Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Journal
- Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden
- Volume
- 3 (1926) (Neue Folge)
- Issue
- Heft 1-3
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 72 - oder einen Stamm oder eine Glaubensgemeinschaft versteht — oder die Bewohner der östlichen Judenviertel und Judenterritorien. Es kann als feststehend angesehen werden, daß die letzteren körperliche und seelische Stigmata zeigen, die bei andersgläubigen Schichten der gleichen Bevölkerung und bei Juden anderer Provenienz fehlen oder seltener sind. Diese Teile der Judenschaft lebten jahrhundertelang und leben noch heute unter abnormen Bedingungen, und zwar nicht einmal unter frei erwählten, sondern unter aufgezwungenen. Das ist aber gerade für unser Thema von entscheidender Bedeutung. Es soll nicht etwa negiert werden, daß es körperliche — und nicht minder psychische — Eigenarten gibt, die bei den Juden aller Länder häufiger vorkommen, als bei Nichtjuden. Es ist nur, wenn man nach Objektivität strebt, äußerst schwer, etwas „spezifisch Jüdisches" in Körperbau und im Seelenleben herauszudestillieren. Und wenn man es wirklich schon gefunden zu haben meint, so verbleibt immer noch die Frage: ist das Gefundene wirkliches Rassenmerkmal oder Einwirkung geschichtlicher Vorgänge, des Milieus, des Berufs, politischer oder sozialer Faktoren? d. h. sind es bleibende, vererbliche, e n - dogene, oder variable, exogene Elemente? — Wenn man die Erkrankungen und insbesondere etwa die Nervenkrankheiten der Japaner oder Bantuneger studieren wollte, so dürfte man dafür naturgemäß nicht eine noch so große Gruppe von ihnen verwerten, die seit Jahrhunderten fern von ihrem Lande in einer mit allen Machtmitteln versehenen feindseligen Umgebung gänzlich anomalen Lebensbedingungen unterworfen sind, und dann sagen: das sind japanische oder Bantukrankheiten, sondern man müßte sich an diejenigen Teile von ihnen halten, denen die freie Entfaltung ihrer Eigenart gewährleistet ist. Man darf deshalb — mit einem Worte — für die Nosologie (die Krankheitslehre) die Begriffe „Jude" und „Ostjude" nicht als gleichbedeutend oder stillschweigend gleichbedeutend gebrauchen. Es ist von vornherein nicht recht wahrscheinlich, daß es bei den Juden schlechtweg Krankheiten gibt, die bei Nichtjuden fehlen oder erheblich anders auftreten. Anders bei den Ostjuden, die wir Aerzte und speziell wir großstädtischen Spezialärzte aus bald zu erwähnenden Gründen so vielfach zu sehen bekommen. Diese Scheidung tritt aber in den bisherigen Statistiken nicht genügend hervor, und schon deshalb sind sie Jeider so wenig brauchbar und sind wir bei der Beurteilung der vorliegenden Fragen in letzter Linie auf summarische Eindrücke angewiesen. Das trifft auf dieNervenkrankheit e n nicht nur in gleichem Grade wie auf die Krankheiten anderer Organe zu, sondern darum in noch größerem Umfange, weil bei einem wichtigen Bruchteile dieser Erkrankungen, nämlich den Psychoneurosen und den Grenzzuständen nach den Geisteskrankheiten hin (Psychopathien), die Diagnostik in den nicht gerade sehr ausgeprägten Fällen in einem gewissen Grade der ärztlichen Willkür unterliegt. Ob in einem konkreten Falle eine beginnende Lungenentzündung, eine leichte Zuckerkrankheit oder ein Herzfehler usw. vorliegt oder nicht, ist oft leichter zu entscheiden, als ob man es bei einem bestimmten Falle mit einer schwachen Form vcn Neurasthenie, von Hysterie, von Psychopathie oder dergl. zu tun hat, oder ob die zu Grunde liegenden Störungen noch „in den Grenzen des Normalen" liegen. Hier ist die Entscheidung im Einzelfalle nicht selten subjektiv und hängt von der ärztlichen