht auf mein eigenes Gefühl und meine eigenen Erfahrungen allein verlassen zu müssen, habe ich (neben der Berücksichtigung der Fachliteratur) an eine Reihe namhafter Fachgenossen des In- und Auslandes, von denen ich annahm, daß sie eine besondere Erfahrung auf dem fraglichen Gebiete haben, ein R u n d s c h r e i b e n gesandt, in welchem ich sie bat, mir ihre „summarischen Eindrücke" über die Beteiligung der Juden an den Erkrankungen des Nervensystems bezw. über die Form, unter der diese bei ihnen auftreten, mitzuteilen. Darauf ging mir eine Anzahl von Antwortschreiben zu, die zum Teil in gedrängter Kürze, zum anderen Teil eingehend sich zu meiner Frage äußerten. Wallenberg (Danzig) schreibt: „Ihre Anfrage ist leider sehr schwer zu beantworten, da meine Statistik kaum als einwandfrei gelten kann. Denn während im Krankenhause Juden und Christen ziemlich gleichmäßig gemischt sind, wiegen in der Sprechstundenpraxis die Juden (Ostjuden) derart vor, daß sie für alle Krankheiten in erster Reihe in Frage kommen. Von einzelnen Krankheitsbildern sah ich bei Juden Psychopathie, Hysterie (nur weiblich!), Neurasthenie, Zwangs- und Angstneurosen, Paralyse, selten Tabes, selten cerebrospinale Lues (Hirn- und Rückenmarks-Syphilis), von Psychosen: Schizophrenie (Jugendirresein), zirkuläre Formen, Dementia senilis (Altersverblödung) mit und ohne Korsakoff (Psychose j mit Zeichen der Nervenentzündung), fast gar keine alkoholischen und toxischen (auf Giftwirkung zurückgehenden) Formen, dagegen

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