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Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden · 1926-01-01 · Heft 1-3 · p. Seite 73

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Journal
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
Volume
3 (1926) (Neue Folge)
Issue
Heft 1-3
Date
1926-01-01
Page
Seite 73 (sequence 4)
Language
German
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- 73 - Einstellung und Spezialerfahrung ab. Gerade die genannten Zustände sind es aber in erster Reihe, von denen allgemein die Annahme verbreitet ist, daß sie bei den Juden häufiger sind, als bei der übrigen Bevölkerung. Wir werden unten noch näher auf diesen Punkt eingehen. Es soll jedoch von vornherein auf einen Faktor hingewiesen werden, der das Urteil in dieser Frage, in der naturgemäß jede Statistik im Stiche läßt, noch weiter trüben muß. Unter den durch die äußeren Lebensbedingungen des Ghettos und des Judenviertels auf ein inniges Familienleben angewiesenen Ostjuden herrscht eine das Durchschnittsmaß übersteigende Fürsorge für ihre leidenden Angehörigen, und nicht nur die Bemittelten unter ihnen, sondern die große Zahl der weniger gut oder selbst der schlecht Situierten bringt die erdenklichsten pekuniären Opfer, um bei wirklichen oder vermeintlichen Krankheitsfällen ärztlichen Rat und ärztliche Hilfe dort zu erlangen, wo sie nach ihrer Meinung am besten zu haben sind. Daher kommt es, daß die gioßen Kurorte, die Kliniken und Sanatorien, sowie die Sprechstunden der Spezialärzte in vielen europäischen und amerikanischen Großstädten von Ostjuden in einem Maße bevölkert sind, das den Anschein erwecken kann, als wäre ihre Morbidität bedeutend größer als die anderer Volkskreise. Das trifft für die Psychoneurosen naturgemäß in besonders hohem Grade zu, da im Wesen dieser Erkrankungen ohnehin ein häufiger Wechsel des Arztes und des Heilsystems und nach manchen Mißerfolgen ein letztes Vertrauen auf einen bestimmten Arzt oder ein bestimmtes Sanatorium begründet liegt. Es wird unten gezeigt werden, inwieweit auch eine hypochondrische Komponente bei dieser Erscheinung mitspielt. Ich wollte aber hier nur beweisen, wie schwer es ist, eine Statistik über die Beteiligung der „Juden" an den Nervenkrankheiten aufzustellen und ihre Ergebnisse zu bewerten, wenn man sie — wie dies leider in der medizinischen Literatur nur zu oft geschehen ist — auf der Anzahl jüdischer Patienten in den Kliniken, Sanatorien oder spezialistischen Sprechstunden aufbaut. Sie muß fast mit Naturnotwendigkeit zu Trugschlüssen führen. Tatsächlich bilden denn auch die Literatur-Aeußerungen über diese Fragen ein Bild der Verwirrung und Uebertreibung, das kaum zu überbieten ist und noch dadurch vollends getrübt wird, daß man mitunter nicht recht weiß, ob von Nerven- oder Geisteskrankheiten oder von allem zusammen geredet wird. T o b 1 e r — um nur einige Beispiele zu nennen — hält alle Jüdinnen für hysterisch, B u s c h a n die meisten Juden für Neurastheniker, Z i e m s s e n sagt, ein neurotischer Zug ginge durch den ganzen Volksstamm, und auch Oppenheim äußert ohne weitere Begründung, „die Juden" hätten „anerkannt" eine Prädisposition zu Neurosen und Psychosen. Sucht man nach statistischen Unterlagen für die Beurteilung der prozentualen Beteiligung an Nervenleiden überhaupt oder an einzelnen Erkrankungen, so herrscht — im Gegensatz zu der Epilepsie und den Geisteskrankheiten und mit Ausnahme einiger besonderer, später zu erwähnender, selten vorkommender Krankheitsbilder — fast völlige Leere. Selbst die Zahlen von Sichel, der sich auf eine große Anstaltserfahrung stützt, sind für die Nervenkrankheiten nur wenig verwertbar, was bei der Art seines Materials (vorwiegend Psychosen) nicht verwunderlich ist.

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